16. April 2018

Meine Träume – Deine Träume: Lassen wir unseren Kindern ihr eigenes Leben leben

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Es ist oft der Fall, dass Kinder Wünsche und Träume ihrer Eltern so stark nachahmen und verinnerlichen, dass sie sich tief in ihre Seele einnisten und sich eine Art Symbiose einstellt, die wenig Freiraum für eine individuelle Entwicklung des Kindes zulässt. Daher ist es ratsam, sich als Elternteil immer wieder mal zurückzunehmen und sich in Selbsterkenntnis zu üben.

Montagnachmittag, Talentescouting Fußball: Unser ältester Sohn wünscht sich nichts sehnlicher, als daran teilzunehmen. Bereits Tage davor gibt es für ihn kein anderes Thema – die Aufregung ist groß.

Am Fußballplatz stehen ca. 30 Buben in bunten Fußballdresses, die sich neugierig umsehen: „Kenn ich jemanden? Hat der aber coole Schuhe! Ist dieser da vielleicht besser als ich?“ Nach einer strengen und klaren Ansage des Zuständigen für Nachwuchstalente, welcher irgendwie einschüchternd, aber witzig wirkt, geht es los: Aufwärmen, Sprinten, Matches….

Nervöse Eltern

Alle Eltern setzen sich auf die graue Mauer, die ca. 20 Meter entfernt vom Rasen ist. Eine der zu beachtenden Regel ist, sich als Elternteil nicht dem Spielfeld zu nähern oder dem Kind etwas zuzurufen, ansonsten fliegt das Kind sofort raus. Ich packe ein Buch aus meiner Tasche und beginne zu lesen, während auf dem Spielfeld alles seinen Lauf nimmt. Allerdings gelingt es mir nicht, zur nächsten Seite überzugehen: Rechts neben mir flüstert eine Mama immer und immer wieder: „Konzentrier dich, konzentrier dich, konzentrier dich!“ Sie hat eine Art betende Haltung mit leicht gefaltete Händen eingenommen, während sie sich im Takt nach vor und zurück wippt. Gleich daneben sitzt ein Elternpaar, welches jeden Spielzug ihres Buben eifrig kommentiert und immer wieder laute Seufzer von sich gibt. Leicht irritiert schaue ich nach links und beobachte einen äußerst nervösen Vater, der eine Zigarette nach der andern raucht und immer wieder negative Bemerkungen fallen lässt – offensichtlich enttäuscht von den Leistungen seines Sohnes.

Wie sieht das angemessene Verhalten aus?

In meinem Kopf beginnt es zu brodeln und ich frage mich: „Verhalte ich mich als Elternteil angemessen, wenn ich während der für den Sohn wohl aufregendsten und durchaus zukunftsträchtigen Stunde seines Lebens einfach ein Buch lese? Können die Kinder wohl die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen? Und was erwartet sie wohl zu Hause, wenn sie nicht gescoutet werden? Warum sind die Träume meines Sohnes nicht meine Träume? Und warum träumen andere Eltern von einem Kind als Fußballprofi und fiebern derart mit, dass sogar eine Art von Gebetshaltung wahrnehmbar ist?“

Welche Träume werden verfolgt – die des Kindes?

Es ist oft der Fall, dass Kinder Wünsche und Träume ihrer Eltern so stark nachahmen und verinnerlichen, dass sie sich tief in ihre Seele einnisten und sich eine Art Symbiose einstellt, die wenig Freiraum für eine individuelle Entwicklung des Kindes zulässt. Daher ist es ratsam, sich als Elternteil immer wieder mal zurückzunehmen und sich in Selbsterkenntnis zu üben: „Was sind meine Träume und was sind die Träume meines Kindes? Welche unerfüllten Träume hinterließen Spuren in mir? Woran hängt mein Herz immer noch und was davon kann ich jetzt loslassen?“ Das Bewusstsein und die Zeit für einen Reflexionsprozess mit solchen oder ähnlichen Fragen tut einer Familie immer gut. Eigentliche Talente und Fähigkeiten von Kindern können dadurch besser wahrgenommen und unterstützt werden.

Elterliches Auffangnetz

Und wenn das Verhalten des Kindes dann nicht meinen Erwartungen entspricht – wenn der Sohn auf dem Fußballplatz aus irgendwelchen Gründen eben nicht so spielt, dass er es für eine Qualifikation schafft, kann die Enttäuschung zumindest von Elternseite aus leichter getragen werden, sodass das Kind hinsichtlich seiner Enttäuschung aufgefangen werden kann in das sichere Boot der gegenseitigen Achtung und Liebe, wo man so sein kann, wie man gerade ist.

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