14. Mai 2018

Eltern sein – ganz ohne schlechtes Gewissen


Eltern leiden heute unter einem permanent schlechten Gewissen. Elternbildnerin, Ernährungstrainerin und Autorin Vera Rosenauer hat ein paar Tipps, wie wir alle dieses schlechte Gewissen endlich wieder loswerden.

Hand aufs Herz – ein schlechtes Gewissen ist besonders für Eltern an manchen Tagen wirklich allgegenwärtig: Zu ungeduldig gewesen, als die Kinder beim Frühstücken, beim Anziehen und beim Weg in den Kindergarten/die Schule getrödelt haben. Im Büro zu wenig weitergebracht. Nachmittags die Kinder zu spät vom Kindergarten, Hort oder Oma und Opa abgeholt. Am Abend zu ungesund gekocht. Zu wenig mit den Kindern gespielt. Und, als wäre es nicht schon genug: Viel zu früh müde geworden und damit viel zu wenig im Haushalt geschafft. Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag. Dummerweise lässt sich der aber oft genauso an, wie der Tag davor. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Alles muss perfekt sein?

„Familien und da ganz besonders die Mütter, stehen heute unter sehr großem Druck alles perfekt machen zu wollen. Das beginnt bei der Erziehung und geht über die Ernährung der Familie bis hin zum Haushalt und dem Job“, sagt Vera Rosenauer. 2009 hat sie „Abenteuer Erziehung“ gegründet und seither rund 2000 Mamas mit Einzelberatungen und Eltern-Workshops durch ihren Alltag geholfen. Ihr Grundsatz dabei: keine abgehobenen Vorstellungen zu transportieren, sondern solche, die in der Realität lebbar sind. „Eine gesunde Portion Realismus was im Alltag mit Kindern wichtig ist, was geht und was eben auch nicht, tut uns allen gut“, ist sie überzeugt.

Familie als Projekt

Aber warum ist der Druck heute so besonders groß? Früher hätte man Kinder, salopp formuliert, einfach bekommen, sagt Vera Rosenauer. Heute werden sie meistens geplant. „Familie, Kinder sind damit für viele, etwas überspitzt gesagt, ein Projekt. Und zwar eines, das gelingen muss.“ Aber Erziehung und den Alltag mit unseren Kindern perfekt und ohne Fehler hinzubekommen – das sei ein Projekt, das zum Scheitern verurteilt ist. Das Leben mit Kindern sei nun einmal die „Rush Hour“ des Lebens. „Da immer gelassen zu sein, immer alles im Griff zu haben – das geht überhaupt nicht. Wer das behauptet, der belügt sich selbst.“

Nur nichts verpassen

Hinzu komme, dass wir heute sehr viel mehr über die Entwicklung eines kleinen Menschen wissen und wir dieses Wissen auch anwenden wollen. Sprich: dass wir unseren Kindern jegliche mögliche Förderung angedeihen lassen wollen, nichts verpassen wollen. Ein Beispiel gefällig? „Informationen wie: ,Zwischen 2 und 4 lernt man Fremdsprachen leichter, weil da das Sprachzentrum im Gehirn besonders aufnahmefähig ist‘“ ist dann für viele nicht nur eine Information“, sagt Vera Rosenauer: „Es ist ein Auftrag, Kinder schon früh in Sprachkurse zu schicken.“ Ein Auftrag, der Druck macht. Bei Nichterfüllung ein schlechtes Gewissen.

Schlechtes Gewissen ade

Aber wie wird man es denn jetzt los – das schlechte Gewissen? „Zunächst einmal, akzeptieren, dass es keine perfekten Eltern gibt‘, sagt Vera Rosenauer: „Jeder macht einmal etwas falsch. Dass das auch für Eltern gilt, dürfen Kinder ruhig auch sehen und mitbekommen. Vielleicht sogar inklusive des Eingestehens ,Du, da hab ich mich nicht richtig verhalten, entschuldige.‘”

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Nicht alles alleine machen

Was darüber hinaus noch hilft, um das schlechte Gewissen in Schach zu halten? Manche Dinge abgeben, Arbeiten „delegieren“, denn nicht nur die Betreuung könne man – bis zu einem gewissen Grad – getrost und ohne schlechtes Gewissen aufteilen. Immer wieder gebe es auch Aufgaben im familiären Alltag, die durchwegs nicht von Mama oder Papa erledigt werden müssen. Angefangen vom Kuchen für das Buffet des Schultheaters bis hin zum „Abholservice“ beim nächsten Geburtstagsfest. “Manchmal kann dieses Wissen, dass man nicht alleine ist, sehr befreiend sein”, sagt Vera Rosenauer und ergänzt: „Die Hauptbezugsperson für das Kind ist in unseren Breiten meistens die Mutter. Aber andere Bezugspersonen sind für das Kind auch wichtig.“

Die Beziehungsforschung spreche davon, dass ein Kind sich im ersten Lebensjahr an 5 Personen „sicher binden“ könne und dieses „sichere Binden“ ist wichtig für die Entwicklung des Kindes. Sicher gebundene Kinder können Probleme besser bewältigen. Sie sind ausdauernder, können sich viel besser in andere Menschen hineindenken und haben eine bessere Sprachentwicklung. Damit sich das Kind an eine Person sicher binden kann, muss die ihm einen hohen Grad an Verlässlichkeit bieten: „Das heißt eine Person sein, die körperlich und geistig anwesend ist, die sich kümmert. Und das regelmäßig. Damit sich eine Beziehung entwickeln kann, braucht es eben nun mal Zeit“, sagt Vera Rosenauer: „Das gilt für alle unsere Beziehungen – erst recht für die zu unseren Kindern.“ Das beginne schon, wenn sie ein Baby sind – schließlich müsse man einander ja kennenlernen, sich aufeinander einstellen – und setze sich im weiteren Leben des Kindes fort. „Was braucht das Kind, um sich wohl zu fühlen? Was ist ihm wichtig? Was beschäftigt es? Fragen, wie diese kann man nur beantworten, wenn man das Kind gut kennt und Anteil – auch eben zeitlichen – an seinem Leben nimmt.“

Was ist gelungen?

Und ein letzter, guter Rat an alle Eltern: Seien sie nicht so streng zu sich selbst. Gönnen Sie es sich doch, am Ende des Tages nicht nur auf all das zu schauen, was heute schief gelaufen oder nicht gemacht wurde, sondern auf das, was gelungen ist.

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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