8. März 2016

Mit Kindern wachsen und sich selber spüren

Mit Kindern wachsen - meinefamilie.at

Kinder verändern das Leben der Eltern. Prioritäten werden anders gesetzt, Werte überdacht und das eigene Ich wird aufs Neue hinterfragt. Nicht nur Kinder wachsen – auch Eltern wachsen mit ihren Kindern.

Bevor mein Sohn geboren wurde, verbrachte ich mein Leben hauptsächlich in Unbewusstheit. Ich ging in die Arbeit, weil man das eben so macht. Ich machte viele Dinge, nicht, weil ich dafür brannte, sondern weil sie halt einfach dazugehörten. Ich ließ vieles über mich ergehen, um Unannehmlichkeiten auszuweichen.

Was es heißt, aktiv für mich und meine Lebensgestaltung einzutreten, mich selbst als Mensch wahr- und ernstzunehmen, ging mir erst in meinem Muttersein auf.

Mit Kindern die eigenen Werte überdenken

Die Geburt meines Sohnes (2 ¾) läutete für mich eine große Veränderung ein. Nämlich eine Veränderung in mir selbst. Schlagartig wurde ich mir meiner Verantwortung für dieses kleine Wesen bewusst. Dass alles, was ich machte, eine Auswirkung hatte. Dass es somit wichtig war, mir über meine Motive im Klaren zu sein. Ich musste also in erster Linie Verantwortung für mich selbst übernehmen. Und das jeden Tag aufs Neue.

Vieles aus meinem bisherigen Leben, aus meiner Art zu denken, meinen tradierten Vorstellungen passte einfach nicht mehr. Ich begann zu spüren, was ich nicht (mehr) will. Als Beispiel sei der alljährliche Weihnachtswahnsinn genannt. Wollte ich weiterhin die sinnentleerte Geschenkeflut, den Stress des „Alle-Besuchens-und-ja-niemanden-Vergessens“ unterstützen? Nein, das wollte ich definitiv nicht.

Jetzt traten andere Werte in den Vordergrund. Werte, die ich mit meiner neuen, kleinen Familie leben wollte.

Ein ruhiges Fest der Einkehr, Besinnung auf das Wesentliche, wenige liebevolle Geschenke. Solche Veränderungswünsche erlebte ich in vielen Bereichen und Situationen meines Lebens. Ich fühlte mich zunächst unsicher und irgendwie verloren. Mit der Zeit kam ich mir aber selbst immer näher.

Auf der Suche nach Authentizität

Für meinen Sohn wünsche ich mir, dass er ein selbstbewusster und -bestimmter Erwachsener wird. Jemand, der weiß, was er will. Ist es dann nicht meine dringende Aufgabe als Mutter und Mensch, dass auch ich selbstbewusst und -bestimmt bin? Dass auch ich weiß, was ich will? Dass ich Veränderungen zulasse und mit gutem Gewissen und mit Freude das mache, was für meine Familie passend und (er)lebenswert erscheint? Dass ich in Übereinstimmung mit mir selbst – losgelöst von den Erwartungen und Gepflogenheiten anderer – lebe? Doch, genau das ist meine Aufgabe. Aber wie schaffe ich das?

Meine Erfahrung: Momente der Stille sind auf der Reise zu mir selbst von unschätzbarem Wert. Im Alltag versuche ich immer wieder, das Dauerrauschen meiner Gedanken verstummen zu lassen und zu spüren, was gerade zu tun ist. Vor allem in herausfordernden Momenten.

Wenn mein Sohn zum Beispiel tobt und wir noch dazu spät dran sind. Dann würde ich gerne schreien, springen, etwas werfen.

Gäbe ich mich meinen Emotionen und Gedankenketten hin, würde ich ihn ziemlich sicher mit Worten verletzen, ihn kränken. Und sonst nichts erreichen. Wenn ich es aber schaffe, nur ein paar Sekunden innezuhalten und meine angelernten Reaktionen einfach nur wahrzunehmen, dann öffnet sich ein Raum der Möglichkeiten. Dann finde ich Lösungen, die für uns stimmig sind. Für uns! Nicht für alle Welt. Dann bin ich authentisch. Dann bin ich Ich.

Auf der Suche nach dem Ich mit „ICH-BIN-ICH“

Als mein Sohn ein Jahr alt wurde, schenkte ihm eine Bekannte Mira Lobes Kinderbuch-Klassiker „Das kleine ICH-BIN-ICH“. Die gereimte, rhythmische Sprache fesselte ihn bereits in diesem zarten Alter und natürlich auch die eindrucksvollen Bilder. In der Zwischenzeit rezitiert er das gesamte Buch und lädt mich und meinen Mann zu „Inszenierungen“ des Stoffes ein. Das Buch berührte auch mich von Anfang an.

Schließlich beschäftigt es sich eindringlich mit jener Frage, die ich mir im Zusammenleben mit meinem Sohn beinah täglich stelle: Wer bin ich eigentlich? Die Aussage des Buches ist klar: Definiert man sich über andere, wird man immer im Vergleich steckenbleiben, von ihrem Urteil abhängig und im Endeffekt unglücklich sein. Die Wahrheit über uns ruht immer in uns selbst. In jedem einzelnen Menschen.

Mit Kindern lernen, was wichtig ist

Das Wunder der Geburt birgt für mich die Möglichkeit, den Weg zu sich selbst anzutreten. Das gilt natürlich nicht für alle Menschen. Manche spüren sich auch schon vor ihrer Elternschaft sehr gut und handeln in Übereinstimmung mit ihrem Herzen.

Ich aber habe vor allem durch meinen Sohn gelernt, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, mich hinzusetzen und in mich hineinzuspüren.

Dient es mir oder anderen, wenn ich mich anpasse, weil es oft der einfachere Weg zu sein scheint, weil die gewohnten Strukturen dadurch erhalten bleiben, weil ich dann mit niemandem anecke? Nein! Erst wenn ich strahle als ICH-BIN-ICH, dann strahlt auch alles neben mir. Das – denke ich – ist in den vielen aktuellen Erziehungsratgebern mit authentischer Elternschaft gemeint.

Kinder sind ein Geschenk Gottes, weil sie uns mit uns selbst (wieder) in Berührung bringen. Ich muss nicht jemand anderer sein, um geliebt zu werden. Es ist in Ordnung und sogar essentiell, so zu sein, wie ich bin. Und das zu tun, was mir gut tut. Diesen Samen der Selbstakzeptanz und -liebe will ich in meinem Sohn aussäen. Denn er ist ER. Du bist Du. Und ich bin ICH.

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.



1 Kommentare
  • Martina, 10. März 2016, 20:58 Antworten

    Jajaja!! Danke für diesen wunderbaren Artikel!

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