2. Juni 2016

„Eltern, verwöhnt euer Kind!“

Kinder verwöhnen im positiven Sinn - meinefamilie.at

Verwöhnung ist einer der wichtigsten Liebesbeweise, sagt Elterncoach Monika Distelberger. Schlecht ist das Verwöhnen dann, wenn Kindern Tätigkeiten abgenommen werden, die sie selbst tun könnten.

„Eltern, zeigt euren Kindern, dass ihr sie liebt!“, rät Elternbildnerin Monika Distelberger im Gespräch mit meinefamilie.at. Kinder im guten Sinn zu verwöhnen, also das Miteinander mit ihnen zu genießen, ihnen zu zeigen, ‚Ich hab dich lieb‘ und ‚Du bist mir wichtig‘, sei das Wichtigste. Die Basis der guten Beziehung kann sich gerade in Verwöhnsituationen widerspiegeln.

Verwöhnfallen sind jedoch da, wo Eltern ihren Kindern Tätigkeiten abnehmen, die sie eigentlich selbst könnten und sie dadurch an ihrer Selbstständigkeit hindern. Da, wo sie aus Harmoniebedürfnis dem Kind alle Wünsche erfüllen, aus Angst körperliche Herausforderungen nicht zulassen oder ihr Kind vor Konflikten schützen. Oder da, wo sie für das Kind ständig die eigenen Bedürfnisse zurückstellen.

meinefamilie.at: Wo ist die Grenze zwischen liebevoller Zuneigung und Verwöhnung überschritten? Wann verwöhne ich mein Kind zu sehr?

Monika Distelberger: „Dann, wenn ich mein Kind an der Selbstständigkeit hindere. Ein häufiges Problem ist, Sachen schnell erledigen zu wollen. Wenn ich sage, ‚Ich mach das schnell für dich‘, weil es schneller geht, obwohl das Kind das selbst kann, verwöhne ich das Kind. Ein Kind, das sich selbst die Schuhe bindet oder die Tasche packt, lernt die Welt zu begreifen und in den Griff zu bekommen.

Dazu braucht es konsequentes, bewusstes Zeitmanagement. Ich muss den Kindern rechtzeitig sagen, ‚Wir gehen dann, bitte zieh dich an‘. Und ich muss mich auch selbst entspannt zurücklehnen und darf mich daran freuen, dass das Kind Dinge selbst ausprobiert und schafft. Natürlich kann ich in Eile etwas für das Kind tun, doch es geht um eine grundsätzliche Haltung. Dem Kind immer alles abzunehmen, das es selbst kann, ist schlecht.“

Gibt es Altersunterschiede beim Verwöhnen?

„Wichtig ist, das Kind das machen zu lassen, was es kann und gern macht. Wenn ein einjähriges Kind gehen lernt, macht es das gern! Wenn es da in den Kinderwagen gepackt wird, wird ein 4- bis 5-jähriges Kind daraus, das mit dem Wagerl geschoben wird, weil sich die Eltern zum richtigen Zeitpunkt nicht die Zeit genommen haben. Die Tochter mit einem Jahr plagt sich dabei, ihr Essen selbst zu schneiden, aber sie will es selbst machen. Für das Kind ist es zwar schön, wenn ihm geholfen wird, doch es gewöhnt sich daran oder ist gekränkt, wenn dieses Service reduziert wird.

Wenn ein Kind etwas selber machen will und selber kann, muss ich ihm die Zeit geben, das zu tun.

Im Kleinkindalter gibt es zum Beispiel eine Phase, in dem Kinder gerne im Haushalt helfen, putzen und wischen – wenn ich sie in diesem Alter lasse, dann bleibt die Freude daran und es wird zur Selbstverständlichkeit. Wenn ich einem 14-Jährigen sage, er soll selber putzen, weil er jetzt alt genug ist, wird er diese Freude nicht haben.“

Vom Verwöhnen spricht man oft in Zusammenhang mit Geschenken und Dingen, die Kinder bekommen. Was ist das richtige Maß?

„Grundsätzlich ist es nicht schlecht, dem Kind etwas zu kaufen – wenn ich mich nicht vom Kind erpressen lasse, weil es etwas unbedingt möchte. Es darf nicht das Harmoniebedürfnis der Eltern im Vordergrund stehen, sie dürfen nicht aus schlechtem Gewissen etwas kaufen, weil das Kind im Supermarkt weint oder es wunschlos glücklich werden soll.

Kinder suchen die Auseinandersetzung und sie müssen auch lernen, nicht alles haben zu können. Außerdem muss man zwischen Wünschen und Bedürfnissen unterscheiden. Ich würde mein Kind nicht hungern lassen, aber wenn es sagt, dass es Hunger hat, brauche ich ihm keinen Keks geben, sondern einen Apfel.“

Eltern haben oft Sorge, Verwandte und Freunde verwöhnen das Kind zu sehr. Ist diese Sorge berechtigt?

„Es macht einen Unterschied, wenn es fremde Geschenke sind, aber Kommunikation ist ratsam. Ich habe eine Menge an Tanten und Großtanten, denen ich aber kommuniziert habe, zum Geburtstag brauchen sie nicht so viele Zuckerl bringen – das sehen sie auch ein. Ein dreijähriges Kind braucht nicht zehn neue Spielsachen, aber vielleicht braucht es Schwimmsachen für den Sommer. Wünsche für Geschenke zu kommunizieren ist vernünftig.“

Kindern Zeit zu schenken ist wichtig. Besteht Gefahr, das Kind mit zu viel Zeit zu verwöhnen?

„Zeit ist eine positive Verwöhnung. Das Kind braucht Zeit, in der ich mich ihm zuwende. Eltern müssen selbst spüren, was zu viel ist: Ab wann geht es mir als Elternteil nicht mehr gut? Wenn ich die Zeit mit dem Kind genieße und Spaß dabei habe, ist es positiv. Die Grenze liegt da, wo es um Selbstaufopferung geht, wenn ich nur mehr für das Kind da bin. Wenn ich als Mutter meine eigenen Bedürfnisse wahrnehme und für mich selber sorge, habe ich auch die Kraft für den Erziehungsalltag. Ich brauche die Kaffeepausen, sonst brenne ich als Mutter aus.

Als Mama kann ich meinem Kind auch zumuten, sich selbst zu beschäftigen.

Für das Kind ist das wertvoll, mir gefällt der Begriff ‚kreative Langeweile‘ – es wird ihm schon etwas einfallen. Das Ziel hinter allem ist die Selbstständigkeit. Wenn ich das Kind den ganzen Tag unterhalte, wird es immer jemanden zur Beschäftigung brauchen.“

Sie sind selbst Mutter von vier Töchtern. Was hat Ihnen geholfen, Ihre Kinder nicht zu sehr zu verwöhnen?

„Mir hat der Austausch mit anderen Eltern sehr geholfen. Dadurch habe ich Gespür dafür bekommen, was wirklich zu viel ist. Man verliert als Mutter ja oft auch das Gespür für die eigenen Bedürfnisse und oft heißt es, ‚wenn die Kinder zufrieden sind, bin auch ich als Mutter zufrieden‘. Doch es braucht Auszeiten.

Jeder Mensch hat seine eigenen Verwöhnfallen. Ich hatte nie ein Problem damit, meinen Kindern Freiheit zu lassen und ihnen viel zuzutrauen, doch mein Bild vom guten Muttersein war, ständig für die Kinder da zu sein. Durch den Austausch mit anderen kann man sich das bewusst machen, sich gegenseitig bestärken und Kraft holen.“

In Erziehungsratgebern ist von der Generation kleiner Tyrannen die Rede, die zu sehr verwöhnt werden. Merken Sie eine Tendenz in diese Richtung?

„Ich bin seit fast 20 Jahren in der Elternbildung tätig. Ich kann eine Tendenz beobachten, dass die Erziehungsstile immer unterschiedlicher werden. Vor 20 Jahren gab es eher einen partnerschaftlichen Erziehungsstil, heute sind die Erziehungsstile unterschiedlich – schwierig für das Kind wird es dann, wenn sie ständig wechseln. Wenn ich in der Erziehung alle Verwöhnfallen durchexerziere, schaffe ich die besten Bedingungen, um einen kleinen Tyrannen zu erziehen.

Monika Distelberger über Verwöhnen - meinefamilie.atUnter Umständen sind Eltern ängstlicher geworden, auch der Druck auf Eltern ist größer geworden bzw. setzen sich Eltern heute selbst stark unter Druck. Es braucht eine Erziehungsgelassenheit, dass sich Kinder mit viel Liebe gut entwickeln.“

Monika Distelberger arbeitet als Elternbildnerin, -beraterin und -coach in Niederösterreich, hat Erfahrung in der Beratung von Tagesmüttern und der Elternbildung beim Katholischen Bildungswerk. Sie ist Mutter von vier erwachsenen Töchtern.

 

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EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Steindl

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


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