29. Juli 2016

Quality time? Ja, aber nicht auf Kosten der Quantität!

Quality time - meinefamilie.at

Quality time: Wenn wir zufriedene Kinder und eine glückliche Familie haben möchten, kommen wir nicht umhin, einander wirklich viel Zeit zu schenken. Und diese Zeit muss nur bis auf wenige Ausnahmen mit „Großartigem“ gefüllt sein.

Vor Kurzem hat der Journalist Harald Martenstein im Zeit-Magazin über die sogenannte Quality time in der Eltern-Kind-Beziehung geschrieben. Die Zeit also, in der sich Eltern intensiv und mit vollster Aufmerksamkeit ihrem Kind widmen. Die wenige Zeit, die im dichten Alltag moderner Familien neben Arbeit, Kindergarten, Schule, Haushalt, Fitnessstudio und dergleichen bleibt. In der Mama oder Papa mit dem Kind wertvolle Momente verbringen (sollten). Martenstein, selbst Vater eines Kleinkindes, macht in seinem Artikel unmissverständlich klar, wie wenig er von diesem Konzept der „Quality time“ hält. Es sei Selbstbetrug zu meinen, es reicht, die Beziehung zum Kind in eine begrenzte Zeitspanne zu quetschen – auch wenn man dieses Zusammensein mit erinnerungswürdigen Ereignissen füllt.

O-Ton Martensteins: „In Wahrheit hängt die Qualität dieser Beziehung, der Beziehung zum Kind, ziemlich stark von der Zeitmenge ab, die man dafür hergibt.“

Ich kann dazu nur zustimmend „Ja, ja, ja!“ rufen. Recht hat er, der Herr Martenstein.

Nebeneinander ist gut

Die Kinder bauen mit Decken und Pölstern eine Höhle im Wohnzimmer. Sie sind vertieft in ihr Spiel. Dazwischen rufen sie mich immer wieder, zeigen mir, was sie gerade machen oder brauchen meine Hilfe. Ich kann daneben meinen Aufgaben nachgehen und mich ihnen zuwenden, wenn es nötig ist. Die Kinder haben Zeit und Raum, um in ihrem Spiel aufzugehen und suchen hin und wieder meine Aufmerksamkeit. Auch wenn ich mich nicht dezidiert mit ihnen beschäftige, nehme ich Anteil an ihrem Tun und sie spüren meine Präsenz.

Keine Nähe auf Knopfdruck

Auch in der Partnerschaft braucht es Zeiten des Nebeneinanders: Mein Mann liest die Zeitung, ich tippe daneben auf dem Computer. Es entsteht Verbundenheit und Vertrautheit, selbst wenn wir nicht miteinander reden. Umgekehrt merke ich, wie schwer es ist, mich auf meinen Mann einzulassen, wenn wir uns wenig sehen. Eigentlich müsste ich in den dichten Zeiten froh über jeden Augenblick der Zweisamkeit mit ihm sein. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es fällt es uns schwer, Nähe entstehen zu lassen. Ähnlich ist es mit den Kindern. Wenn sie mal über Nacht bei den Großeltern waren, braucht es immer ein bisschen, bis wir wieder harmonisch miteinander auskommen und unseren Rhythmus als Familie finden.

Quality time mit zu hohen Erwartungen geht meistens schief

Am Wochenende soll es mal nicht der Spielplatz nebenan sein, auf den wir eh fast täglich gehen. Das ist zumindest mein Plan. Die Kinder sehen das anders und halten nicht viel von meinen Vorschlägen, eine Runde mit den Rädern zu drehen oder ein Picknick im Wald zu machen. Wenn es dann auch noch schlechte Laune gibt, die Kinder streiten oder das Wetter schlecht ist, bin ich frustriert. Hatte ich mir den Sonntagnachmittag mit meinen Lieben doch so schön vorgestellt! Aber: Die Meinungen darüber, wie man am besten Zeit miteinander verbringt, gehen innerhalb einer Familie oft auseinander. Aber auch das gehört zum Familienleben und muss akzeptiert werden.

Quality time als Genusszeit

Meine zweieinhalbjährige Tochter liebt es, Schwarzer Peter zu spielen. Damit verbringen wir meist unsere tägliche „Genusszeit“ am Vormittag, in der ich mich ausdrücklich ihr widme. Kein Schielen aufs Handy währenddessen, die To-do-Liste wird ausgeblendet. Volle Aufmerksamkeit für meine Tochter und den Schwarzen Peter. Der Vierjährige hingegen mag es, vorgelesen zu bekommen. Und unser Baby bekommt seine explizite Aufmerksamkeit unter anderem beim Plaudern während des Wickelns. Wenn ich mit den Kindern diese Art von „Quality time“ täglich verbringe, sind sie ausgeglichener. Ihr emotionaler Tank füllt sich, weil sie merken: Mama nimmt sich nur für mich Zeit! Gesättigt können sie sich wieder in ihr eigenes Spiel stürzen.

Zeit ist mitunter das Kostbarste, das wir einander und vor allem unseren Kindern schenken können.

Gerade die Zeit, in der wir gar nichts Besonderes miteinander machen. Ich finde, es lohnt sich darüber nach zu denken, wie uns das in der Familie besser gelingen kann. Wie viel außerhäusliche Arbeit braucht es? Welche Freizeitaktivitäten müssen nicht sein? Wie lange muss das Kind im Kindergarten bleiben? Ich will nicht Illusionen wie der von der kolportieren Quality time aufsitzen. Wobei ich natürlich Qualität in der Familie wichtig finde – nur nicht auf Kosten der Zeitmenge, die wir gemeinsam verbringen.

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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