25. Oktober 2016

Tröstest du dein Kind?

Trost in der Erziehung - Kinder trösten - meinefamilie.at

“Ist ja nichts passiert”, sagen wir unserem Kind, wenn es hingefallen ist. Tatsächlich? Warum unsere Kinder Trost brauchen – und wir als Eltern auch.

Sitzt man mit anderen Eltern zusammen, tauscht man sich gerne aus und stellt viele Fragen. „Tröstest du dein Kind?“ habe ich noch nie zu hören bekommen. „Natürlich tröste ich mein Kind!“ würde man wohl etwas empört darauf antworten, „Das ist doch selbstverständlich!“

Und tatsächlich: Wir sind darauf programmiert, ein weinendes Baby hochzuheben und beruhigen zu wollen. Wir besitzen die Fähigkeit der Empathie und können mit unseren Mitmenschen oder sogar fiktiven Figuren aus Buch und Fernsehen mitleiden. Die Spiegelneuronen sorgen dafür, dass wir sogar Schmerz in gewisser Weise mitempfinden können. Das sollte uns doch zu perfekten Tröstern machen.

Und doch meine ich, dass das Thema Trösten unbedingt einmal angesprochen gehört. Denn ich bin davon überzeugt, dass wir es mit unserem Trost alle sehr gut meinen – und dabei unseren Kindern doch nicht immer eine Stütze sind.

“Alles nicht so schlimm…?”

Ein Beispiel: Das Kind läuft am Spielplatz, stolpert und fällt hin. Es weint. „Ist ja nichts passiert“, sagt die Mutter freundlich und hilft dem Kind auf, „Alles nicht so schlimm!“. Es ist aber etwas passiert. Das Kind hat die Kontrolle über seinen Körper verloren und ist gefallen.

Ich persönlich wäre zumindest verunsichert, würde ich beim Laufen hinfallen. Vielleicht wäre ich auch verärgert über meine verschmutzte Hose. Oder es wäre mir peinlich, wenn andere meinen Sturz beobachtet hätten. Und eventuell würde mir selbst nach so einem kleinen, unspektakulären Sturz das Knie weh tun.

In jedem Fall würde ich sehr gerne zu allererst selbst meine Lage beurteilen. Meine Gefühle und meinen Schmerz wahrnehmen. Und richtig einordnen. Und dann hoffentlich selbst erkennen können: „Ach, zum Glück nicht so schlimm!“

Auch ein Kind macht sich gerne selbst ein Bild der Lage. Es ist gut, wenn es dabei Mutter, Vater oder sonst eine Vertrauensperson an seiner Seite hat, die es unterstützt. Etwa, indem sie ihm bei der Einschätzung der Lage begleitet. „Oh, du bist gestürzt!“, könnte sie sagen. „Was ist denn passiert? Tut dir etwas weh? Bist du erschrocken? Warst du zu schnell unterwegs? Ragt hier vielleicht wo eine Wurzel aus dem Boden?“

Viele Frage-Möglichkeiten, die dem Kind helfen herauszufinden, was denn passiert ist. Und vielleicht auch warum.

Wir haben sicher alle schon einmal erlebt, dass es uns besser ging, dass wir Trost erfahren haben, einfach weil da jemand war, der uns zugehört hat.

Trost ist Zuwendung

Laut Wikipedia ist Trost zwischenmenschliche Zuwendung an jemanden, der trauert oder anderen seelischen bzw. körperlichen Schmerz zu ertragen hat. Der Schmerz und die Traurigkeit des Getrösteten sollen gelindert werden. Er soll spüren, dass er nicht allein gelassen ist. Seine seelische Verfassung soll gestärkt werden. Ich möchte die seelische Verfassung meiner Kinder auf jeden Fall stärken. Theoretisch habe ich mittlerweile verstanden, wie das geht. Im Alltag mache ich aber viele Fehler beim Trösten.

 

Oft, weil ich mir selbst mit meinen Gefühlen im Weg stehe. Weil ich müde, überfordert, genervt bin – und selbst Trost, im Sinne von aufrechtem Interesse an meiner Gefühlslage, gebrauchen könnte. Gerade als Mutter von jungen Kindern muss man ständig handeln. Zeit zum Verweilen, Erforschen und Beurteilen der eigenen Gefühlslage muss man ganz gezielt schaffen. Und das ist wichtig.

Wenn ich mir selbst keinen Trost gönne, wie sollen ihn dann meine Kinder von mir erfahren?

Daher bemühe ich mich jetzt, öfters am Tag einige Minuten innezuhalten und mich zu fragen: „Was ist heute passiert? Was fühle ich? Wodurch würde ich mich besser fühlen?“. Manchmal reicht das. Manchmal braucht es aber auch den Griff zum Telefon. Eine Freundin oder den Ehemann anrufen und um ein kurzes Zeitgeschenk bitten. Kurz zuhören, wenn ich meine Gefühle ordne.

Ich brauche auch Trost

„Trost ist Zuwendung an jemanden, der trauert oder anderen seelischen bzw. körperlichen Schmerz zu ertragen hat.“

Vielleicht trauere ich um die Zeit, als der Boden um den Esstisch herum nicht nach jeder Mahlzeit einer Generalreinigung unterzogen werden musste. Vielleicht bereitet mir das fröhliche Gekreische meiner Kinder auf Dauer Ohrenschmerzen. Vielleicht tut es mir in der Seele weh, wenn ich eine schöne Verabredung absagen muss, weil das Kind Fieber bekommen hat.

Das muss ich mir eingestehen, mir gegebenenfalls Trost suchen. Damit ich auf meine Kinder und ihre Gefühle angemessen reagieren kann.

Denn wenn ich selbst getröstet bin, ist für mich ganz klar: Wenn mein Kind weint, schreit oder tobt, fühlt es sich im Moment nicht wohl. Ganz egal, ob ICH das nachvollziehen kann! Es ist mit Gefühlen konfrontiert, die es sich nicht wünscht: Schmerz, Angst, Scham, Trauer, Ärger, Wut.

Mit solchen Gefühlen umzugehen ist keine leichte Sache und muss erst erlernt werden. Ich kann – und will – meine Kinder dabei unterstützen.

Trost spenden: Da sein. Vielleicht Fragen stellen. Auf jeden Fall zuhören. Nicht urteilen. Beim nächsten Wutanfall, weil ich das Buch kein viertes Mal vorlese. Bei der Trauer, weil die Oma am Abend heimgeht – auch wenn sich die Trauer in Gekreische äußert. Beim Streit der Geschwister um ein Spielzeug – selbst wenn dieses eigentlich in zweifacher Ausführung vorhanden wäre.

Vielleicht sollten wir in der nächsten Elternrunde einmal fragen: „Wann bist du das letzte Mal getröstet worden?“

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EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Mit meiner Familie wohne ich derzeit in Wien, träume aber vom Haus am Land – am Balkon übe ich fleißig das Gärtnern. Außerdem koche ich mit Begeisterung und liebe - nicht nur in der Küche - unkonventionelle Ideen.


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