20. Oktober 2016

Starke Erziehung durch Eltern, die für sich selbst sorgen

Starke Erziehung durch Selbstfürsorge der Eltern - meinefamilie.at

Statt perfekten Eltern wie aus der Zahnpasta-Werbung können starke Erziehung nur Eltern leisten, die für sich selbst sorgen. Außerdem brauchen sie die Offenheit, darauf zu achten, was ihre Kinder brauchen, sagt Elternbildnerin Christine Schnetzer beim elternweb2go-Seminar zum Thema „Acht Sachen, die Erziehung stark machen“.

Was brauche ich selbst, um mich wohlzufühlen? Diese Frage gibt Christine Schnetzer den Eltern bei ihrem Workshop mit und lädt ein, sie selbst und mit ihrem Partner zu beantworten. Denn Voraussetzung für eine starke Erziehung ist für die Erziehungswissenschaftlerin, Elternbildnerin und Mutter zweier Kleinkinder, dass Eltern auf sich selbst achten, „Selbstfürsorge“ betreiben. Schnetzer referierte beim digitalen Elterntreff „elternweb2go“, einem interaktiven Online-Seminar, am 17. Oktober 2016 unter dem Titel „Acht Sachen, die Erziehung stark machen“.

Nicht perfekte Eltern von nicht perfekten Kindern sein

Dazu gehört das Bewusstsein, dass wir „nicht perfekte Eltern von nicht perfekten Kindern“ sein dürfen. Bilder über das Familien- und Elternsein, die wir aus den Medien kennen, zeigen die „heile Welt“, wie Seminarteilnehmerin Brigitte im Chat schreibt. „Wir werden mit Traumbildern von Familien konfrontiert, die geduldige, hingebungsvolle, lächelnde, gelassene Mütter zeigen; nette, saubere Kinder und fröhliche Väter, die geduldig mit den Kindern spielen, auch wenn sie nach einem Arbeitstag nach Haus kommen“, reflektiert Schnetzer. „Was passieren kann, ist, dass wir uns mit der Zeit mit diesen Bildern identifizieren und der Anspruch entsteht, ein tolles Familienleben zu haben, perfekte Kinder zu haben, alles in der Erziehung zu tun, was wir können, daneben locker-lässig eine Beziehung zu führen und nebenbei eine Karriere unter einen Hut zu bringen.“ Kindern tun hingegen Vorbilder gut, die Stärken, aber auch Schwächen zeigen, die unausgeschlafen und ausgeruht sein können – eben ganz menschlich sind.

Zusätzlich haben zwei Drittel der Eltern in unseren Breitengraden heute ein bis zwei Kinder. „Das bedeutet, dass viel in die Erziehung und in die Bildung investiert wird, dass unsere Kinder alles haben, was sie brauchen“, beobachtet Christine Schnetzer. Damit sich dieses Investment lohnt, steigt der Erfolgsdruck auf diese ein bis zwei Kinder. „Wenn ich mich auf ein bis zwei Kinder konzentrieren kann, macht das etwas mit uns. Das ist per se nichts Schlechtes, aber es ist auch gut, sich dessen bewusst zu sein.“

Aus eigener Erfahrung sagt Christine Schnetzer, ihr tue gut zu wissen, nicht alles richtig machen zu müssen. Stattdessen seien die Grundhaltungen der Eltern wichtiger:

„Es braucht ein eindeutiges Ja zum Kind und zur Verantwortung, die ich als Mama und Papa habe. Ein eindeutiges Ja, dass wir die Mutter- und Vaterrolle und die Autorität übernehmen. Das heißt, auch wenn das vielleicht eine Nachbarsmama anders sieht, stehen wir dazu, was für uns wichtig ist und was wir vertreten. Es braucht ein eindeutiges Ja zum Hinschauen, was meine Kinder brauchen. Und das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten und auf das eigene Bauchgefühl.“

Was Erziehungsexperten und Literatur auch sagen mögen, Schnetzer gibt den Eltern mit:  „Die Experten für eure Erziehung seid ihr selbst!“

Acht Eckpunkte der Erziehung

Das Wesentliche der Erziehung lässt sich in acht Kernpunkten darstellen.

#1 Liebe schenken

Liebe schenken - meinefamilie.at

#2 Streiten dürfen

„Ich hör mich gerade selber zu meinen Kindern sagen, ‚Jetzt hört aber auf zu streiten!‘ – gerade, wenn sie um 6:15 Uhr damit anfangen“, sagt Christine Schnetzer. Dabei können Kinder nur lernen, sich durchzusetzen, Konflikte auszuhalten, Bedürfnisse anderer anzuerkennen, Kompromisse zu finden und sich wieder zu vertragen, wenn das Streiten nicht immer unterbunden wird. „Gerade bei kleinen Kindern braucht es oft unsere körperliche Präsenz, dass wir einschreiten, bevor das eine Kind dem anderen auf den Kopf schlägt“, relativiert Schnetzer, doch sagt sie aus eigener Erfahrung: „Wenn ich es schaffe, mich zurückzuhalten, merke ich oft, dass es mein Einmischen gar nicht mehr braucht. Oft muss ich da sein und reagieren, aber häufig sind die Kinder selbst in der Lage, eine Lösung zu finden.“

Kindern kann außerdem helfen, ihre Gefühle auszudrücken. „Ich sage zu meinem Kleinen: ‚Dann sag, was du jetzt willst!‘“, gibt Schnetzer ihre eigenen Erfahrungen weiter. „Ich möchte so gern das Auto haben und warte schon so lange!“, kann es da heißen anstatt zu sagen, „Du bist der Ältere, jetzt gib ihm doch das Auto.“ Kinder haben das Recht auf ihre Bedürfnisse, doch sie müssen sie ausdrücken.

Und letztlich geht es auch beim Streiten darum, als Eltern auf Selbstfürsorge zu achten. Als Elternteil möchte ich, dass Streiten in der Familie möglich ist, doch ich muss es nicht immer aushalten. „Eine Mama hat einmal erzählt, sie stellt beim Frühstück die Cornflakes-Packung zwischen die Kinder, damit sie sich nicht anschauen. Auch das kann eine Lösung sein“, schmunzelt Schetzner.

#3 Zuhören können
#4 Grenzen setzen

Grenzen sind das Thema, das die Teilnehmer des Webinars am meisten interessiert, wie sich bei einer Umfrage herausstellt. Schnetzer dazu: „Wenn wir selber mitbestimmen dürfen, fördert das unsere Kooperationsbereitschaft. Je mehr ich fremdbestimmt bin, umso mehr fördert das meinen Widerstand. Als Eltern sind wir angehalten, immer wieder zu schauen, was braucht mein Kind jetzt von mir und was brauche ich, wann ist meine eigene Grenze erreicht? Ich sage gern, ‚auch ich wohne hier, wie können wir das gestalten, dass ihr wilde Löwen sein könnt und auch ich gut leben kann?‘“ Zudem sei wichtig, manche Grenzen wieder zu überdenken: „Wenn wir starr sind und nur auf Grenzen beharren, die nicht mehr stimmen, macht es Sinn, noch einmalmal hinzuschauen.“

Eine Teilnehmerin fragt im Chat: „Wie genau formuliert man die Grenze?“ Schnetzer betont, möglichst oft von einem selbst zu sprechen und klare Grenzen zu ziehen, zum Beispiel:

„Mir ist wichtig, dass du die Socken selber anziehst. Ich will, dass du dein Handy jetzt ausschaltest, jetzt ist die Zeit erreicht, die wir ausgemacht haben.“

Kein Problem ist, wenn Mamas und Papas Grenzen verschieden sind. „Ein Abend, an dem mein Mann die Kinder ins Bett bringt, läuft anders ab als ein Abend, an dem ich das mache. Kinder können gut unterscheiden, dass Menschen unterschiedlich sind, wir sind ja auch nicht jeden Tag gleich“, sagt Schnetzer. So sei es auch in Ordnung zu sagen: „Heute geht das einfach nicht, weil ich den Nerv nicht habe.“

Wenn ein Kind Widerstand zeigt, kann das eine Gelegenheit sein, noch einmal darüber nachzudenken: Wie wichtig ist mir diese Grenze? Was ist es, was mein Kind jetzt braucht? Da kann es sein, dass ich doch ein zweites Eis erlaube, weil ich selbst auch gern eines hätte. Oder aber dass die Jeans, die das Kind jetzt gerne anziehen würde, in der Wäsche ist und es keine Möglichkeit gibt, sie zu beschaffen. Dann ist Durchhaltevermögen gefragt: „Wenn mein Kind sich dann vor lauter Wut am Boden dreht, bin ich da, aber ich kann ihm das nicht abnehmen. Und ich versuche, nicht zu verurteilen.“ Manchmal kann es sein, dass ich mir zuerst selbst etwas suchen muss, um durchatmen zu können – Stichwort Selbstfürsorge.

#5 Freiraum geben
#6 Gefühle zeigen
#7 Zeit haben
#8 Mut machen

Mut machen - meinefamilie.at

Broschüre „Acht Sachen, die Erziehung stark machen“ downloaden

Monatliches Seminar für Eltern

Die MARKE Elternbildung bietet seit Oktober 2015 österreichweit monatlich ein kostenloses Webinar, also ein interaktives Seminar im Netz an. Die Themen richten sich an Eltern von Kindern in allen Lebensphasen. Die Webinare bieten Information, Erfahrungsaustausch und die Möglichkeit, konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für den eigenen Erziehungsalltag mitzunehmen.

Das nächste interaktive Online-Seminar „elternweb2go“ findet am 14. November 2016 um 20:15 Uhr statt. Zum Thema „Medienkompetent und Medienmündig:  Erziehung im digitalen Zeitalter“ referiert Kathrin Zeisberger darüber, wie wir Kinder stärken können, um Medien selbstbestimmt zu konsumieren.


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