17. August 2016

Mütter, legt das Handy weg!

Mütter, legt das Handy weg, WhatsApp - meinefamilie.at

Ein kritischer Blick auf den Mütteralltag im sozialen Netzwerk, einer Welt zwischen Tippen und Teilen. Und: Warum ich kein Smartphone habe.

Es gibt ihn doch, den kinderfreien Raum, der nur uns Müttern gehört! Nämlich dann, wenn wir wieder einmal am Handy hängen. Er befindet sich dort, wo Kinderhände nicht mehr hinreichen, bauchaufwärts und höher. Nabelabwärts quengeln und hüpfen indessen unsere lieben Zwerge, als ginge es um ihr Leben. Gerade und genau dann, wenn wir zum Handy greifen, beginnen sie ganz plötzlich, vor Hunger zu sterben, müssen notfallsartig eine Playmobil-Kleinstteilchen-Suchaktion starten oder superdringend mit Begleitservice aufs Klo.

Das Handy ist erwachsen geworden

Ein kurzer Blick in die Handy-Vergangenheit: Mit der Einführung endloser Mengen an Freiminuten begannen wir, unsere Zeit in der kinderfreien Oberzone mit stundenlangen und extrem wichtigen Gesprächen zu füllen.

Heute sieht die Lage noch einmal anders aus. Denn dort oben öffnet sich nun ein ganz neues Universum für uns. Nur ein kleiner Klick trennt uns von einer Welt voll Gleichgesinnter, Wegekreuzer und Mitwisser.

Ein einziges Foto schnell geteilt bringt uns das Gefühl, wir haben etwas geschafft, auch wenn wir dafür nicht bezahlt werden: einzigartige Kinder, ein gut aussehendes Mittagessen oder die ultimative Deko am Geburtstagstisch.

Ab zwanzig Likes auf facebook haben wir es auch gleich blau auf weiß, dass wir einiges drauf haben.

Die Mütter-Evolution oder wie uns das Smartphone verändert

Wenn es uns wieder einmal um gepflegte Konversation, Posten, Sharen oder Liken geht, sind wir bereit, diesen glückbringenden Luftraum mit viel Geschick, Ausdauer und feurigen Blicken gegenüber dem Eindringling von unten zu verteidigen. Trickreiche Entwindungen liegen uns scheinbar im Blut und Einhand-Zubereitungen eingängiger Vollwertmenüs sind unsere absolute Stärke.

Das Smartphone stellt die Kommunikation auf den Kopf und das Tastenhandy ins Eck.

Wir überleben auch ohne Smartphone

Trotzdem habe ich keines. Auch meine Kinder nicht. Es hat sich so ergeben. Kein stiller Protest, keine Prinzipienreiterei, keine besserwisserische Pädagogik.

Dass ich in der Klasseneltern-Gruppe auf WhatsApp als einzige nicht dabei bin, stellte bisher kein großes Problem dar. Irgendwie schaffte ich es sogar noch am Weg der direkten Kommunikation, die äußerst knifflige Frage für das Sachunterrichts-Quiz zu lösen, die im Unterricht wohl untergegangen war. Selbstverständlich wusste ich mich aufgefangen in einem Netz wissenshungriger Eltern, die das Rätsel in der neuinstallierten Gruppe bereits gelöst hatten.

Trotz Tastenhandy gelang es mir auch, meinen Sohn rechtzeitig von der Schullandwoche abzuholen. Denn eine Status-Info, die alle anderen über WhatsApp bereits hatten, blieb mir vorenthalten: „Sind gerade losgefahren, Ankunft wie vereinbart um 15.00 Uhr.“ Stand das nicht schon im Elternheft? Zwei nette Mütter hatten jedenfalls Erbarmen mit mir und meinem Status und schrieben mir ein SMS. So erreichte diese aktuelle, aber doch nicht neue Nachricht schlussendlich auch mich, zeitverzögert um wenige Lebenssekunden.

Große Gefühle zum Wegwischen

Mein uncooles Handy stellt keine Auswahl an coolen Emojis bereit und kann erst recht keine empfangen. Hm, vielleicht schaffe ich es ja deshalb nicht mehr, ganz zuverlässig einzuschätzen, wie eine Nachricht gemeint ist? Freudig, glückselig oder entspannt? Auch egal.

Kleine Smartphonierer gehen an die Grenzen

Anders sieht die Lage bei den Kindern aus. Social Media lässt sie nicht kalt, es ist ihr Lebenselixier, die Freizeit-, Tages- und Nachtbeschäftigung.

Meine Mittlere, damals zarte 9 Jahre alt, wurde von Mitschülerinnen angesprochen, die es sich nicht ausmalen konnten, wie man ohne WhatsApp heutzutage überhaupt noch Freunde haben könne. Das war ein ernsthaftes Bedenken.

Jene kannten sich zu dem Zeitpunkt aber schon allzu gut damit aus, wie man sich mit WhatsApp Feinde machen kann. Gar nicht selten kam es vor, dass jemand aus der Klassengruppe ausgeschlossen wurde. Kurz vor Mitternacht, nach zahlreichen, hoffentlich überhaupt verständlichen oder vielleicht auch nur mit den falschen Smileys bestückten Nachrichten an die ganze Klassengruppe.

Retro voraus – zurück in der Zukunft

Unser mittlerweile 12-jähriges Retro-Kind ohne Wischhandy erspart sich das ewige Tippen und Sharen. Sie ist mit der Welt auf du und du und kommuniziert mit ihr von Angesicht zu Angesicht. Dazwischen steht keine hochauflösende Smartphone-Fotolinse und auch kein Messenger-Dienst. Damit spart sie nicht nur ihr Taschengeld, sondern auch einiges an Zeit, um Kind zu sein.

Ist es absehbar, was Social Media unter Müttern und Kindern bewirkt? Können wir mit dem Mitteilungs-Tempo mithalten oder werden wir vom Sturm der Informationen einfach irgendwohin getrieben, wo wir gar nicht stranden wollen?

Vorerst bleibe ich bei meinem Tastenhandy. Warum auch nicht?

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EIN ARTIKEL VON
  • Birgit Linhart

    Ich habe Volkskunde und Kulturmanagement in Graz studiert. Mit meinem Mann, unseren drei Schulkindern, den Katzen, Hühnern und Schildkröten lebe ich ein buntes Leben am Rand der Stadt. Ich liebe es, Kindern zuzuhören, mag Spontantheater und Kinderbücher.


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