26. Februar 2016

Mit Kleinkind ohne Plan durch den Tag

Mit Kleinkind ohne Plan durch den Tag - meinefamilie.at

Termine mit Kleinkind sind mühsam. Für einen Tag keinen Plan zu haben, ist auch schwer auszuhalten… Ein Versuch, die Mitte zu finden.

Seit mein Sohn geboren wurde, habe ich es immer wieder erlebt: Je weniger vorbestimmt der Tag, umso schöner. Und zwar nicht deshalb, weil wir dann faul herumhängen, sondern weil sich in der unverplanten Zeit immer eine Leere auftut, die sich spontan und kreativ von selbst füllt. Das Paradoxe daran: So sehr ich mich nach absichtslosen Tagen sehne, so schwer sind sie oft auszuhalten…

Den Tag großzügig einteilen

Zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein – puh, Termine mit Kleinkind sind lästig, aufreibend. Zumindest erlebe ich es in den meisten Fällen so. Jeder Termin trägt von vornherein die Möglichkeit in sich, dass wir ihn aus unvorhersehbaren Gründen nicht einhalten können. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, unsere Tage so großzügig wie möglich zu gestalten.

Wenn wir zum Beispiel am Vormittag bereits einen Termin wahrnehmen (müssen), dann bleibt der Nachmittag unverplant.

Oder wenn es an einigen aufeinanderfolgenden Tagen hektisch zugeht, dann sorge ich bewusst für Verschnauf-Tage, an denen wir „nichts“ vorhaben.

Ich brauche Struktur

Ist dann aber ein solcher Tag in Aussicht, ertappe ich mich im Vorfeld häufig bei dem Gedanken: Hm, was werden wir eigentlich machen? Mein Geist fordert Struktur, Planung. Ist diese nicht vorhanden, fühle ich mich schnell orientierungslos. Wie stark ich doch in bestimmten Mustern gefangen bin!

Und damit bin ich wohl nicht allein. Die meisten Menschen fühlen sich am sichersten, wenn sie genau wissen (oder zu wissen glauben), wie ihr Tag verläuft, was alles passieren wird und wie sie ihn bewerkstelligen werden.

Nicht nur kleine Kinder schätzen Rituale, die nichts anderes als sich wiederholende Fixpunkte im Tagesablauf sind.

Strukturen sind wichtig. Und in jeder Familie vorhanden. Doch dürfen wir uns von den vorgegebenen Strukturen nicht zu sehr bedrängen lassen. Meine Aufgabe als Mutter ist es, innerhalb unserer familiären Struktur Freiräume zu schaffen.

Projekt-Bericht: Ohne Plan durch den Tag

Also gut, heute ist also so ein Alles-ist-möglich-Tag. Ich beschließe schon beim Aufwachen, mich dem Fluss des Tages hinzugeben, darauf zu achten, wohin er meinen Sohn und mich trägt, mich nach Möglichkeit an seinen Rhythmus und seine Vorlieben anzupassen. Mal sehen, was passiert.

Spätestens nach eineinhalb Stunden – wir haben Bücher angeschaut, Häuser gebaut und Tiere auf Anhängern durch die Gegend gefahren – werde ich unruhig. Mir ist langweilig. Außerdem wartet noch der Wäscheberg auf mich.

Und wenn ich es mir recht überlege, dann will ich eigentlich raus. Am besten gleich.

Ich bin kurz davor, meinen Sohn zu manipulieren, ihn zu unterbrechen: Komm, wir gehen raus. Draußen ist es so schön. Willst du nicht dieses und jenes machen? STOPP. Ich gehe in mich. Will ich wirklich raus? Oder geht es nur darum, dass mein unsteter Geist nach Neuem verlangt, dass er Abwechslung sucht, dass die Konzentration dahin ist? Ertappt! Also gut, wir treiben weiter…

Planlos und präsent – nicht einfach, aber möglich

Mehr als einmal habe ich erlebt, dass die schönsten Tage die ohne Ziel waren. Plötzlich kommt der Vorschlag meines Sohnes, nach draußen zu gehen und im Garten zu arbeiten, im Sand zu graben, Matschkuchen zu backen. Wir entdecken zufällig einen Käfer, mit dem wir uns lange Zeit beschäftigen, wir beobachten die Vögel in unserem Apfelbäumchen, wir singen Lieder. Es ergeben sich Gespräche, Blicke. Verbindung ist spürbar. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Von Augenblick zu Augenblick ergibt sich etwas Neues, etwas Ungeahntes. Ich lasse mich auf die Konzentration meines Sohnes ein; ich lasse mich anstecken. Ich profitiere von seinem versunkenen Tun. Mein Gedankenapparat macht Pause. Welch eine Befreiung!

Aber wo kommen wir denn da hin, wenn wir uns als Eltern von den Bedürfnissen unseres Kindes durch den Tag manövrieren lassen? Wo bleiben dann unsere eigenen Bedürfnisse? Meine persönliche Erfahrung: zu mehr Gelassenheit.

Und: Je weniger Bestimmtes ich von einem Tag will, umso eher werden alle – auch meine Bedürfnisse – gestillt. Wenn ich merke, mein Sohn beschäftigt sich zufrieden allein, dann sitze ich natürlich nicht neben ihm und glotze. Entweder ich gönne mir eine Pause und verweile in Stille, oder ich folge meinen eigenen Interessen. So haben wir schon oft wunderbar „nebeneinander“ unsere unverplante Zeit genützt, und doch waren wir verbunden. Warum? Weil jeder völlig bei sich war. Mein Sohn in seiner Aufgabe, ich in meiner. Vor allem Arbeiten „mit der Hand“ erlebe ich immer wieder als erfüllend: Abwaschen, putzen, basteln, häkeln – jede konzentrierte Tätigkeit tut gut.

Ergänzend möchte ich noch sagen: Normalerweise folge nicht ich meinem Sohn, sondern er mir. Meistens fügt er sich in meinen Tagesplan. Wenn ich ihn nicht überfordere oder unachtsam bedränge, kooperiert er ganz wunderbar. Da ist es nur fair, dass nicht immer nur er mit mir Schritt hält, sondern auch umgekehrt.

Kann das wirklich wahr sein?

Das ist doch nicht real! Wer hat denn schon die Möglichkeit, einfach so in den Tag hineinzuleben? Meine ehrliche Meinung dazu: Jeder! Natürlich nicht immer, aber immer mal wieder. Und es muss ja auch nicht gleich ein ganzer Tag sein.

Wenige unverplante Minuten reichen zum Auftanken.

Pläne zu haben ist wichtig und in Ordnung. Dadurch können wir langfristig unsere Ziele verfolgen und im Auge behalten. Ich merke aber, dass zu viele Pläne einengen, zu viele Vorgaben Stress verursachen. Und dass wertvolle Augenblicke verloren gehen. Und schon habe ich wieder einen Plan: Wenn wir einen „freien“ Tag haben, dann will ich achtsam genug sein, mich nicht zu fixieren, mich dem Flow hinzugeben, das absichtslose Tun zuzulassen. Dabei ist mein Sohn der beste Lehrmeister.

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.


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