19. September 2017

Wie Kinder verzichten lernen – und Stärke entwickeln

Wie Kinder verzichten lernen - meinefamilie.at

Ist es nicht vollkommen egal, ob Anton vor oder nach dem Spielplatzbesuch fernsieht? Nicht ganz, denn verzichten zu können zählt zu einer der wertvollsten Lernerfahrungen, die wir Kindern schenken können.

Die fünfjährige Lara legt noch einmal an Lautstärke zu. Mit den Füßen auf den Boden stampfend brüllt sie ihre Mutter Katharina an: „Ich will aber noch ein weiteres Eis. Mir ist so heiß und nur ein Eis ist so wenig!“ Sie weint so lange, bis ihre Mutter ihr ergeben ein weiteres Eis kauft.

Einen anderen Kampf hat Sabine mit ihrem Sohn Anton auszufechten, der unbedingt noch vor dem Spielplatzbesuch „Das Dschungelbuch“ anschauen möchte. Sabine ist der Meinung, dass Anton sich zuerst draußen austoben soll, und es besser ist, wenn er erst vor dem Abendessen den Film anschaut. Aber Anton weigert sich, das Haus zu verlassen, denn er hat nur den Film im Kopf. Was das Fernsehen überhaupt betrifft, setzt sich Anton regelmäßig durch und schaut sehr viel häufiger und länger, als es Sabine lieb ist. Beharrt Sabine darauf, ihn nicht schauen zu lassen, bekommt Anton derartige Tobsuchtsanfälle, dass sie fast immer aufgibt.

Alle Eltern können von derartigen Auseinandersetzungen mit ihren Kindern berichten, bei denen sie mehr oder weniger unwillig nachgeben mussten, um den Hausfrieden wiederherzustellen.

Wie Kinder verzichten lernen - meinefamilie.atNicht wenige Eltern meiden schon im Vorfeld den Konflikt, indem sie von vorhinein durch großzügiges Ausgeben von Süßigkeiten, Geschenken und Fernsehzeiten mit weinenden und unzufriedenen Kindern gar nicht erst konfrontiert werden.

Tobende Kinder können zutiefst verunsichern

Breche ich seinen Willen, wenn ich auf meinem „Nein“ bestehe? Bin ich zu streng?, fragen sich viele. Und tatsächlich, wo ist das Problem, wenn Lara noch ein weiteres Eis bekommt und stattdessen halt kein Abendessen isst? Ist es nicht vollkommen egal, ob Anton vor oder nach dem Spielplatzbesuch fernsieht? Warum soll ein Kind, das tolle Spielzeug, das ihn aus der Schaufensterauslage anlacht, nicht gleich haben können? Wenn es doch pädagogisch wertvoll und gar nicht so teuer ist?

Nun, klar gibt es immer wieder Gelegenheiten, bei denen wir flexibel sein müssen und die jeweilige Situation großzügige Handhabung erfordert. Denn letztendlich handelt es sich ja meistens doch nur um Kleinigkeiten.

Aber abgesehen von den Werten, die den Eltern oben genannter Kinder vielleicht wichtig sind, wie die Bedeutung geregelter Essenszeiten oder die Wichtigkeit von Bewegung für ihr Kind, gibt es da noch ein anderes Thema.

Verzichten lernen heißt Toleranzschwelle erhöhen

Da ist das Thema mit dem Verzichten-Können. Lara soll lernen, dass kein weiteres Eis zu bekommen, kein Drama ist. Dass der Tag weitergeht und trotzdem noch schön werden kann, auch wenn es nur bei einem Eis bleibt. Eben deswegen, weil es sich nur um eine Kleinigkeit handelt. Anton soll lernen, das Fernsehen auf später zu verschieben, weil er vorher noch etwas Wichtigeres machen soll und so auch noch zwei Stunden Vorfreude dazugewinnt.

Wenn wir als Eltern sinnvolle Verzichte einfordern, verlieren wir weder die Zuneigung unserer Kinder, noch schaden wir ihnen.

Im Gegenteil, verzichten lernen heißt die Toleranzschwelle unserer Kinder zu erhöhen, und dies ist eine der wertvollsten Lernerfahrungen, die wir unseren Kindern schenken können. Verzichten zu können auf etwas, worauf man Lust hat, bedeutet Stärke zu entwickeln, eine Stärke, die später einmal sehr wichtig sein kann. Zum Beispiel wenn ein Jugendlicher Gruppendruck ausgesetzt ist oder Drogen angeboten bekommt.

Verzichten lernen und unabhängig von Launen werden

Kleine Verzichte auf eine Süßigkeit, die erst nach dem Essen gegessen wird, auf den Film, den wir erst gemeinsam am Wochenende anschauen oder das Glitzerkleid, das es nicht vor dem Geburtstag gibt, machen unsere Kinder unabhängig von den eigenen Launen. Sie lernen dadurch, dass Gelüste vorübergehen, wenn man sie aussitzt. Sie lernen „nein“ zu sagen zu momentanen Wünschen, die echten Bedürfnissen oft entgegenstehen.

Sie lernen es aber nicht von selber. Wie so oft braucht es die Anleitung von uns Eltern.

Dazu ist es notwendig, dass wir Eltern zwischen Notwendigkeiten und Extras, die nicht unbedingt notwendig sind, unterscheiden.

Und diese Extras sollen wirklich Extras bleiben, nicht etwas, auf das man jederzeit ein Anrecht hat. Eltern sollen dann bei ihrem „Nein“ bleiben, wenn sie der Meinung sind, dass es sinnvoll ist. Dass ein Kind sich darüber aufregt, ist sein gutes Recht, schließlich dürfen wir Erwachsene uns ja auch ärgern, wenn uns etwas nicht so passt.

Termintipp

Am 19. Oktober 2017 und 25. Jänner 2018 hält die Autorin einen Workshop zum Thema “Mein Kind hört nicht auf mich – was kann ich tun?
Infos und Anmeldung

GFO, Gesellschaft für Familienorientierung - meinefamilie.at

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