6. Mai 2018

Ist mein Kind zu anhänglich?

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Oft habe ich mir die Frage gestellt, ob mein Kind zu anhänglich ist oder ob ich diejenige bin, die einfach nicht loslassen kann. Wer von uns beiden muss erst lernen, loszulassen? Selbstständigkeit des Kindes erfolgt in kleinen Schritten, sowohl für die Mutter als auch beim Kind selbst.

„Kind abgeben und gemeinsam etwas trinken gehen“, bei diesen Wortfetzen horche ich automatisch auf. Denn dies ist mein absolutes Reizthema. Sofort klinke ich mich in die Müttergruppe ein und hake nach „Und das funktioniert?“ Schließlich erfahre ich, dass es sich um die nächste Geburtstagseinladung einer Kindergartenfreundin meines Sohnes mit organisierter Kinderbetreuung handelt.

Dennoch fühle ich mich zwiespältig. Denn mein Sohn bleibt nicht alleine in einer Kindergruppe mit ihm fremden Betreuungspersonen. Auch dann nicht, wenn seine Freunde daran teilnehmen. Weder bei Geburtstagsfeiern, noch bei Kleingruppen wie Malen oder Turnen, und schon gar nicht in Kinderhotels.

Zu wenig selbstständig?

Unser Kinderarzt gibt mir oft das Gefühl, dass unser Sohn zu anhänglich und zu wenig selbstständig ist. Und bei Geburtstagsfeiern mit vertrauten Kindern wird es langsam aber sicher nervig ständig dabei sein zu müssen. Sogar bei der Mutter seines besten Freundes, die wir schon oft besucht haben, benötigte er zwei bis drei „Eingewöhnungstermine“ bis er sich von ihr abholen und ein paar Stunden betreuen ließ. Dieses abwechselnde Arrangement – in der Woche darauf bin ich dran, die Kids abzuholen – ist die einzige Ausnahme, die funktioniert. Oft haben mein Mann und ich uns schon gefragt, was wir „falsch gemacht“ haben.

Doch wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, widerstrebt mir diese Art der Kindererziehung auch. Es gehört nicht zu meinem Bild von Familie, mein Kind bei der Kinderbetreuung abzugeben, um mit meinem Mann, im Urlaub „zu zweit Spaß“ zu haben. Ich bestehe darauf zumindest die erste Stunde in einer Kleingruppe dabei zu sein, um zu sehen, wie mit den Kindern umgegangen wird, bevor ich mit einem ruhigen Gefühl weggehen kann. Und ich verstehe, dass es schwierig ist, seine Bedürfnisse einer völlig fremden Person gegenüber zu äußern. Wenn man nicht weiß, wie diese Person tickt und welche Regeln dort gelten.

Doch was tun, wenn es gar nicht anders geht?

Wochenlang fiebere ich auf den Schulreifetest hin. In meinen schlimmsten Befürchtungen wird mein Sohn für unreif erklärt, weil er sich weigert, ohne mich mit der Lehrerin mitzugehen. Schließlich ist der große Tag da. Bewusst bin ich viel zu früh vor Ort, um ihm noch alles zeigen zu können. Als ich ihm erkläre, dass ich später in der Schule nur bis zur Glastür mitgehen und er als „Großer“ schon alleine in die Klasse gehen darf, kommt es wieder, das vertraute Klammern. Bewusst gehe ich auf die anderen Kinder und Mütter zu, die mit ihm zusammen in einer Kleingruppe den Schulreifetest machen. Erfrage Namen, stelle uns vor.

Dann ist es soweit! Die Direktorin kommt, hockt sich in Augenhöhe vor die Kinder, erklärt ihnen, dass sie der kleinen Hexe bei der Lösung einiger Aufgaben helfen müssen. Nur Kinder können dies betont sie.

Vertrauen in das Kind haben

Wir Mütter dürften nicht weggehen und müssten hier warten. Innerlich danke ich Gott für diese Pädagogik. Und das Wunder passiert! Mein Sohn würdigt mich keines Blickes und geht als erster mit der Direktorin mit. Nicht in ein angrenzendes Zimmer. Nein, mit dem Aufzug hinauf in die Bibliothek, in eine völlig neue Gegend des Gebäudes. Nach einer Stunde kommt er begeistert zurück. Voller Aufregung erzählt er mir von der Hexe, dem Krokodil und dem Zauberer.

War mein Sohn selbstständig geworden oder ich als Mutter?

Als ich wochenlang später dieses Erlebnis immer wieder mir vertrauten Personen erzähle, reagiert mein Sohn völlig genervt. Das war doch nur eine Kleingruppe, meint er! Doch lag es wirklich an der Kleingruppe. Oder lag es daran, dass er spürte, wie wichtig es mir war, dass er es diesmal schafft? Oder muss gar ich lernen innerlich loszulassen. Ihm mehr zuzutrauen, meine Ängste loszulassen und ihn frei zu geben ins Leben?

Seit diesem Moment üben wir bewusst kleine Schritte der Selbstständigkeit. Bei Geburtstagsfeiern, z.B. bleibe ich zwar da, gehe jedoch in einen anderen Raum. Und siehe da, wenn ich innerlich sicher bin, ist es mein Sohn auch.



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