19. August 2016

„Mut zur Lücke, liebe Eltern!“

Mut zur Lücke, Silia Wiebe - meinefamilie.at

Die Ansprüche an Eltern können heute ganz schön übertrieben sein, sie reichen vom perfekten Haus bis zum perfekten Kindergeburtstag. Silia Wiebe teilt in ihrem Buch „Mut zur Lücke, liebe Eltern!“ lockere Ratschläge für einen entspannten Familienalltag. Fünf Fragen an die Autorin.

Silia Wiebe hat ihren Nagellack abperlen lassen, die saubere Wäsche über Nacht in der Maschine gelassen und ihren Sohn fünf Tage hintereinander mit derselben Jogginghose zur Schule gehen lassen. Das alles, um Zeit für ein Buch zu haben, mit dem sie Eltern genau diese Einstellung mitgeben möchte: die richtigen Prioritäten zu setzen und Mut zur Lücke zu haben. Diese Lücken empfiehlt sie in allen Bereichen, vom Haushalt bis zum Kindergeburtstag. Konkret: Das Geschirr am Abend stehenlassen, Essen bestellen oder Arbeit abgeben, anstatt alles selbst zu machen und selbst zu putzen.

Auch wenn die Ratschläge finanziell und organisatorisch nicht für alle Eltern umsetzbar sind, sind sie Inspiration, die Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben und den Familienalltag gelassen zu nehmen. Dafür ist „Mut zur Lücke, liebe Eltern!“ eine lockere Lektüre inklusive praktischer Tipps. Als Vorgeschmack hat Autorin Silia Wiebe für meinefamilie.at fünf Fragen beantwortet.

Silia Wiebe, Mut zur Lücke - meinefamilie.at
Autorin Silia Wiebe motiviert zum entspannten Elternsein.
meinefamilie.at: „Glück geht auch ohne Bio, PEKiP und Häuschen im Garten“, versprichst du im Untertitel deines Buches. Was macht Eltern stattdessen glücklich?

Silia Wiebe: „Eine Prise mehr Schlaf als sonst. Eine Hängematte, in die auch das Baby passt. Eine Oma, die ab und an abends einhütet, statt auf dem Kreuzfahrtdampfer über die Meere zu tuckern. Ein schnell gekochtes Abendessen. Öfter als einmal im halben Jahr Sex – was trotz den paar Kilos zu viel seit der Schwangerschaft sehr, sehr gut möglich ist. Eine Kindergartenleiterin, die sich nicht aufregt, weil man sein Kind wegen Stau zehn Minuten zu spät abholen muss. Ein Spielplatz vollgestopft mit Müttern, die entspannt das Bobbycar ihrer Kinder rausrücken. Eine Putzhilfe. Großeltern, die locker sind, wenn das Enkelkind auch mit drei noch den Schnuller braucht und auch mit sechs noch nachts ins Elternbett krabbelt.

Also zusammengefasst: eine entspannte Haltung statt zu vieler Prinzipien und die Einsicht, dass man Arbeit abgeben muss und nicht alles selbst schaffen kann.

Oh, und ein Glas Wein auf dem Balkon mit dem Liebsten und im Sommer ein Grillwürstchen auf die Hand, auch wenn dann Ketchup runter kleckert.“

Du willst Eltern „Mut zur Lücke“ mitgeben – welche Lücken sind das? Und wie hält man das Gefühl aus, mit ihnen zu leben?

„Ich will einfach nur sagen: Niemand ist perfekt und es ist pure Kraftverschwendung, so zu tun als ob. Wenn Kinder da sind, braucht man seine Nerven einfach für wichtigere Dinge als den Perfektionismus. Und dann hat natürlich jeder andere Lücken. Meine größte Lücke ist zum Beispiel mein fehlendes Talent zu Ordnung im Haushalt. Auf meiner Prioritätenliste steht ganz weit unten, ob die Küche abends tiptop aussieht oder nicht. Lieber gehe ich mit Mann und Kind spontan noch ein Eis essen oder kicke mit ihnen eine Runde im Park, als den Geschirrspüler direkt nach dem Abendessen einzuräumen. Irgendwann muss es leider sein, das stimmt, aber mein Mann oder ich schieben solche nervigen kleinen Pflichten irgendwann ein, wenn es zeitlich passt.

Der Haken ist halt: Spontanbesuch ist ein Problem, es sieht nie pikobello aus bei uns. Meine größte Lücke ist aber nicht mein Chaos, sondern dass ich mich zu schnell dafür schäme und nicht einfach sage: Leute, kommt vorbei, schaut nicht in die Küche, quetscht euch aufs Sofa und habt’s gemütlich!

Wie man lernt, mit seinen Macken oder Lücken zu leben? Mein Sohn hat mir gerade im Urlaub einen Brief geschrieben. Darin steht „Mama, ich liebe dich, du bringst mich zum Lachen!“

Das ist doch viel wichtiger als die Frage, ob sich Teller im Abwasch stapeln oder ob die Küche meiner Nachbarin sauberer aussieht als meine.

Wir Mütter haben einfach maximale Ansprüche an uns selbst. Wir wollen Supermama sein: super im Job, super in der Beziehung, super in Freundschaften, super als Pädagogin, aber man kann nicht in allen Bereichen glänzen. Und wenn ich mir meine Stärken ab und zu bewusst mache, kann ich mir die Lücken auch besser verzeihen.“

Mut zur Lücke: Weniger ist mehr

Warst du eine Mama auf Perfektionstrip, die einen Sinneswandel erlebt hat? Oder wie kam es zu deinem Schwimmen gegen den Strom, also gegen die „Mama-Olympiade“?

„Nee, ich war nie perfekt.

Aber mir sind die perfekten Mütter auf den Geist gegangen mit ihren ambitionierten getrockneten Bio-Äpfeln, die sie in Scheiben schneiden, auf Bindfäden ziehen und als vitaminreichen Süßigkeitenersatz anbieten, damit das Kind bloß keinen Zucker kriegt.

Kein Witz, das habe ich alles erlebt. Und ich stand schon so oft stundenlang in irgendwelchen Küchen von Freundinnen herum und habe gewartet, bis sie ihre wunderbaren Tupperdosen mit Obst und Nüssen gefüllt hatten. Wenn wir dann endlich an die Elbe loskamen, war die Sonne schon untergegangen. Manchmal ist weniger mehr. Manchmal tut es auch ein Apfel auf die Hand und fertig.

Ich war aber auch selbst betroffen von dem Perfektionswahn meiner Tagesmutter oder des Kinderarztes, die beide ganz besorgt guckten, weil mein Sohn mit einem Jahr noch nicht gehen konnte und mit anderthalb noch recht wenig sprach. Ich dachte: Nun lasst ihn doch mal, er macht das schon, wozu dieser Druck? Es gibt Mütter, die sich schneller verunsichern lassen, die in Sorge sind, weil ihr Kind nur aus der Flasche trinkt und nicht von der Brust oder nicht pünktlich zu krabbeln anfängt. Auch für diese Mütter habe ich das Buch mit der Botschaft geschrieben: Vergleicht euch nicht so viel mit anderen, jedem sein Tempo, lasst euch nicht verrückt machen.“

Nicht alles kann super sein

Warum ist dein Elternratgeber anders als die Millionen anderen auf dem Markt?
Mut zur Lücke, Silia Wiebe - meinefamilie.at
Silia Wiebes Rat: „Vergleicht euch nicht so viel mit anderen, jedem sein Tempo, lasst euch nicht verrückt machen.“

„Mein Plan war, diesen ganzen Eltern-Erwartungs-Stress, dem wir ausgesetzt sind, mit Humor zu betrachten. Wir wollen eine sinnerfüllende Teilzeitstelle oder die ganz große Karriere. Wir wollen das Laufställchen nicht als Erziehungshilfe engagieren, Verständnis haben, wenn unser Kind dem anderen die Sandkastenschaufel über den Kopf zieht und Tobsuchtsanfälle würdevoll und mit sehr viel Liebe überstehen. Und am besten der Umwelt zuliebe Stoffwindeln benutzen. Das ist alles super! Nur manchmal ist es ein bisschen viel super auf einmal. Vor allem dann, wenn wir wegen chronischen Schlafentzugs total fertig sind, an den eigenen hohen Ansprüchen scheitern und uns ganz furchtbar finden.

Mein Buch gibt keine Tipps, wie man eine noch tollere Mutter oder ein Mega-Daddy wird. Es zeigt, wie toll wir schon sind und ermutigt zum Lockermachen. Von der Form her ist es vielleicht einen Tick vielseitiger als die klassischen Erziehungsratgeber. Man findet Experteninterviews, Erfahrungsberichte aus meinem Alltag, einen Psychotest, ein Märchen, Erfahrungsberichte von anderen Eltern, eine Reportage, Kinderbuch-Tipps und in jedem Kapitel drei Sätze für die Tonne: schnöde Besserwisserei-Ansagen, die wir wirklich nicht brauchen.“

Verrätst du uns einen wichtigen Tipp für Eltern aus deinem Buch?

„Ignoriert die Erbse unter dem Esstisch, den kleinen Fleck auf dem Babybody, die Beförderung der besten Freundin.

Runter mit den übertriebenen Ansprüchen an euch selbst! Und Schluss mit den Vergleichen.

Es gibt immer Mütter, deren Kinder noch seltener Streptokokken-Infekte haben, die noch besser durchschlafen und jede Gemüsesorte essen. Oder die das zumindest behaupten. Macht euer eigenes Ding und vergesst die Pause nicht!“

Mut zur Lücke, liebe Eltern!

Silia Wiebe
Gebundenes Buch
ISBN: 978-3-466-31055-5
€ 13,40

Silia Wiebe, Mut zur Lücke - meinefamilie.at

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2 Kommentare
  • Ann-Brigitt, 26. August 2016, 14:47 Antworten

    Ich möchte das Buch echt gerne lesen!! Wär glaub ich das Richtige für unseren Urlaub...also hoffentlich gewinne ich :D.

  • Anonymous, 1. September 2016, 10:28 Antworten

    Weniger ist mehr in allen Bereichen des Lebens

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