20. November 2016

Lest mehr vor! Vorlesen ist Leseförderung

Vorlesen - meinefamilie.at

Was bewirkt das Vorlesen bei Kindern? Warum ist es so wichtig, dass vorgelesen wird? Und: Kann man richtig oder falsch vorlesen?

Mein Sohn liebt Geschichten. Er liebt es, vorgelesen zu bekommen. Irgendwie immer schon. Und wisst ihr was? Mein Mann und ich lieben es auch… ;-).

Eine jüngst in Deutschland präsentierte „Vorlesestudie“, die im Auftrag der Wochenzeitung DIE ZEIT, der Stiftung Lesen und der „Deutsche Bahn Stiftung“ durchgeführt wurde, zeigt es: 9 von 10 Kindern lieben das Vorlesen. Außerdem: Kinder wünschen sich, mehr vorgelesen zu bekommen. Und: Ein Drittel der Eltern liest nach der Meinung ihrer Kinder viel zu selten vor.

Dabei braucht es doch gar nicht viel für so einen richtig gemütlichen Vorlesenachmittag: ein bisschen Zeit, einen Platz, an dem man sich zusammenkuscheln kann, ein gutes Buch und los geht’s.

Dem Buch ein positives Image geben

Aber ist das mit dem Vorlesen wirklich so wichtig? Und kann man dabei nicht auch eine Menge falsch machen? „Das Vorlesen hat eine enorm wichtige Bedeutung, wenn es darum geht, Kinder an das Lesen und an Bücher heranzuführen“, sagt Heidi Lexe, Leiterin der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur (STUBE), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das literarische Angebot für Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund des vielfältigen Medienangebotes zu überblicken, zu erforschen und einzuordnen: „Vorlesen ist an eine Situation der Nähe gebunden, die zwischen Eltern und Kindern entsteht. Das wohlige Gefühl der Vorlesesituation wird in der Erinnerung mit dem Buch verknüpft. Damit erhält das Buch von Beginn an ein positives Image im Leben von Kindern und Jugendlichen.“

Vorlesen ist Leseförderung - meinefamilie.atGeschichten entdecken und benennen

Der kindliche Leselernprozess, so Heidi Lexe, beginne lange vor dem schulischen Lesenlernen. „Er ist an unterschiedliche Fähigkeiten geknüpft: Das Lesen von Bildern ermöglicht einerseits die Herausbildung kognitiver Fähigkeiten, andererseits die Lust am Entdecken und Benennen.“ Schon mit dem Bilderbuch, dann mit ersten Geschichten und Erzählungen für Kinder, die vorgelesen werden, entstehe die Lust daran, Geschichten zu folgen, so Heidi Lexe. „Es entsteht aber auch die Fähigkeit, Geschichten in ihrem Verlauf und ihrer Struktur zu erkennen. Das Vorlesen hat also nicht nur im Sinne der Leseförderung Bedeutung, sondern auch im Sinne der Literaturförderung.“

Vorlesen ist Leseförderung

Ganz wichtig, so die Expertin, sei es, nicht dann mit dem Vorlesen aufzuhören, wenn die Kinder selber lesen lernen. „Wenn Kindern sozusagen von Beginn an vorgelesen wird, haben sie im Alter von sechs Jahren schon eine erstaunliche Kompetenz entwickelt, Geschichten in ihren ganz unterschiedlichen Varianten und Erzählformen zu verstehen. Schulisch werden sie aber auf das mühsame M-A-M-A und M-I-M-I zurückgeworfen“, so Heidi Lexe. Gerade in dieser Zeit sei es umso wichtiger, die Lust an Geschichten und an Literatur wach zu halten.

„Die Lust am Buch soll gerade in dieser Zeit nicht von der Mühsal des buchstabierenden Lesens beeinträchtigt werden. Denn diese Lust an Geschichten wird dazu führen, dass Kinder später auch ohne Begleitung lesen.“

In dieser Zeit sollte dafür die Möglichkeit verstärkt werden, dass Kinder sich ihre Geschichten selbst aussuchen – zum Beispiel in der Bücherei. Der Zeitpunkt, wann Kinder oder Jugendliche vom Vorlesen zur Intimlektüre wechseln, habe eher mit dem kindlichen/jugendlichen Bedürfnis zu tun, für sich zu sein, als mit Fragen des Vorlesens und der Leseförderung.

Vorlesen: Ein liebgewonnenes Ritual

Und wie liest man jetzt „richtig“ vor? „Wie immer in der Literatur gibt es auch beim Vorlesen kein Richtig oder Falsch“, sagt Heidi Lexe. Natürlich mache es dem Kind viel mehr Spaß, etwas sehr lebendig vorgelesen zu bekommen. Wenn die Vorlesenden also verschiedene Stimmen und Tonlagen nutzen, Geräusche nachahmen und Ähnliches, ist das Zuhören viel spannender. „Viel wichtiger als das Wie sind für Kinder aber fixe Leserituale innerhalb der Familie. Das Vorlesen sollte jeden Tag an dasselbe – zum Beispiel abendliche – Ritual gebunden sein.

Der meinefamilie-Tipp: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur STUBE haben ein enormes Wissen, was Kinder- und Jugendliteratur betrifft. Wer möchte, kann sich hier auch zahlreiche Tipps holen, welche Bücher Einzug in die Familie und die Vorleserituale finden können.

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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