19. November 2015

Mit Kindern über den Terror reden


Mit Kindern über den Terror reden, über Ereignisse wie jene in Paris, ist schwierig. Wie erklärt man das Unerklärliche?

Seit dem 17. November frage ich mich eigentlich täglich, wann es so weit sein wird. Wann wird mein Kind mich fragen, was eigentlich im Moment mit der Welt los ist? Am 17. November ist das Fußball-Freundschaftsspiel der deutschen gegen die niederländische Nationalmannschaft in letzter Sekunde abgesagt worden. Zu hoch waren die Sicherheitsrisiken, zu hoch die Verunsicherung, ob und wie man tausende Menschen vor einer derartig realen Bedrohung schützen kann.

„Mama, was ist eigentlich passiert?“

Die Ereignisse der Tage davor hatte ich so weit wie irgendwie möglich von meinem Kind ferngehalten. Ich wollte einfach nicht mit ihm über den Terror sprechen. Das Radio blieb bei uns daheim einen ganzen Tag, dem Samstag, ausgeschalten. Der Fernseher sowieso. Zeitungen gab es an diesem Tag für uns nicht. Für die Familien-Geburtstagsfeier am darauffolgenden Sonntag gab ich klare „Kommunikationsregeln“ aus: „Bitte, wenn es irgendwie geht, vermeidet Gespräche über all das, was in Paris passiert ist.“ Alle haben sich daran gehalten, alle, ohne Ausnahme. Ich war darüber sehr dankbar…

Und das, obwohl ich genau wusste, dass ich irgendwann in naher Zukunft vor der Frage meines Sohnes stehen würde: „Mama, was ist eigentlich passiert?“ Speziell, wo doch viele der unfassbar schrecklichen Dinge unmittelbar auch mit Fußball zu tun hatten. Mein Sohn ist einer der größten kleinsten Fußballfans, die ich mir vorstellen kann… Genauso wie seine besten Freunde in der Schule. Und irgendwann in naher Zukunft werden die Kinder mitbekommen, dass sich rund um ihren heißgeliebten Sport einiges geändert hat und spätestens dann werden sie zu fragen beginnen.

Was hilft den Kindern wirklich?

Aber noch viel mehr als vor der Frage „Was ist eigentlich passiert?“ fürchte ich mich im Hinblick auf diesen Moment vor: „Kann das bei uns auch passieren?“

Die Meinungen dazu, wie man auf diese Frage reagieren sollte, gehen auseinander.

Da sind jene Eltern, die ihren Kindern unbedingt die Wahrheit sagen wollen – „kindgerecht“ natürlich. Ich frage mich, wie man Volksschulkindern eine Tat dieses Ausmaßes „kindgerecht“ erklären kann. Ich kann es nicht. Ich kann es ja nicht einmal mir selbst erklären.

Und da sind jene Eltern wie Spiegel-Redakteurin Anna Reimann, die unumwunden zugeben, dass sie ihre Kind nicht verängstigen wollen und deshalb die Frage, ob so etwas bei uns auch passieren kann, mit einem vorsichtigen Nein beantworten. In der Not darf man auch mal lügen, sagt Reimann, wenn man damit den Kindern hilft. Und sie sagt auch: „Ich hoffe inständig, dass mein Sohn niemals erleben muss, dass ich ihn angelogen habe.“

Die Hoffnung bleibt

Ich für meinen Teil warte noch. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde, wenn mein Sohn zu fragen beginnt. Ich weiß noch nicht, wie ich mit ihm über den Terror sprechen werde. Ihm erzählen, was passiert ist? Ihm die Welt heiler zeichnen, als sie eigentlich ist?

Was ich aber ganz gewiss weiß, ist, dass ich alles daran setzen werde, ihm klar zu machen, dass wir mit allem Schlechten, was in der Welt passiert, irgendwie leben müssen, dass wir lernen müssen, mit Ereignissen wie diesem umzugehen. Dass wir da eigentlich gar keine andere Wahl haben.

Und ich werde ihm von den vielen guten Dingen in unserer Welt, in unserem Leben erzählen – immer und immer wieder. Und ihm vor Augen halten, dass die genauso real sind und wir uns täglich daran freuen dürfen. So lange, bis neben der Angst und der Verunsicherung, die ganz bestimmt kommen wird, auch wieder Hoffnung aufleuchtet – wenigstens ein bisschen davon.

Es kann auch wieder besser werden

Und nicht zuletzt werde ich ihm davon erzählen, dass ich weiß, dass es besser wird…das mit der Angst. Auch mit der Angst vor so großen, unfassbaren Dingen. Ich weiß das: Ich war am 11. September 2001 in New York. Ich habe – zwar von einiger Entfernung aus, aber doch – live, gesehen, wie zuerst der eine und dann der andere der beiden Türme eingestürzt ist und ich kann mich an die Angst erinnern, die mich damals gepackt hat. Aber ich kann mich auch erinnern, dass es besser wurde…mit der Zeit. Nun könnte man natürlich – zu Recht! – sagen, dass das ja kein Wunder ist, ist mir doch an diesem Tag nichts passiert und natürlich verflüchtigt sich dann die Angst irgendwann. Doch so einfach ist das auch wieder nicht. Denn an diesem Tag ist etwas mit mir passiert, wenn mein Körper auch heil geblieben ist. Ich habe ein weiteres Risiko kennengelernt und versucht, es – mit der richtigen Wertigkeit versehen – in meinem Leben zu platzieren.

Und, was das Allerwichtigste ist: Ich habe dabei auch dem Gefühl, dass das Leben trotz der oft grausamen Realität, auch gute Seiten hat, einen neuen Stellenwert gegeben; versuche bestimmt öfter als vor „911“ daran zu denken, was in meinem Leben alles an Gutem ist. Und da ist eine Menge! Das lass ich mir nicht nehmen und ich werde alles dafür tun, dass auch mein Sohn dieses Gefühl, dass es eine Menge Dinge gibt, die das Leben schön machen, so intensiv wie möglich und so lange wie möglich in seinem Herzen wachhält.

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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