1. September 2015

ADHS oder zu früh eingeschult?


Sind Kinder in der Schule leicht ablenkbar, wird bald der Verdacht auf ADHS geäußert. Es kann jedoch daran liegen, dass sie zu früh eingeschult wurden.

Hat mein Kind ADHS oder wurde es nur zu früh eingeschult?

Mit Schuleintritt beginnt für die Erstklässler ein neuer Lebensabschnitt. Die Anforderungen sind groß: stillsitzen, zuhören, aufmerksam sein, mitarbeiten. Das gelingt nicht allen Kindern und den Klassenjüngsten fällt es oft besonders schwer. Sind diese lebhaft, unruhig oder leicht ablenkbar, wird bald einmal der Verdacht auf ADHS[1] geäußert.

Früh eingeschulte Kinder erhalten wesentlich öfter die Diagnose ADHS

Dass das Risiko für eine solche Diagnose bei früh eingeschulten Kindern wesentlich höher ist als bei ihren älteren Klassenkameraden, haben drei Studien[2] unabhängig voneinander nachgewiesen. In Deutschland wurde festgestellt, dass bei Kindern, die mit ca. 7 Jahren in die Schule kamen, jedes 25. die Diagnose ADHS erhielt, während das bei Kindern, die bei ihrer Einschulung knapp 6 Jahre alt waren, bei jedem 20. der Fall war. Kanadische Forscher entdeckten, dass für diese Altersgruppe auch die Verschreibung von Medikamenten um 48% höher war als bei älteren Kindern. Bedeutet das nun, dass eine frühe Einschulung die Entstehung von ADHS begünstigt? Keinesfalls! In zahlreichen Fällen handelt es sich nämlich um eine Fehldiagnose, wie die Wissenschaftler klarstellten.

Warum kommt es zu Fehldiagnosen?

Verschiedene Faktoren tragen zu diesen ADHS-Fehldiagnosen bei. In erster Linie wird häufig übersehen, dass jüngere Kinder noch nicht die gleiche Reife haben wie ihre älteren MitschülerInnen und dass ihnen längere Konzentration und Stillsitzen mitunter schwerfallen. „Die Aufmerksamkeitsfähigkeit und Fähigkeit zur Impulskontrolle sind entwicklungsabhängig“, sagt Professor Tobias Banaschewski[3]. Psychotherapeut Manfred Döpfner [4] bestätigt: „Ein jüngeres Kind hat oft Schwierigkeiten, den Anforderungen an Ausdauer und Konzentration gerecht zu werden“. Der Psychiater Martin Holtmann [5] meint: „Man vergleicht automatisch die Kinder innerhalb einer Klassengemeinschaft“; dabei fallen die Jüngsten naturgemäß durch ihre Zappeligkeit auf. Manche PädagogInnen übersehen einfach den Altersunterschied der SchülerInnen und stellen die gleichen Anforderungen an alle.

Häufige ADHS-Diagnosen aufgrund von großen Schülerzahlen und herausfordernden Klassen

Die drei erwähnten Studien haben außerdem gezeigt, dass sich bei großen Schülerzahlen und schwierigen Klassen die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose bei den jüngeren Kindern erhöht. Vermutlich haben die LehrerInnen unter solchen Bedingungen weniger Zeit und Geduld für eine differenzierte Wahrnehmung und individuelle Betreuung der SchülerInnen. Vielleicht fällt bei schwierigen Unterrichtsbedingungen die relative Unreife Einzelner auch stärker auf.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass das Bildungsniveau der Eltern eine wichtige Rolle bei der Diagnosestellung spielt. Offenbar erwarten besser ausgebildete Eltern mehr Leistung von ihren Kindern und suchen bei Lernschwierigkeiten sofort einen Psychologen oder eine Ärztin auf.

Früh eingeschulte Kinder, deren relative Unreife nicht erkannt wird und bei denen fälschlich ADHS diagnostiziert wird, erleben eine unnötige Stigmatisierung. Sie müssen außerdem Therapien in Kauf nehmen, die sie nicht brauchen, und gegebenenfalls Medikamente einnehmen, die für sie gar nicht indiziert sind, die sich zudem negativ auf Wachstum und Schlaf auswirken und das Risiko für Herzprobleme erhöhen. Deshalb sollte bei der Diagnostik der Zeitpunkt der Einschulung besonders beachtet werden, um Irrtümer mit gravierenden Folgen auszuschließen.

Rechtzeitiges Erkennen

Trotz der relativ hohen Zahl an Fehldiagnosen darf nicht übersehen werden, dass bei Kindern, die tatsächlich von ADHS betroffen sind, ein frühzeitiges Erkennen des Syndroms besonders hilfreich ist. Je eher therapeutische Maßnahmen einsetzen, desto mehr Chancen haben diese Kinder, ihre Lernschwierigkeiten zu meistern und die Schule erfolgreich abzuschließen.

Weitere Informationen zu Vorträgen und ADHS-Elterntraining von Mag.a Dominique Kerschbaumer-de Valon finden Sie unter: https://adhselternberatung.wordpress.com/

[1] ADHS: Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Kinder mit ADHS sind hyperaktiv, ständig in Bewegung, haben Mühe, sich zu konzentrieren, wie auch, ihre Impulse und oft überbordenden Gefühle zu kontrollieren. Um sich Lerninhalte zu merken, müssen sie viel mehr Zeit und Arbeit investieren, als Kinder ohne ADHS. Verständlich, dass für sie Schule häufig mit Misserfolg und Frustration verbunden ist. Auch im zwischenmenschlichen Bereich gestalten sich soziale Kontakte für Kinder mit ADHS oft schwierig und sind entsprechend konfliktbelastet.

[2] aus den USA, Kanada und Deutschland

[3] Professor Banaschewski ist Vizepräsident der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie

[4] M. Döpfner ist Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche

[5] M. Holtmann Kinder- und Jugendpsychiater

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