16. Oktober 2018

Schuleintritt – die Umstellung dauert oft bis Weihnachten

schuleintritt - meinefamilie.at

Im September hat für rund 85.000 Kinder in Österreich die Schule begonnen. Gut 6 Wochen sind seither ins Land gezogen. Die Aufregung sollte langsam der Routine gewichen sein. Ist sie in den allermeisten Fällen auch. Was aber, wenn sie es nicht ist? Ein Gespräch mit Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl zum Thema Schuleintritt, warum er für manche Kinder gar so schwer zu verdauen ist und wie man als Eltern unterstützend wirken kann.

Anna ist 8. Der 4. September 2017 war ihr allererster Schultag. „Sie hat sich riesig darauf gefreut“, erzählt ihre Mutter Marlene heute: „Am liebsten wäre sie schon im Sommer in die Schule gegangen. Ich war überzeugt: Der Schuleintritt wird für uns überhaupt kein Problem.“ Doch als der erste Schultag dann endlich da war, war Anna ganz verändert. Die Kleine habe sich kaum in die Klasse hineingetraut. „Ich dachte natürlich, dass sich das schnell legen wird“, sagt Marlene, aber so war es nicht. „Sie hat geweint. Sich geweigert in die Klasse hineinzugehen. Wollte, dass ich bei ihr bleibe. Das war wirklich schlimm – für uns beide.“ Die Lehrerin ist es schließlich, die versucht, vor allem Anna, aber auch Marlene den Druck zu nehmen. „Sie war wirklich sehr lieb, sehr einfühlsam. Ist sehr auf Anna eingegangen, hat mir auch immer wieder versichert, dass Anna nicht den ganzen Schultag so verzweifelt ist, dass sie gut mittut und für vieles zu begeistern ist. Das hat mich natürlich sehr gefreut. In der Früh geweint, hat sie aber weiterhin.“

Der „Spielraum“ wird geringer

Anna ist nicht das einzige Kind, dem der Schuleintritt schwer fällt. Allzu groß sind die Veränderungen, mit denen sich die Kinder beim Schuleintritt konfrontiert sehen. Allzu ungewohnt der Alltag und die Anforderungen, die an sie gestellt werden. „Für die Kinder wird mit dem Schuleintritt der ,Spielraum‘ im wahrsten Sinn des Wortes geringer“, sagt Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl. Natürlich gebe es auch im Kindergarten schon eine Gruppe, in die sie sich einfügen müssen, oder Programmpunkte, die zum Pflichtprogramm gehören. „Mit dem Schuleintritt aber gibt es einen klaren Stundenplan und wenig Wahlmöglichkeiten.“

Ein völlig anderes Leben

Hinzu kommen Dinge, die im ersten Moment wie Kleinigkeiten wirken, die aber viel zum Wohlbefinden eines Kindes beitragen können. „Etwa, dass sich die Kinder ihre Sitznachbarn nicht aussuchen können“, sagt Brigitte Ettl: „Oder eben, dass sie generell mehr sitzen müssen. Dass sie vorgegebene Aufgaben erfüllen müssen. Dass sie sich länger konzentrieren müssen.“ Und es verstärke sich auch der Leistungsvergleich mit anderen. „Selbst wenn es noch kaum Noten gibt, sondern mit viel Lob, Symbolen und Ermutigung gearbeitet wird, so spüren die Kleinen doch deutlich, wo sie besser oder schlechter als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sind.“

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Liebe hängt nicht von Schulnoten ab

Aber wie kann man die Kinder denn nun unterstützen? Was kann man als Eltern tun, damit es leichter wird? „Wichtig ist, dass Kinder zuhause offene Ohren finden. Sie müssen die Gelegenheit bekommen, über die vielen Erlebnisse und die neuen Eindrücke reden zu können“, sagt Brigitte Ettl. Und: Auch zuhause müssen jetzt neue Strukturen geschaffen werden. Die Kinder brauchen Sicherheit: „Auch wenn es am Anfang noch kein großes Thema ist, sollte klar sein, wann die Hausübungen gemacht werden. Auch sollte klar sein, wo dafür ein guter, ruhiger Ort ist, an dem sich die Kleinen ungestört konzentrieren können. Zuerst sollte es jedes Kind alleine versuchen. Erst wenn größere Schwierigkeiten auftauchen, kann es sinnvoll sein, unterstützend und ermutigend zu erklären.“

Aus Fehlern wird man klug.

Aber Vorsicht: Extremer Leistungsdruck erzeugt nur Stress. Und Leistungsdruck senkt die Lernfähigkeit auf ein Minimum. „Eltern sollen Kindern also klar machen, dass ihre Liebe nicht von Schulnoten abhängig ist“, betont Brigitte Ettl: „Es muss nicht immer ein Einser sein! Versuchen Sie Ihrem Kind zu vermitteln, dass gerade Fehler auch „Lerngeschenke“ sein können, die einem oft weiterhelfen können – ganz nach dem alten Sprichwort ,Aus Fehlern wird man klug’.”

Schule ist Teamwork

Im Idealfall sind die Lehrer bei Anfangsschwierigkeiten der Kinder immer in engem Kontakt mit den Eltern und umgekehrt. „Schule ist im Idealfall Teamwork zwischen Lehrerinnen, Lehrern, Kindern und Eltern“, sagt Brigitte Ettl: „Es braucht gegenseitiges Vertrauen, dass jeder sein Bestes gibt. Es braucht klare Zuständigkeiten. Und natürlich braucht es eine gute Gesprächsbasis. Eltern haben sich ja schon lange vor dem ersten Schultag viele Gedanken gemacht, welche Schule für ihr Kind am besten geeignet ist. Gewisse Grundwerte zwischen Schule und Elternhaus sollten also übereinstimmen.“ Es sei einfach nicht möglich und auch nicht sinnvoll, hier klare Grenzen zu ziehen. Denn sowohl Wissensvermittlung als auch Herzensbildung sollten in beiden Lebensräumen einen zentralen Stellenwert haben.

Manche Kinder brauchen viel Zeit

Eine zeitliche Grenze, bis wann sich die Kleinen an das große System Schule gewöhnt haben sollten, gebe es übrigens nicht, sagt Brigitte Ettl. Viele bräuchten bis Weihnachten, um sich an die neue Situation so richtig gewöhnt zu haben. Und diese Zeit darf man ihnen ruhig auch geben. „Wenn trotzdem Probleme auftreten, sollten Pädagoginnen, Pädagogen und Eltern gemeinsam genau hinschauen, wo mögliche Ursachen liegen könnten. „Überforderung, Konflikte in der Gruppe, überhöhte Ansprüche an das eigene Können – die Liste der Möglichkeiten ist leider lang. Und es verlangt viel Fingerspitzengefühl und Gespür von allen Erwachsenen, herauszufinden, was los ist. „Wichtig in diesen ersten Wochen ist, dass die Kinder die Freude am Lernen, ihre Neugier und Kreativität nicht verlieren“, sagt Brigitte Ettl: „Und manche Kinder brauchen dafür einfach mehr Zeit und gehen mit einer gewissen Vorsicht und Zurückhaltung in neue Situationen hinein. Andere haben mehr Abenteuerlust und passen sich sehr schnell an neue Situationen an.“

Anna hat übrigens fast 8 Wochen gebraucht, bis sie sich traute, alleine in die Schule hinein- und zu ihrer Klasse zu gehen. Heute ist sie eine begeisterte und fröhliche Schülerin.

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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