12. Februar 2015

Wenn die Kleinen zum Smartphone greifen


Natürlich ist es faszinierend, wie geschickt schon kleine Kinder mit dem Smartphone umgehen. Doch „echte“, sicht- und erfahrbare Eindrücke sind gerade in den ersten Lebensjahren so wichtig.

Christina erreicht mit ihrer zweijährigen Sabrina gerade noch den Stadtbus. Erleichtert lässt sie sich auf den freien Sitz neben dem Kinderwagenabstellplatz fallen und holt ihr Smartphone aus der Manteltasche, um auf die Nachricht ihrer Freundin zu antworten. Sabrina sitzt anfangs noch ruhig im Kinderwagen, fängt aber bald zu quengeln an. Christina tippt mit einer Hand weiter und greift nach ein paar Hirsebällchen aus der Wickeltasche, um sie der Kleinen zu geben. Sabrina steckt zwei Bällchen in den Mund, schmeißt die anderen auf den Boden, streckt die Händchen aus, um das Smartphone ihrer Mami zu erwischen und schreit: „Auch, auch! Ich pielen!!“ „Ja, gleich darfst du auch – warte!“, versichert Christina, lächelt über die neuerliche Antwort ihrer Freundin, tippt auf die Lieblingsapp ihrer Tochter und reicht ihr das Handy.

Smartphone ist spielerisch leicht für Kinder

Natürlich ist es faszinierend, wie geschickt und selbstverständlich schon kleine Kinder mit Smartphones, Tablets und anderen modernen Geräten umgehen. Und gerade in Situationen, in denen es schwierig ist, Kinder ruhig zu beschäftigen, sind ein harmloses Spiel oder ein kurzes Kindervideo eine willkommene Lösung. Jedoch – wie wirkt sich das längerfristig auf Kinder aus? Für die zweijährige Sabrina scheint es schon alltäglich geworden zu sein, dass sie auf Mamis Handy „spielen“ darf – sie fordert es ein und bekommt es auch.

„Echte“, greif-, sicht- und erfahrbare Eindr

Dabei gilt es drei Aspekte zu bedenken. Vor allem raten Neurowissenschaftler und Kinderärzte von jeglichem virtuellen Medienkonsum für Kinder von null bis zwei Jahren dringend ab. In diesem Alter findet eine enorme Entwicklung des kindlichen Gehirns statt, die von äußeren Reizen gesteuert wird. Dazu sind „echte“, greif-, sicht- und erfahrbare Eindrücke viel besser geeignet als virtuelle, die mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen.

Aus dem Fenster schauen statt am Smartphone spielen

Zweitens ist es für die Eltern-Kind-Bindung und die Sprachentwicklung eine tolle Möglichkeit, dass gerade solche „leeren“ Zeiten wie zum Beispiel das Busfahren mit „Beziehung“ gefüllt werden. Für Kinder wie Sabrina ist es sehr wichtig, dass man viel mit ihnen spricht, auch wenn sie noch nicht alles verstehen. Christina könnte ihrer Kleinen erklären, was sie jetzt vorhaben, mit ihr Sachen entdecken, die man aus dem Busfenster sieht, oder ihr auch einfach nur zulächeln, Blickkontakt mit ihr halten und so Bereitschaft für eine „Unterhaltung“ signalisieren.

Selbstverständlich soll damit nicht gesagt sein, dass die kleine Sabrina nicht auch einmal warten kann, bis ihre Mama eine Nachricht geschrieben oder ein Telefonat beendet hat. Es ist nur eine Frage der Häufigkeit: Heute erlebt man doch immer wieder Eltern, die unterwegs, im Warteraum oder auch zuhause mit ihren Freunden via Smartphone mehr kommunizieren als mit den Kindern, die neben ihnen sind.

Die eigene Phantasie schulen

Als dritter Aspekt ist zu bedenken, dass Kinder auch lernen sollen, ihre Phantasie einzusetzen, Kreativität zu entwickeln und sich selbst zu beschäftigen. So ist es wichtig, ihnen Zeit, Raum und geeignetes Spielzeug zur Verfügung zu stellen, damit sie diese Fähigkeiten entfalten können. Kleinere Kinder brauchen oft noch eine Idee und einen Anstoß von Erwachsenen, um in ihr Spiel hineinzufinden.

Je öfter jedoch aufkommende Fadesse, Unruhe oder sonstige Freiräume mittels der virtuellen Welt, die eine ungeheure Anziehungskraft besitzt, abgesättigt werden, desto schwieriger wird das Kind zu motivieren sein, den anfangs immer mühsameren Weg der eigenen Phantasie und Kreativität einzuschlagen. Und doch ist so ein Spielen in der „realen Welt“ viel entspannender, befriedigender und vor allem so wertvoll, weil Kinder darin auch ihr Erleben verarbeiten.

Die Zeit, in der die Kleinen mit großen, erwartungsvollen Augen auf ihre Eltern blicken und tief in ihre Spielewelt eintauchen können, ist so kurz! Nutzen wir sie!

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EIN ARTIKEL VON
  • Alexandra Schwarz

    In den Stella Kindergruppen und als Familienberaterin begleite ich Eltern in ihrer wunderbaren und spannenden Aufgabe der Erziehung. Als Mutter von sieben Kindern weiß ich, wie viel Freude Kinder bereiten, aber auch, wie hilfreich es sein kann, bei so mancher Herausforderung einen Input von „außen“ zu bekommen.


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