15. Mai 2017

Tipps für die Medienerziehung in der Familie

Tipps für die Medienerziehung in der Familie - meinefamilie.at

So praktisch und verbreitet Medien heute auch sind: Reale Sinneserfahrungen sind für Kinder am wichtigsten. Wie Kinder in der Familie einen verantwortungsvollen Umgang mit Medien lernen und worauf Eltern achten sollten.

Die Eltern sitzen mit ihrer Tochter Anna, 3, im Restaurant. Anna greift nach dem Smartphone ihrer Mutter. Die Mutter nimmt es ihr weg. Anna protestiert laut. Der Vater fragt: “Warum schreit sie denn so?” Die Mutter darauf: “Naja, als wir neulich beim Kinderarzt waren und so lange warten mussten, da durfte sie mein Smartphone haben. Das fand ich okay. Aber ich wills eigentlich nicht so dauerhaft einreißen lassen. Jetzt habe ich ihrs weggenommen.” Die anderen Gäste schauen zum Tisch der Familie herüber. Anna schreit immer lauter, der Vater sagt genervt: “Ja, dann gib’s ihr halt wieder!“

Solche und ähnliche Situationen kennt ihr bestimmt alle. Wahrscheinlich stellt ihr euch auch Fragen wie diese: Wie können Kinder im digitalen Zeitalter normal groß werden? Wie viel Bildschirm-Zeit ist für welches Alter angemessen? Wie lernen Kinder langfristig richtig mit Medien umzugehen? Ich möchte euch dabei unterstützen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

So wirken Bildschirmmedien

Uns muss klar sein, dass Medien auf Kinder anders wirken als auf Erwachsene. Wie Medien wirken, ist vor allem eine Frage des Alters. Alles, was aus dem TV, PC, Gameboy oder aus anderen Medien auf kleine Kinder einfließt, kommt “ungefiltert” bei ihnen an. Sie müssen erst Erfahrungen sammeln, um das Gesehene und Erlebte einordnen und damit umgehen zu können. Um das zu lernen, sind vielfältige Sinneserfahrungen nötig: sehen, tasten, hören, schmecken, riechen, Drehsinn und Schwerkraftsinn.

Fernseher, Computerspiel und Co. sprechen nur Augen und Ohren an.

Für die Verknüpfung von Erlebnissen auf allen Kanälen, also die sensomotorische Integration, braucht es alle Sinne. Sie ist Voraussetzung für gesundes Gehirnwachstum und für späteres erfolgreiches Lernen. Der unmittelbare Kontakt zur Welt und zu anderen Menschen ist dabei unverzichtbar. Er ist für die Entwicklung förderlicher als jedes elektronische Medium.

Ab welchem Alter sind welche Medien für Kinder geeignet?

Wie Kinder Medien nutzen, wahrnehmen, verstehen und interpretieren, hängt von ihrem Entwicklungsstand ab. Eine Empfehlung ist die sogenannte “3-6-9-Regel”:

  • Keine Bildschirmmedien unter 3 Jahren
  • Keine eigene Spielekonsole vor 6 Jahren
  • Kein Handy oder Smartphone vor 9 Jahren

Was aber ist ist der Unterschied zwischen Smartphone und Fernseher? Warum dürfen schon Dreijährige fernsehen, aber erst Neunjährige ein Smartphone benützen? Medienexpertin Paula Bleckmann erklärt auf der GAIHM Tagung den Unterschied: „Die Korruption des Belohnungssystems. Irgendwie mal wischen, mal klicken, und schon macht es wieder ‚bing‘, du bist ein Level aufgestiegen und hast 50 Goldmünzen gewonnen. Diese ganz schnelle Belohnung hat es beim Fernseher nicht gegeben.“ Kinder verlernen, dass sie auch einmal warten müssen, werden ungeduldiger, verlieren schnell das Interesse, wenn die erwartete Reaktion nicht sofort eintritt.

Dabei geht es beim Erwerb der Medienkompetenz, dass Kinder lernen,

  • die Inhalte einzuordnen und zu verarbeiten,
  • Medienangebote und Werbung kritisch zu beurteilen,
  • Medien auch dazu zu nutzen, kreativ zu sein und sich mit anderen auszutauschen,
  • für sich selbst Sinnvolles und Interessantes aus dem großen Medienangebot auszuwählen statt wahllos zu konsumieren.

Viele Kinder lernen ganz selbstverständlich, Medien zu bedienen und zu nutzen. Doch „Medienkompetenz“ bedeutet mehr als zu wissen, welche Knöpfe man drücken muss. Mit diesen Tipps gelingt’s:

Kompetenzen fördern

Der spätere gute Umgang mit dem Bildschirm will gelernt sein. In den ersten drei Jahren sind dafür Sprache, Bücher und Hörmedien (Musik, Hörbücher) empfehlenswert. Die regelmäßige vorgelesene Gute-Nacht-Geschichte gibt Geborgenheit. Zusätzlich ist sie die beste Leseförderung.

Vereinbarungen treffen

Erstellt gemeinsam mit den Kindern Regeln zum Mediengebrauch (Gerät, Zeit, Ort, Umfang) und vergesst dabei nicht, die Konsequenzen zu besprechen. Berücksichtigt bei den Regeln die Entwicklung, Erfahrung mit Medien, Interessen und Vorlieben. (Alters-)Empfehlungen zu bestimmten Sendungen und Spielen bzw. Apps oder zu Nutzungszeiten können euch dabei helfen und als Richtwerte dienen.

Nicht allein hinterm Bildschirm

Begleitet eure Kinder so oft wie möglich beim Mediengebrauch. Schaut euch zum Beispiel gemeinsam Sendungen an oder bleibt beim Spielen eurer Kinder in der Nähe, damit sie euch ansprechen können. Wählt aus, was sich Kinder anhören oder ansehen, überlasst es nicht den Kindern allein. Es ist es auch sinnvoll, die Kinder bei der Mediennutzung zu beobachten und darauf zu achten, wie sie reagieren und welche Emotionen ausgelöst werden – sind die Kinder dabei fröhlich, aufgedreht, verängstigt, angeregt oder aggressiv?

Fernseher, Computer, Smartphone, Tablet und Spielkonsole gehören nicht ins Kinderzimmer. Am besten „draußen lassen“.

Vorsicht Werbung: Besser als Fernsehen sind DVDs (kurze Sendungen). Damit vermeidet ihr auch das Quengeln „Mama, kauf mir das!“.

Über Medien reden

Sprecht mit euren Kindern über Medien. Über die Lieblingssendungen und -figuren oder die Lieblingsspiele, aber auch über Gefahren und Probleme. Versucht zu verstehen, was Lieblingssendungen, – spiele etc. für sie bedeuten und weshalb sie ihnen so gut gefallen. Taucht in die Welt eurer Kinder ein und spielt oder schaut mit – so bleibt ihr am Ball und überlasst die Kinder und Medien nicht sich selbst.

Medien kreativ nutzen

Wie wär’s, das Tablet einmal als Lupe zu verwenden und in der Natur Insekten, Gräser, Baumrinde etc. zu vergrößern und zu fotografieren? Gemeinsam Fotos zu bearbeiten? Sich mit Oma und Opa über Skype oder andere Kommunikationsmedien auszutauschen? So lernen Kinder, Medien sinnvoll einzusetzen.

Regt euer Kind dazu an, selbst etwas mit Medien zu schaffen oder zu gestalten, wie zum Beispiel Mal- und Bastelvorlagen zu suchen und auszudrucken. Oder Experimente online zu recherchieren, die ihr offline ausprobiert.

Ausgleich schaffen

Bietet euren Kindern ausreichend Gelegenheit für andere Freizeitbeschäftigungen neben der Mediennutzung, vor allem an der frischen Luft. Für Kinder sind das Rollenspiel oder kreative Tätigkeiten auch ein Weg, das Erlebte zu verarbeiten – zum Beispiel zeichnen oder spielen sie die Geschichten ihrer Lieblingssendung nach.

Wenn ihr euren Kindern interessante Angebote wie einen Fahrradausflug, ein Picknick, eine Geschichte, einen Spieleabend mit Mama oder Papa oder ein Treffen mit Freunden vorschlagt, verzichten sie meist leichter auf das Fernsehen oder den Computer. Ermutigt euer Kind, Freundschaften zu pflegen, Sport zu machen, ein Instrument zu lernen! Dies ist die beste Vorbeugung gegen Computerspiel-Sucht, Cyber-Mobbing und Gewalt im Internet.

Bildschirmfreie Zeit bedeutet für Kinder einen Gewinn an Kompetenzen im realen Leben.

Dauerberieselung vermeiden

Schaltet den Fernseher, Radio, CD-Player etc. bewusst ein und vermeidet eine Dauerberieselung. Hörspiele und Hörbücher sind bei Kindern sehr beliebt. Beobachtet euer Kind: Hört es wirklich zu? Kann es Inhalte wiedergeben, Lieder nachsingen usw., oder ist das Hörspiel nur „Hintergrundgeräusch“?

Safer Internet

Falls es nicht möglich ist, immer daneben zu sitzen: Richtet für euer Kind einen eigenen Benutzeraccount mit Zeitbegrenzung und Internet-Filtersoftware (Whitelist) ein. Erklärt ihm die wichtigsten Regeln zum sicheren Surfen im Internet und nutzt auch technische Möglichkeiten, um euer Kind vor nicht kindgerechten Inhalten zu schützen.

Linktipps

klicksafe.de
fragfinn.de
surfen-ohne-risiko.net
saferinternet.at

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EIN ARTIKEL VON
  • Marie-Thérèse Schmiedleitner

    Ich bin Pädagogin und seit Jahren in der Kinderbetreuung tätig. Darüber hinaus biete ich systemische Familienberatung für Babys, Kleinkinder und Elternworkshops an. Ich lese leidenschaftlich gerne Blogs und bin selbst begeisterte Bloggerin.


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