22. März 2016

Wenn Kinder trauern

Wenn Kinder trauern - meinefamilie.at

Ein Todesfall in der Familie ist für die Kleinsten oft noch unfassbarer als für die Erwachsenen. Wenn Kinder trauern, erfordert diese Situation sehr viel Fingerspitzengefühl – und auch Ehrlichkeit um ihre Fragen zu beantworten und mögliche Ängste zu vertreiben.

Aus gegebenem Anlass in unserem Freundeskreis möchte ich mich heute dem Thema Tod und Trauer widmen. Für niemanden ist es einfach, wenn ein lieber Freund oder gar Verwandter stirbt. Wie gehen aber Kinder mit diesem Verlust um?

Kinder trauern unterschiedlich

Vor ein paar Wochen kam eine Schülerin in der Früh und erzählte mir freudestrahlend und lächelnd über das ganze Gesicht: „Gestern ist mein Opa gestorben!“ Ich muss sie ziemlich entgeistert angesehen haben, denn ihr Blick wurde immer drängender. Sie wartete auf eine Antwort meinerseits. Was tut man, wenn ein Kind so ganz offensichtlich den Inhalt des Gesagten (noch) gar nicht verstanden hat? Ganz anders ein Schüler, der völlig aufgelöst mit rot geweinten Augen in der Klasse saß, nachdem seine Oma gestorben war. Er war wiederum so tief in seiner Trauer versunken, dass niemand an ihn herankommen konnte. Und dann die kleinen Kinder meiner Freundin, deren Großvater gestorben ist, die so viele Fragen haben, dass man mit dem Antworten gar nicht nachkommt:

Wo ist der Opa jetzt? Kann der Opa mich sehen? Wie sieht der Opa jetzt aus? Sitzt er neben dem lieben Gott auf einer Wolke? Was bekommt er jetzt zu essen? Könnte der Opa neben mir in der Straßenbahn sitzen und ich erkenne ihn gar nicht?

Tod und Leben gehören zusammen

Wenn man selbst nicht direkt betroffen ist, sagt sich das so einfach: Das Leben und der Tod gehören unzertrennbar zusammen. Niemand lebt ewig, alle, die jetzt leben, müssen irgendwann einmal sterben. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Das Unfassbare am Tod ist aber die absolute Endgültigkeit. Ist jemand gestorben, kommt er nie mehr zurück. Kindern diese Tatsache vorzuenthalten ist wenig sinnvoll, denn irgendwann werden sie auf jeden Fall damit konfrontiert sein.

Wenn Kinder Fragen stellen

Die Fragen, die kleine Kinder haben, sind oft für uns Erwachsene nicht nachvollziehbar oder kommen so überraschend, dass wir nicht wissen, wie wir antworten sollen. Am wichtigsten ist für uns Christen wohl, bei der christlichen Wahrheit zu bleiben. So können wir auf die Frage, ob der Opa vielleicht jetzt im neugeborenen Cousin weiter lebt, nicht mit ja antworten, denn die Wiedergeburt entspricht nunmal nicht unserem Glauben. Wenn wir dem Kind sagen, dass „der Opa Platz gemacht habe für den neuen Cousin“ (was ich letztens gehört habe), so ist das zwar ein für Erwachsene sicher sehr schönes Bild, es entspricht aber ganz bestimmt nicht der Wahrheit und das Kind wird möglicherweise den kleinen neuen Cousin hassen: Der geliebte Opa musste gehen, nur damit dieses runzlige Etwas bei der Tante im Stubenkorb liegen darf!

Als meine Großmutter, also die Ur-Großmutter meiner Kinder starb, war unser Jüngster noch sehr klein. Er hatte mitbekommen, dass die Ur-Omi im Krankenhaus war, dass sie schwach war, nicht mehr gehen konnte und zum Schluss hin nicht mehr ansprechbar war. Schließlich war sie im 85. Lebensjahr im schönsten Sinne des Wortes entschlafen. Ich persönlich empfand es als genau das, was sich meine Großmutter immer gewünscht hatte: einschlafen und erst bei Gott wieder aufwachen. Der liebe Gott hatte sie zu sich geholt. Als ich das meinem Kleinen damals so erklärte, schaute er mich groß an und fragte: „Aber er ist doch ein lieber Gott! Warum hat er die Ur-Omi dann sterben lassen und nicht gesund gemacht?“ Gott wieder als den lieben Gott zu etablieren war damals ein hartes Stück Arbeit.

Die richtige Antwort gibt es leider nicht

Sagt man dem Kind ganz ehrlich, dass der liebe Verwandte an einer Krankheit gestorben ist, so kann es sein, dass das Kind fortan jedes Mal, wenn es selbst oder jemand naher Verwandter krank ist, Todesangst bekommt: Wer krank ist, muss sterben. Ebenso verhält es sich mit dem Fall, dass ein naher Angehöriger im Krankenhaus gestorben ist: Wehe, man muss wegen einem gebrochenen Bein ins Krankenhaus – da stirbt man doch! Nur nicht ins Krankenhaus gehen!

Wir Erwachsene müssen auch aufpassen, wie wir den Tod an sich erklären: Sagen wir, er sei wie ein tiefer Schlaf oder wie eine lange Reise, kann das Kind durchaus Angst bekommen vor dem Einschlafen oder Todesängste ausstehen, wenn Mama oder Papa auf eine längere (Dienst-) Reise ohne das Kind gehen! Wenn wir den Kindern erklären, dass es dem Verstorbenen im Himmel nun viel besser geht, weil er keine Schmerzen mehr hat oder wieder gesund ist, dann steht dieses schöne Bild des Himmels doch im krassen Gegensatz dazu, dass die Erwachsenen weinen und ganz offensichtlich traurig sind über den Tod des Verwandten oder Freundes!

Verabschieden kann man sich unterschiedlich

Die Meinungen darüber, ob ein Kind den Verstorbenen sehen soll oder nicht, gehen genau so auseinander wie jene darüber, ob Kinder überhaupt zum Begräbnis eines nahen Verwandten mitgehen sollen oder nicht. Die einen meinen, wenn das Kind den Toten sieht, könne verhindert werden, sich in diesem verschlossenen Sarg ein Monster vorzustellen – denn was, um Gottes willen, wird denn aus dem Toten da drinnen? Die anderen meinen, man solle den Verstorbenen so in Erinnerung behalten, wie er zu Lebzeiten war und der Sarg ist kurz vor dem Begräbnis nicht offen, sondern fest verschlossen.

Wenn Kinder die Möglichkeit bekommen, das Begräbnis des Verstorbenen mitzuerleben, ist für sie der Abschied persönlich möglich. Sie erleben es kognitiv und emotional und wissen: Da ist jetzt die Oma in dem Sarg, der Sarg wird in die Erde hinunter gelassen und dieser Akt der Beerdigung schließt das Leben der Oma ganz eindeutig ab. Natürlich sind sie traurig, natürlich bekommen sie die Emotionen der anwesenden Erwachsenen mit, aber auch sie selbst können abschließen.

Die Frage, wie die Tote nun aber „in den Himmel“ kommt, wenn sie doch gerade beerdigt wird, taucht auch ganz sicher auf! Und auch die Frage nach der Seele der Oma…

Professionelle – externe – Hilfe

Spätestens jetzt wird klar: Wenn Erwachsene gemeinsam mit Kindern trauern, kann auch professionelle Hilfe die Situation erleichtern. Ganz besonders dann, wenn es ein Elternteil des Kindes ist, der gestorben ist. Das ist so unfassbar, so unbegreiflich, so unvorstellbar für das Kind! Seelsorger, Beratungsstellen von Caritas, Kirche, Rotes Kreuz usw. stehen hier zur Verfügung. Lassen wir das trauernde Kind nur ja nicht allein!

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EIN ARTIKEL VON
  • Gabriela Paul

    Ich bin Mutter von drei Kindern. Nach meinem Germanistikstudium arbeitete ich jahrelang im Marketing. Dann entschied ich mich zu einer 180°-Wende und wurde römisch-katholische Religionslehrerin. Jetzt unterrichte ich Religion und Deutsch für Kinder mit Migrationshintergrund.


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