11. Januar 2016

Trotzphase – was jetzt? Ein Führerschein für Eltern

Trotzphase - meinefamilie.at

Welche Möglichkeiten haben Eltern, ihr Kind durch die Trotzphase zu begleiten? Familientrainerin Christine Wally-Biebl stellt die wichtigsten Haltungen und praktische Tipps vor.

Simon ist zweieinhalb und geht mit Mama einkaufen. Im Supermarkt sieht er ein Sackerl Gummibärli und weiß: „Die will ich haben.“ Seine Mama möchte sie aber nicht kaufen. Simon protestiert, er schnappt sich das Sackerl und will davonlaufen. Die Mama ruft: „Leg das weg!“ Simon protestiert massiver, er schreit und weint, die Mama schimpft. Jetzt stehen auch schon Zuschauer um die beiden herum. Dann schafft Mama irgendwie, Simon das Sackerl zu entreißen und ihn unter Schreien und Weinen ins Auto zu zerren. Für Simon ist seine Mama böse, die ganze Welt böse und Gummibärli hat er erst recht keine. Seine Mama hat Frust auf Simon und sich selbst.
Wie könnte die Situation alternativ ausgehen? Weil Simon unbedingt Gummibärli haben und seine Mama einen Wutanfall verhindern möchte, kauft sie ihm das Sackerl. Im Auto aber schimpft sie: „Das war das letzte Mal!“

Beide Möglichkeiten sind ungesund für die Eltern-Kind-Beziehung und die Entwicklung des Kindes. Im ersten Fall lernt Simon, dass die Mama anschafft und er nichts zu sagen hat. In der zweiten Situation lernt er: Ich muss nur laut genug schreien, dann krieg ich, was ich möchte…

Trotzphase: Kinder zwischen 1 ½ und 4 Jahren

So beschreibt Familientrainerin Christine Wally-Biebl eine typische Situation während der Trotzphase, einer Phase, die Kinder im Alter zwischen 1 ½ und vier Jahren durchlaufen. Es ist die erste Autonomiephase und damit ein wichtiger Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Die Kinder erkennen sich selbst, testen das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz – eine spannende, aber auch anstrengende Zeit für die Eltern als auch die Kinder.

In dieser Zeit braucht bloß das Falsche am Teller zu liegen oder die falsche Hose ausgesucht werden – plötzlich bringen die Kleinkinder ungeheuerliche Kräfte auf, um sich zu wehren. „Eltern erleben Angst, Ohnmacht und Wut; sie fragen sich, was sie falschgemacht haben. Sie können die Anfälle nicht verhindern, doch sie können die Dauer und den Verlauf der Phase beeinflussen“, erklärt die Familientrainerin Wally-Biebl.

Wutanfälle, um die innere Spannung abzubauen

Was löst die typischen Trotzanfälle bei Kindern dieses Alters aus? „Die Kinder ärgern sich, wenn etwas nicht funktioniert. Sie haben Ideen. Sie kennen zum Beispiel einen Knopf und ein Knopfloch und wissen, dass der Knopf in das Knopfloch gehört – aber der verflixte Knopf geht nicht hinein“, beschreibt Wally-Biebl einen möglichen inneren Konflikt.

Ein anderer Auslöser: Die Ordnung wird gestört. Ordnung ist für Kinder dieses Alters etwas Wichtiges, sie brauchen Wiederholungen und gleichbleibende Rituale. Wenn Kinder plötzlich von einem roten statt einem grünen Teller essen oder aus einem Häferl ohne Blumen-Motiv trinken sollen, ist ihre Ordnung gestört. „Das Kind kann die Spannung zwischen Können und Wollen nicht aushalten. Es ist gefangen zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen, dazwischen gibt es nichts. Die Wutausbrüche helfen ihm, die Spannung abzubauen“, sagt Wally-Biebl.

Trotz sei eigentlich ein irreführender Begriff, erklärt die Familientrainerin, denn in diesem Alter bedeute der Trotz nicht, dass das Kind gegen etwas rebelliert. Stattdessen werde das Kind mit Gefühlen überschwemmt und „explodiert“. Es brauche den Wutanfall, um die Verzweiflung auszuhalten. Nach einem solchen Anfall ist das Kind völlig fertig und außer sich, es hat keine Idee, was gerade geschehen ist.

Botschaft an die Eltern: Bitte durchhalten

„Das Kind muss erst lernen, mit diesen starken Gefühlen umzugehen, es braucht seine Eltern, um wieder zur Welt zurückzufinden. Daher sollen die Eltern bitte dableiben, aushalten und durchhalten. In einem akuten Trotzanfall ist es gut, dem Kind zu vermitteln: Ich halte die Gefühle mit dir aus. Dann erkennt das Kind, dass es das irgendwann auch aushalten kann“, beschreibt Wally-Biebl die Situation aus der Sicht des Kindes.

Im Alltag ist es für Eltern nicht einfach, mit den Anfällen gut umzugehen. „Wenn wir Stress und Zeitnot oder gewisse Vorstellungen haben, wie etwas ablaufen soll, fallen wir in einen Machtkampf hinein – und da gibt es oft nur Verlierer.“ So ist es auch in der eingangs beschriebenen, typischen Supermarkt-Situation. Was rät die Expertin? „Die wichtigste Botschaft: Das Nein ist aushaltbar, aber die Liebe soll bleiben.“

Mit der Trotzphase richtig umgehen: Ein Führerschein für die Trotzphase

Und wie geht das praktisch? Wie kann ich als Elternteil aus dem Machtkampf aussteigen? Welche Möglichkeiten habe ich, mein Kind durch die Trotzphase zu begleiten? Christine Wally-Biebl stellt einen „Führerschein“ vor, der die wichtigsten Haltungen zusammenfasst.

  1. Mit Gefühl und wachem Auge

Das Kind und seine Gefühle ernstnehmen. Bei einem Anfall – z.B. im Supermarkt – sind Eltern nicht mehr in Kontakt mit dem Kind, sondern versuchen nur krampfhaft, die Situation zu beenden. Da ist es gut, sich auf das Kind einzustellen und Worte für die Gefühle des Kindes zu finden: „Du ärgerst dich, wenn du das jetzt nicht bekommst.“ Auch ohne Worte kann die einfühlsame Haltung ankommen – entscheidend ist, dass sie Eltern und Kind langfristig hilft, mit den Gefühlen umzugehen.

Verständnis zu zeigen heißt nicht, Einverständnis zu haben. Die Botschaft muss lauten: Die Gefühle des Kindes sind erlaubt, alle Gefühle dürfen sein, aber bestimmte Handlungen müssen beschränkt werden. Das Kind darf kein Wasserglas auf dem Teppichboden ausleeren – aber es darf sich darüber ärgern, dass es nicht erlaubt ist.

Es lohnt sich, sich Zeit zu nehmen. Wenn die Mama ihrer Tochter in einer stressigen Situation keine Gelegenheit gibt, die Jacke selbst anzuziehen, obwohl sie das normalerweise tun darf, ist ein Trotzanfall wahrscheinlich. Besser: dem Kind helfen, damit es schneller geht. Es lohnt sich, sich Zeit zu nehmen, um mit dem Kind in Kontakt zu kommen.

Eltern dürfen außerdem nicht vergessen, dass Trotz viele Gesichter haben kann. Oft ist das Kind einfach müde, hungrig oder ihm ist langweilig.

  1. Vorausschauend fahren: Miteinander planen

Je kleiner das Kind ist, desto kleiner ist auch die Zeitspanne, die Eltern planen können. Kinder leben im Hier und Jetzt. Es hilft, miteinander zu planen – Christine Wally haben zum Beispiel Eieruhren geholfen, die dem Kind anzeigen, dass es noch zehn Minuten spielen kann.

  1. Vorbeugen und Engstellen umfahren

Statt einem ständigen Nein, einem ständigen Verbieten, können Eltern die Umgebung verändern: Wenn das Kind nicht auf der Couch springen darf, gibt es vielleicht eine Matratze, die ich ihm anbieten kann? Eltern können ihren Kindern Auswahlmöglichkeiten bieten. Wenn es keine Option ist, nicht hinauszugehen, kann ich dem Kind anbieten: Möchtest du mit dem Puppenwagerl oder mit dem Auto in den Park? Das Kind miteinbeziehen und zum Mitmachen einladen: Wenn es die Butter nicht selbst streichen kann, weil dann der ganze Tisch mit Butter voll ist, kann ich ihm anbieten, das Brot mit Gemüse zu belegen.

Kinder im Allgemeinen und besonders jene im Trotzalter brauchen Rituale. Christine Wally-Biebl rät: Die Übergänge im Tagesablauf bewusst gestalten, ein Morgenritual einführen, ein Ritual zum Schlafengehen – das gibt Sicherheit.

  1. Sparsam bremsen

In diesem Punkt sind die Tipps zusammengefasst:

  • Öfter ja als nein sagen.
  • Zutrauen und Zeit schenken.
  • Das Kind eigene Sachen selbst machen lassen.
  1. Hohe Drehzahlen vermeiden.

Wenn Eltern selbst ruhig sind, ist auch ihr Kind ruhiger, denn Gefühle sind hochansteckend! Äußere Ruhe führt zu innerer Ruhe. Daher brauchen Eltern Zeit zum Auftanken und für Pausen. Kinder brauchen zufriedene Eltern, die gut für sich selbst sorgen. Wenn sich Eltern Auszeiten nehmen, ist das ein Geschenk an ihre Kinder.

Christine Wally-Biebl ist Mutter von vier Kindern, diplomierte Lebens- und Sozialberaterin und leitet Elternseminare zum Thema Kommunikation und Konfliktlösung. Beim Jako-o-Familienkongress referierte sie zum Thema „Vom Können, Wollen, Dürfen – Motzzwerge im Abmarsch“.

Lies auch: 5 Stützen, um das Selbstwertgefühl von Kindern zu stärken

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Reinsperger

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at