11. April 2018

Am Vorlesen in Zeiten des Smartphones festhalten

vorlesen in zeiten des smartphones - meinefamilie.at

Wir leben im Zeitalter des Smartphones. Keine andere Erfindung hat unser Lese-, Vorlese- und Rezeptionsverhalten so stark beeinflusst. Auch auf Kleinkinder hat die Omnipräsenz dieses Geräts bereits starken Einfluss.

Ein Szenario, das sich so in den besten Familien abspielt, macht die Ausmaße sichtbar. Die Tochter oder der Sohn erzählt vom Kindergartentag. Plötzlich poppt eine Whats-App Nachricht auf. Im selben Augenblick gibt der am Smartphone installierte Facebook-Messanger mit einem unüberhörbaren akustischen Signal zu verstehen, dass einer der hunderten „Freunde“ das dringende Bedürfnis verspürt mit einem zu chatten. Die Erzählung des Kindes lässt sich davon meist nicht irritieren. Wir aber sind abgelenkt, nicht bei der Sache, hören kaum oder nur sehr beiläufig zu.

Wir lassen uns zu gerne zu oft ablenken

Ein weiteres Szenario verdeutlicht die Smartphone-Allgegenwart und die damit zusammenhängenden Veränderungen. Man hat es sich mit einem guten Buch gemütlich gemacht. Mit einem richtig dicken Wälzer, den man früher in wenigen Tagen ausgelesen hätte. So richtig kommt man aber nicht zur Ruhe, das Smartphone liegt in Griffweite.

Nach den ersten drei Seiten verrät ein Geräusch, dass gerade eine E-Mail eingetrudelt ist. Man legt das Buch zur Seite, um schnell den Inhalt dieser Nachricht zu checken. Danach findet man nicht mehr sofort in die Geschichte hinein. Wir werden unruhig. Was hat sich eigentlich in der Welt ereignet und sollte man nicht auch noch flott nachlesen, was sich politisch in den letzten Tagen getan hat? Schließlich ist man, eingespannt beispielsweise in der Doppelrolle als Vater und Selbstständiger, ohnehin schwer in Verzug und bekommt viel zu wenig mit.

Was heißt das?

Wir werden laufend abgelenkt und gestört und lassen uns auch ablenken und stören. Die „Zeitinseln“ in denen Ablenkungslosigkeit und Ruhe vorherrschen werden immer rarer und brüchiger. Womöglich sind viele dieser Inseln  von der ständigen Erreichbarkeit und der ständigen Informationsflut überflutet worden. Ebendiese Inseln gilt es aber zu erhalten. Sie sind wertvolle und kostbare Widerstandspole gegen den Smartphone-Ungeist.

Lesen fördert Konzentration der Kinder

Wer vorliest schenkt Zeit und nimmt sich Zeit. Damit generiert er einen Zeitraum, in denen Ablenkungen nichts zu suchen haben. In unserer Gegenwart, in denen Unterhaltungen und Erzählungen durch Störungen nur allzu oft fragmentiert oder zu Beiläufigkeiten degradiert werden, gibt es in der Zeit des Vorlesens eine Reduktion auf das Wesentliche. Es existieren nicht mehr endlose viele Quellen von Inhalten, Texten und Informationen, sondern es gibt nur mehr einen Text. Auch die Akteure sind überschaubar: Es gibt einen Vorleser und einen Zuhörer. In Zeiten von unzähligen Sendern und einer nicht näher bestimmbaren Anzahl von potentiellen Zuhörern ist das ein wahrer Segen.

Das Vorlesen als Zeitinsel

Doch der Vorleser trägt auch Verantwortung. Damit die „Zeitinsel“ möglichst widerständig und kraftvoll gerät, muss er die Geschichte plastisch erlebbar machen und die Figuren zum Leben erwecken. Ein gekonnter Umgang mit Sprache und Stimme sind dazu wichtige Voraussetzungen und Werkzeuge. Auch über die Vorlesesituation muss sich der Vorleser Gedanken machen. Nur so gelingt es die Kinder auch wirklich zu fesseln und ihnen die Schönheit dieser Inseln näherzubringen.

Vorlesepate/Vorlesepatin werden

Der Lehrgang für Vorlesepatinnen und Vorlesepatin mit dem Titel „Ganz Ohr“ kann ein erster Schritt in diese Richtung sein. Der Infoabend für den Lehrgang in Arzl im Pitztal findet am 18. April um 19:00 im dortigen Pfarrsaal statt. Das Grundmodul folgt dann am 05. Mai, das Praxismodul am 26. Mai und das Abschlussmodul am 23. Juni. Genauere Infos findet ihr HIER und HIER.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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