13. Januar 2017

Unsere Tochter Laetitia: „Sie ist toll, weil sie ist“

Laetitia - meinefamilie.at

Laetitia hat eine Behinderung. Während der Schwangerschaft raten Ärzte den Eltern zur Abtreibung. Doch sie bekommen das Kind, und damit einen liebenswürdigen Menschen, der sie vor Oberflächlichkeit bewahrt. Einen Menschen der toll ist, einfach weil er ist.

Maximilan Cech, 39, lebt als Chirurg in Krems in Niederösterreich, vernäht seine Wunden bei Radunfällen im Akutfall gern auch mal selbst und ist vor kurzem zum vierten Mal Vater geworden. Diesen Beitrag hat er für das Magazin „Melchior“ geschrieben und uns zur Verfügung gestellt.

Montagmorgen, Herbst 2010. Ich hatte gerade die zweite Narkose eingeleitet, als sich meine Frau meldete: „Unser Kind ist behindert, hat schwere Fehlbildungen an den Beinen, mehr kann man bis jetzt noch nicht sagen.” Ich schaue aus dem Fenster, erstarrt, 1000 Gedanken, 1000 Bilder, unser neues Zuhause, die Hochzeit, die Wallfahrt nach Mariazell, der letzte Abend auf den Malediven. Was soll das jetzt sein?

Vorstellung in einer Wiener Spezialambulanz für komplizierte Schwangerschaften. Der Verdacht bestätigt sich. „Gut, wir haben die 20. Woche, Sie haben genügend Zeit, die nächsten Schritte zu überlegen”, so der behandelnde Arzt. „Es ist schwer abzusehen, welche Behinderungen noch vorliegen. Sie müssen auch an die Möglichkeit einer Abtreibung denken.”

Ein Sechs-Augen-Gespräch mit einer Psychologin folgt.

Wir nun wieder zu Hause, wir mit einem „Monster” im Bauch. Ist unser Leben jetzt zu Ende?

Vertrauen haben

Ein Zufall? Pech gehabt? Nein, einfach das Leben von Menschen und Vertrauen in die liebende Vorsehung Gottes. Unsere Entscheidung ist klar, keine weiteren Untersuchungen und schon gar keine Abtreibung. Warum? Das Motto unserer Hochzeit war ein Zitat des heiligen Benedikts: „Die Freude Gottes ist der Mensch, der lebt!”

Laetitia, so soll sie heißen, sie ist die Freude Gottes, deshalb soll sie leben. Dennoch, monatliche Kontrollen in der betreuenden Spezialambulanz zermürben uns, lassen uns unsere Grenzen spüren. Manche Ärzte lassen uns wie naive, ungebildete, verkopfte Idioten fühlen, die – selbst schuld – ihrem Untergang entgegen gehen.

Doch Gott ist nah, vielleicht so nah wie noch nie. Unsere Knie noch nie so fest an die Kirchenbank gedrückt. Unsere kurze Ehe, unsere junge Beziehung macht Riesenschritte, mein Blick auf meine Patienten ist anders, mein Leben, alles ist anders.

Das vermeintliche Monster ist so schön

Die Geburt, jetzt ist sie da, Laetitia, das vermeintliche Monster, wie schön sie ist. Meine Frau wird nie die erste Nacht vergessen. Laetitia sieht sie mit ihren dunklen, braunen Augen an, als würde sie wissen, welche Schmerzen, welche Ängste sie durchlebt hat. Ihr Blick, so durchdringend wie der Blick Jesu, der zu Petrus sagt: Liebst du mich?

Von der ersten Woche an Gips an beiden Beinen, Schienen an beiden Händen, Operationen und Operationen. Beide Füße, linke Hüfte, linkes Knie, rechtes Bein, Fixateur externe, Fieber, Schmerzen, Infusionen zu Hause, Physiotherapie, Ergotherapie und doch regiert die Freude, eine neue Freude, die alle Ängste besiegt.

Nicht die Zukunft, heute ein Tag in seinen liebenden Händen.

Wieder einmal sitzen wir in der Spitalskapelle der kinderorthopädischen Abteilung. Ihr rechtes Bein aufgespannt zwischen Eisenstangen. Vor uns das Kreuz. Meine Frau sagt: „Schau mal, der hat auch Eisennägel in seinen Füßen.” Laetitia, gerade mal drei Jahre alt, schaut, als würde sie verstehen.

Ein Mensch, ein Kind mit Lebensfreude

Sie lernt stehen, sie lernt gehen, sie springt im Trampolin, sie genießt den Kindergarten und ihre kleinen Brüder.

Sie hat Freunde und sie lebt, vielleicht sogar mehr als andere.

Sie ist wütend und froh, verärgert, stur und liebenswürdig, ein Mensch, ein Kind.

Sie ist nicht toll, weil sie einen tollen Charakter hat, weil sie alle mit ihrem Wesen überrascht. Sie ist toll, weil sie ist. Das genügt, das ist es wert.

Sie ist die Wunde meines Lebens, die mich täglich vor Ablenkung und Oberflächlichkeit bewahrt. Sie ist die Wunde und die Hoffnung, die mich an den zieht, der unter der Last des Kreuzes zusammenbricht und sagt: „Siehe, ich mache alles neu!”

Melchior Magazin - meinefamilie.at

Melchior erscheint zweimal pro Jahr. Fülle dieses Formular aus und du bekommst das Magazin bis auf Widerruf zugeschickt. Für Melchior bezahlst du, so viel du willst: Richtpreis ist EUR 7.50. Keine Bindung. Keine Kündigungsfrist. 

Felder mit einem * sind Pflichtfelder.


EIN ARTIKEL VON
  • Melchior

    Das Melchior Magazin ist auf der Suche nach dem Schönen, Wahren, Guten und zeigt dies durch Porträts, Lebenszeugnisse und beeindruckende Geschichten auf. Es erscheint zweimal pro Jahr und stellt seinen Lesern frei, wie viel sie für das Abo bezahlen möchten.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at