27. Januar 2017

Rogge: „Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört“

Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört, Jan-Uwe Rogge - meinefamilie.at

Die Kommunikation mit Kindern ist eine eigene Sache, sagt Pädagoge Jan-Uwe Rogge, Eltern müssen nur den richtigen Kanal finden, damit die Botschaft bei den Kindern ankommt. Und mehr zuhören statt ausfragen, damit das Kind redet.

Jan-Uwe Rogge - meinefamilie.at
© Jan-Uwe Rogge

Aufrichtig und ehrlich sollen die Eltern sein, nicht pädagogisch wertvoll. Das möchte Erziehungsautor Jan-Uwe Rogge seinen Zuhörern, großteils Müttern, klarmachen, als sie sich am 26. Jänner in der Wiener Innenstadt zu seinem Vortrag „Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört“ auf Einladung der Buchhandlung Herder versammeln. Der 10-jährige Johannes hat Rogge darauf gesagt: „Das stimmt. Meine Mama lügt!”, erzählt er. „Sie sagt zu mir: ‚Wollen wir heute zu Oma?‘ Dann schau ich sie an und weiß, sie will. Ich nicht. Dann textet sie mich zehn Minuten zu: ‚Johannes, du magst Oma doch auch, oder? Du magst doch auch Geschenke?‘ Dabei könnte sie einfach sagen: ‚Johannes, ich möchte heute zu Oma und ich möchte, dass du mitkommst!‘ Dann könnte sie auch zehn Minuten früher bei Oma sein…“.

Eine der vielen Geschichten, die Jan-Uwe Rogge bei seinem Vortrag erzählt, um seine Botschaft zu vermitteln:

Kinder wollen Klarheit.

„Sagt doch einfach mal ‚Ich will!‘ und ‚Ich möchte!‘“, rät Rogge und betont zugleich, dass Kinder sich nicht automatisch daran halten. „Ich kenne kein Kind, das zwei Meter vor einer Grenze stehenbleibt und sagt: ‚Oh, eine Grenze!‘‘ Daher kann sich der Wunsch der Eltern zu einem Drama in vier Akten entwickeln. Im ersten Akt sagen – oder singen, wie Rogge schauspielend zeigt – Eltern noch das Wort bitte: „Räum bitte au-auf.“ Wie Kinder das sehen? Barbara, 10 Jahre: „Wenn meine Mama bitte sagt, ist es noch halb so schlimm.“

Konsequente Aussagen treffen

Dann der zweite Akt: „Muss ich’s dir noch zweimal sagen?“ Die Zuhörer lachen. „Erwischt, oder?“, meint Jan-Uwe Rogge dazu, er hat wohl einigen Eltern den Spiegel vorgehalten. Wieder erzählt er, wie Kinder über eine solche Aussagen denken: „Du sagst es heute noch fünf Mal! Und am Ende machst du es doch selbst!“

Für den dritten Akt erzählt Rogge eine Geschichte über zwei Mütter, die im Kaffeehaus gemütlich ihren Cappuccino trinken wollen. Und über Sohn Ronald, drei Jahre, der das nicht möchte. Also nimmt er Freund Paul und geht – die Mutter sagt nichts. „Sie hat offenbar den Kurs ‚Ignoranz unterbindet‘ besucht. Das Problem: Ronald nicht“, kommentiert Rogge und erntet Lacher aus dem Publikum. Schließlich reagiert sie doch, dem dritten Akt entsprechend lautstark: „Nein, Ronald! Oder müssen wir gehen?“

Deutliche, authentische Botschaften

„Kinder wollen nicht angeschrien werden, aber sie wollen Klarheit“, fasst Rogge zusammen. Dabei ist wenig entscheidend, was man sagt, sondern wie man es sagt.

60 Prozent der Botschaft werden über Mimik und Gestik vermittelt, 33 Prozent über den Klang der Stimme und nur die verbleibenden sieben Prozent macht der Inhalt der Aussage aus.

Im vierten Akt kommt das voll zur Geltung, denn der ist erreicht, wenn Eltern ausflippen. Neben sich stehen. „Kinder wollen Eltern, die klar sagen: ‚Jetzt reicht es!‘ Und nicht so in pädagogisch wertvollem Konjunktiv reden, wie ‚Könntest du‘ und ‚Würdest du‘‘, meint Rogge, also sagt er: „Seid authentisch!“

Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört, Jan-Uwe Rogge - meinefamilie.atKinder wollen mitbestimmen

Eine klare Botschaft heißt noch nicht, dass sie auch im Sinn der Eltern umgesetzt wird. Rogge geht auf ein wichtiges Wort ein: Nein. Da heißt es: „Nein, Jonas, nein!“ – und Jonas macht es trotzdem. Es gebe eine Ambivalenz, weil das Wort Nein so ausgesprochen wichtig sei, sagt Rogge. Kinder, die es verwenden, drücken das auch aus. Im klaren Nein einer Zweijährigen steckt auch: „Hey du, ich bin jetzt schon zwei, ich bin schon groß!“

So sagt der zweijährige Paul auf die Aufforderung, „Paul, du putzt jetzt die Zähne!“, erst einmal „Nein!“. Kinder mit zwei bis drei Jahren haben keine Ahnung, wie wichtig das Zähneputzen ist. Daher gehe es weniger ums Zähneputzen, als darum, dass sie ein Stück weit mitbestimmen wollen. Rogge bezieht sich auf die Lösung, die der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick für problematische Situationen entwickelt hat: die Illusion einer Alternative. Die Frage an Paul heißt demnach: „Wann möchtest du die Zähne putzen?“ Dann haben Kinder die Möglichkeit einer Mitbestimmung.

Wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet

„Kinder wollen zuhörende, nicht ausfragende Eltern“, stellt Jan-Uwe Rogge klar. Da gibt es die Eltern, die nach dem Kindergarten fragen, „Wie war’s?“, und enttäuscht sind, dass das Kind wenig erzählt. Doch würde es ehrlich erzählen, müsste es sagen: „Es war geil! Ich hab dem Freddie eine runtergehaut!“ – „Kinder erzählen also das, was sie ihren Eltern zumuten“, meint Rogge schmunzelnd. Und sie erzählen eine ganze Menge, nur nicht den Eltern, denn dafür haben sie ihre Gleichaltrigen.

„Zum Zuhören gehört auch, dass du da bist und nicht immer sofort etwas sagst. Dem Kind in die Augen schaust und nicht pädagogisch Wertvolles laberst.“

Rogge betont auch, dass Mütter und Väter unterschiedlich mit ihrem Kind reden. Als Frau zum Mann zu sagen: „Da musst du jetzt mal mit ihm reden!“, kann dem Vater gegen den Strich gehen, denn er fährt mit dem Sohn womöglich lieber Fahrrad – und redet so nebenbei.

Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört & wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet

Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört, Jan-Uwe Rogge - meinefamilie.atJan-Uwe Rogge & Angelika Bartram
Verlag Gräfe & Unzer, 2011
Kartoniert, 176 S.
ISBN: 978-3-8338-2097-7
€ 14,99

 

 

Online bestellen
  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Steindl

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at