18. Mai 2016

Warum ich meinem Sohn das Teilen nicht bewusst beibringe

Warum ich meinem Sohn das Teilen nicht bewusst beibringe - meinefamilie.at

Kinder müssen lernen zu teilen. Kinder müssen lernen, geduldig zu sein. Kinder müssen schnell selbstständig werden. Kinder müssen gefördert werden. Und außerdem brauchen sie immer jemanden, der ihnen all das beibringt. Was dabei oft übersehen wird: Kinder lernen von ganz allein, und zwar durch Nachahmung. Und: Sie machen etwas dann, wenn sie in ihrer Entwicklung soweit sind.

Vorige Woche bei mir zu Hause: Eine Freundin und ihre beiden Kinder sind zu Besuch. Die Kinder steuern auf das Spielzeug meines Sohnes (3) zu, auf seine vertrauten Räume, auf seine kleine, sichere Welt. Mein Sohn äußert ca. minütlich:

„Mama, wann gehen die wieder? Ich will nicht, dass die mit meinen Sachen spielen. Die sollen nicht alles durcheinanderbringen. Mama, kannst Du irgendwas machen, dass die gehen?“

Meine Freundin verzieht das Gesicht. Die Situation ist unangenehm. Meine Gedanken kreisen: Was denkt sie jetzt wohl? Vielleicht findet sie das Verhalten meines Sohnes unverschämt, asozial. Wahrscheinlich ist sie sogar sauer, weil sie den Aufwand hatte, ihre beiden Kinder hierher zu befördern, und nun das. Was erwartet sie von mir? Und was erwartet sie von ihren eigenen Kindern?

Ich fühle mich im Zwiespalt: Einerseits sehe und höre ich das Bedürfnis meines Sohnes, die „Kontrolle“ über seine Sachen und seinen Lebensraum zu behalten. Andererseits fühle ich mich sozial verpflichtet, meine Freundin und ihre Kinder nicht vor den Kopf zu stoßen. Würde ich meinen automatischen und anerzogenen Mustern folgen, fiele die Reaktion meinem Sohn gegenüber wohl so aus: „Ach sei doch nicht so. Die beiden Kinder wollen doch auch mit deinen Sachen spielen. Teil doch ein bisschen. Du kriegst das dann ja wieder. Sei nicht neidisch. Und außerdem sind sie ja extra wegen dir gekommen.“ Doch was würde ich meinem – mit meinem Anliegen gewiss total überforderten – Sohn damit sagen? Dass sein Eigentum nicht wichtig ist. Dass seine Gefühle und Bedürfnisse falsch sind und mich nicht interessieren. Dass etwas mit ihm nicht stimmt. Also Stopp. Durchatmen. Noch mal von vorn…

Eine andere Perspektiven einnehmen

Ich versuche, so oft wie möglich – nicht immer mit Erfolg, möchte ich anmerken – mit den Augen meines dreijährigen Sohnes zu sehen. Betrachte ich die Aufforderung zu teilen also aus Sicht meines Sohnes, dann würde sich das ungefähr so anhören: „Gib die Sachen, die deine Welt ausmachen und dir etwas bedeuten, her. Auch an Fremde oder Leute, die dir gerade unangenehm sind. Lass dir bereitwillig alles durcheinanderbringen. Unterdrücke deine Angst, dass deine dir so wichtigen Dinge, Erinnerungen, Wegweiser vielleicht zu Bruch gehen. Ertrage das „Rumgefingere“ an deinen Heiligtümern.“

Kaum ist mir diese Translationsleistung geglückt, wird mein Herz leichter, ich lächle und staune. Erwarte ich tatsächlich von meinem dreijährigen Sohn, dass er das so schluckt? Und weiter: Bin ich denn eigentlich immer bereit zu teilen, noch dazu auf Anraten eines anderen? Nein, wohl kaum:

Ich würde weder meinen Ehering so einfach hergeben, noch jemanden in meinem Tagebuch und meinen Fotoalben blättern lassen.

Und das Rumgezerre an meiner mühevoll selbstgehäkelten Haube würde ich auch nicht stoisch hinnehmen. Und das, obwohl mein soziales Gehirn dem meines Sohnes rund 30 Jahre Entwicklungszeit voraus hat.

Begleiten statt fordern

Zurück zur Eingangssituation: Meine Freundin sitzt irritiert und genervt auf der Couch. Etliche Male fühlt sie sich bemüßigt, ihre Kinder zum Teilen und Abgeben aufzufordern. Ohne Erfolg. Ich versuche, mich in meinen kleinen Sohn folgendermaßen einzufühlen: „Ja, ich höre dich. Bringt es dich durcheinander, dass die beiden Mädchen deine Sachen berühren und verändern? Macht es dir Angst, weil du Ordnung und Sicherheit brauchst? Wollen wir sie bitten, von deinen Sachen abzulassen?“ Das Ergebnis: Mein Sohn wird ruhiger. Er fühlt sich weiterhin nicht wohl (die Mädchen spielen munter weiter), aber er fühlt sich offenbar soweit gehört, dass wir die Situation halbwegs über die Bühne bringen.

Und, ein Erfolgserlebnis für mich: Ich verzichte darauf, mich aus Peinlichkeit bei meiner Freundin für das Verhalten meines Sohnes zu entschuldigen und ihn dadurch zu beschämen. Ich lächle sie an und nehme mir vor, sie später anzurufen, um auch ihre Gefühle zu erforschen. Nicht immer lassen sich verzwickte Situationen so auflösen. Aber allein, dass ich mir über bestehende Glaubenssätze bewusst werden und sie dadurch für mich klären kann, gibt mir Mut.

Teilen beibringen? Glaubenssätze hinterfragen

Gerade in Erziehungsfragen halten sich Glaubenssätze sehr stark.

Die Idee, bereits kleinen Kindern das Teilen beizubringen, ist hartnäckig.

Natürlich wurde auch ich als Mutter früher oder später damit konfrontiert. Gott sei Dank zeigt mir mein Sohn mit seinen Reaktionen immer wieder, dass es lohnt, Blickwinkel in Betracht zu ziehen, die mir in meiner kinderlosen Zeit fremd bzw. verborgen waren. Dass es immer einen Grund für ein Verhalten, für ein Anliegen gibt. Auch wenn ich diesen nicht sofort erkennen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Gerne teile ich hier mein Ziel in der Beziehung zu meinem Sohn: Ich will seine Äußerungen, also Bedürfnisse, wahr- und ernstnehmen. Nicht wegreden. Nicht verunglimpfen. Ich will in fordernden Situationen nicht an ihm herumdoktorn, sondern primär an meinen eigenen Wunden arbeiten, um für meine Emotionen und Entscheidungen die volle Verantwortung übernehmen zu können. Und ich will mir meiner Vorbild-Wirkung im Sinne Mahatma Gandhis bewusst sein:

„Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“

Teilen, wenn es soweit ist

Für mich ist klar: Meinem Sohn wird sich das Konzept des Teiles von selbst eröffnen. Einerseits indem sein Gehirn die dafür nötige Reife erlangt, andererseits indem ich diesen natürlichen Prozess durch Vorleben unterstütze: Ich gebe dir von meinem Brezel etwas ab, ich teile mit dir Bett und Badewanne, klar darfst du meine Glitzerkette mal tragen. Gerne teile ich mit dir auch Freude, Leid, Angst, Zweifel und natürlich mein Herz.

Teilen aus freien Stücken und aus tiefem Empfinden ist eine menschliche Sehnsucht und Eigenschaft, die Verbindung schafft, die einfach schön ist. ABER: Es darf auch Dinge geben, die du nicht teilen willst. Schließlich hat jeder Mensch das Recht auf Geheimnisse, Intimsphäre, Eigenheiten, Irrationalität. Das Kennen und Aufzeigen der eigenen Grenzen ist ein kostbares Gut. Das vorzuleben ist für mich wichtiger als Generosität im Kleinkind-Alter zu erwirken.

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.



3 Kommentare
  • Carmen, 12. Juni 2016, 8:12 Antworten

    Sehr toller Artikel, der mir eine gerade eine komplett andere Sicht auf dieses Thema offenbart hat - danke :)

  • Anonymous, 18. April 2017, 12:59 Antworten

    Die Freundin hätte aufstehen und gehen sollen mit ihren Kindern ihr werdet Einzelgänger bleiben...........

  • Julia, 20. Juli 2017, 10:10 Antworten

    Ich finde, wie so oft ist auch hier die goldene Mitte die Lösung und ich versuche auch, das zu leben. Ich gestehe meinem Kind ein, Spielsachen nicht zu teilen, denn wie im Artikel steht: ich geb auch nicht alles einfach jedem und das Kind muss auch die Erfahrung machen, dass etwas einfach ihm gehört. Gleichzeitig finde ich, dass das Kind schon auch sehen soll, dass der andere andere Bedürfnisse hat: lauter neues (folglich automatisch tolles) Spielzeug, das entdeckt werden will. Und das andere Kind versteht wahrscheinlich nicht, warum es nix haben darf. Bei mir ist die Standardaufforderung/ -frage an das Kind: Okay, das darf er nicht haben. Gibst du mir bitte etwas, was er haben darf?

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at