24. Januar 2018

Lasst eure Kinder in Ruhe spielen

Lasst eure Kinder in Ruhe spielen - meinefamilie.at

Eltern sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Die im Inneren nagende Frage ist oft, ob man sein Kind auch „richtig“ erzieht oder ob man pädagogisch gesehen einiges besser machen könnte. Die Schörlpädagogik kann bei solchen Selbstzweifeln wertvolle Impulse liefern – die natürliche Elternkompetenz, also das Grundvertrauen in einen selbst als guter Elternteil, spielt dabei eine wichtige Rolle.

Im Alltag stehen Eltern oft vor zahlreichen Herausforderungen. Abgesehen davon, dass es manchmal schwierig sein kann, den Nachwuchs davon zu überzeugen, dass Zähneputzen und genügend Schlaf wichtig sind, zweifeln Eltern von Zeit zu Zeit daran, ob die Art und Weise wie sie ihre Kinder erziehen, auch der richtige Weg ist. Erziehung ist nicht einfach. Grundsätzlich wollen Eltern, dass ihre Kinder sich gut entwickeln, viel lernen und  selbstständig werden . Sie sollen sich zu eigenverantwortlich handelnden Erwachsenen entwickeln, die ihr Leben gut meistern. Um dieses Ziel zu erreichen, gibt es zahlreiche Wege. Montessori ist ein allseits bekannter Ansatz in der Erziehung,. Ebenso wie bestimmt vielen Eltern „Waldorfpädagogik“ ein Begriff ist. Ein pädagogisches Konzept, mit dem in Österreich jedoch nur die Wenigsten etwas anfangen können, ist die Schörlpädagogik. Dabei lohnt es sich genauer hinzusehen, denn Schörlpädagogik baut unter anderem auf „natürliche Elternkompetenz“.

Erziehen nach Margarete Schörl

Margarethe Schörl war eine österreichische Kindergärtnerin und Ordensfrau. Sie wurde 1912 in Wien geboren und ist eine Pionierin der Kleinkindpädagogik, die das Kind als Person in den Mittelpunkt stellt. Viele wissen nicht, dass das Prinzip der „Raumteilung“ im Kindergarten von Margarethe Schörl entwickelt wurde. Kindergärten bestehen schon lange nicht mehr aus einem Raum, in dem Kinder unter Anleitung der Pädagoginnen bestimmte Dinge tun.

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Heutzutage sind die Räume der Kindergartengruppen unterteilt gestaltet. Sie ermöglichen den Kindern frei zu entscheiden, wie sie ihre Zeit verbringen und sich kreativ betätigen wollen – ganz im Sinne der Schörlpädagogik. Es gibt unveränderliche Raumelemente wie den „Bauplatz“ oder den „Haushaltsplatz“, aber auch bewegliche Elemente wie Tische, Sessel, Bretter oder kleine Klettergerüste und Matten. Damit können die Kinder ihre eigenen kreativen Bereiche gestalten. Sie dürfen selbst entscheiden, ob sie aus Bausteinen eine Stadt bauen möchten, in einer Gruppe „Familie spielen“ oder doch lieber für sich sein wollen und gemütlich ein Buch ansehen oder zeichnen möchten. Schörls Pädagogik baut darauf, dass Eltern und Erzieher darauf achten, was das einzelne Kind gerade braucht. Schörlpädagogik fordert Eltern dazu auf, die Kinder Kinder sein zu lassen. Kinder ohne elterliche Einmischung spielen lassen und Langeweile nicht verhindern seien demnach wichtig, um die Kreativität zu fördern. Das erleichtert das Leben der Eltern ungemein, denn es nimmt den Druck, seine Kinder ständig unterhalten zu müssen.

„Was tut mein Kind denn da schon wieder?!“

Dr. Doris Kloimstein ist Referentin für Erwachsenenbildung. Mit der Schörlpädagogik beschäftigt sie sich schon seit Jahren. Auf die Österreichische Pädagogik-Pionierin ist sie durch Zufall gestoßen, als sie im Zuge ihrer Tätigkeit als Erwachsenenbildnerin im damals noch neu zu etablierenden Feld der Elternbildung tätig wurde. Momentan ist sie für das EU Projekt „Selber denken macht gescheit“ verantwortlich. Es beschäftigt sich mit dem Konzept der „Erziehungspartnerschaft“ nach M.M.Schörl. Zusammen mit Partnern aus Deutschland und Italien möchte sie das Wissen um die Schörl-Pädagogik wieder nach Österreich zurück bringen. Im September 2017 wurde, im Zuge des Projekts, vor der Bundesbildungsanstalt für Elementarpädagogik in St. Pölten ein Denkmal zu Schörls Ehren enthüllt. Das Denkmal soll verdeutlichen, dass Schörlpädagogik auch heute noch aktuell und lebendig ist.

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© Dr. Doris Kloimstein

Das hier gezeigte Foto veranschaulicht, wie viel Kinder durch Beobachtung lernen und wie „sich zu sehr einmischende Eltern“ diesen Prozess beeinflussen würden. Kinder nehmen ihre Umgebung genau wahr und ahmen die unterschiedlichsten Sachen nach.

Das Kind ist zusammen mit seiner Mutter bei einem Ausflug einem Straßenmusiker begegnet. Der Mann spielte Saxophon. Die Musik und die Bewegungen des Musikers dürften das Kind sehr beeindruckt haben. Wieder zuhause angekommen, hatte die Mutter den Straßenmusikanten längst vergessen. Das Kind jedoch schnappte die grellrosa Flamingo-Gießkanne, die zufällig herum stand. Es legte die Lippen an den Schnabel des Vogels, die Finger an den Hals und blies hinein. Der Papa des Kindes wunderte sich: „Was tut mein Kind denn da schon wieder?“ Die Mutter jedoch wusste sofort, was ihr kreativer Sohn tat. Er ahmte tatsächlich den Saxophonspieler vom Nachmittag nach!

Die Eltern haben, im Sinne der Schörl-Pädagogik, sehr gut reagiert – weil sie ihr Kind beim Spielen nicht unterbrochen haben.

Hätte der Vater gesagt: „Warum steckst du den Flamingoschnabel in den Mund?“ und das Kind dazu aufgefordert damit aufzuhören, hätte das 17 Monate alte Kind noch nicht erklären können, was es gerade tut und wieso. Schade, wenn das Kind in seinem Tun unterbrochen worden wäre! Das „kreative Nachahmen“ und damit die Verarbeitung des Erlebten, wurden hier von den Eltern natürlich erkannt. Das Kind wird weiter dazu ermutigt, kreativ zu sein, auszuprobieren und Neues zu versuchen. Der kleine Bub wird bestimmt noch öfter Flamingo-Saxophon spielen.

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EIN ARTIKEL VON
  • Ernestine Fournarakis

    Ich bin Referentin für Online-Projekte in der Diözese St. Pölten. Das Schreiben zählt seit jeher zu meinen liebsten Beschäftigungen. Umso mehr freut es mich, dass ich nach Abschluss meines Studiums einen Beruf gefunden habe, der sich mit meinem Hobby kombinieren lässt.


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