2. September 2016

Mir ist fad! Warum Langeweile wichtig ist

Warum Langeweile wichtig ist - meinefamilie.at

Ein bisschen Langeweile tut Kindern gut. Als Eltern haben wir nicht die Aufgabe, unsere Kinder ständig zu unterhalten – und in der Langeweile entstehen die kreativsten Ideen.

Langeweile! Kennt ihr das? Nein? Ich auch nicht! Jedenfalls nicht mehr, seit ich Mama bin…und wisst ihr was? Ich vermisse sie!!!!! 😉 Diese Zeit, in der man einfach herumsitzt und vor sich hinschaut und partout nicht weiß, was man tun soll, weil man so viel Zeit hat.

Ich weiß nicht, was ich spielen soll

Ich sehe meinen 8-jährigen Sohn direkt vor mir, wenn ich ihm diese ersten Zeilen zu lesen gebe. Nur seine gute Kinderstube würde ihn wohl davon abhalten, einen Satz wie „Mami, du hast ja einen Knall!“ oder Ähnliches zu sagen.

Tatsache ist nämlich: Meinem Sohn war schon des öfteren in seinem Leben so richtig fad. Und er mag es gar nicht. Also wirklich gar nicht. Der Satz „Mami, mir ist so fad“ wird niemals von einem fröhlichen Gesichtchen begleitet. Und das war schon immer so.

„Ur fad“ wurde und wird es etwa, wenn Papa das Feuerwehr- oder Fußballspielen zugunsten einer – wenigstens in den Augen unseres Sohnes – unattraktiveren Beschäftigung wie etwa Rasenmähen, E-Mails checken oder Zeitung lesen vorübergehend einstellt. Oder wenn die Mama das Buch zuklappt und doch tatsächlich jetzt den Geschirrspüler ausräumen geht oder das Bügeln beginnt oder – um Himmels willen – anfängt ein eigenes Buch zu lesen, anstatt die Vorlesegeschichte weiter zu vertiefen.

Ich bin Mama, keine Entertainerin

„Mami, mir ist sooooo fad“, kam dann schon im Kleinkindalter mal schnell und „Was soll ich denn spielen?“ Ich musste mich dann meist sehr am Riemen reißen und mir vor Augen halten, dass das, was ich gerade tue, auch wichtig ist, um dem Impuls zu widerstehen, mein armes gelangweiltes Kind aus seiner Fadesse herauszuholen. Klar ist nämlich: Ich bin Mama. Keine Entertainerin. Ich spiele wirklich sehr, sehr gerne mit meinem Kind. Sehr gerne! Aber manchmal möchte – und/oder muss! – ich auch andere Dinge tun.

Dir ist langweilig? Herzlichen Glückwunsch!

Sehr gelegen kam mir deshalb ein Radio-Interview, das ich hörte, als mein Sohn etwa drei Jahre alt war. Interviewt wurde eine Kinderpsychologin. Auf die Frage, was sie ihren Kindern rate, wenn sie sich mal langweilen, meinte sie sinngemäß, sie rate ihnen gar nichts, sondern beglückwünsche sie dazu, dass sie jetzt endlich Zeit hätten, ihren Gedanken und Wünschen freien Lauf zu lassen und zu entdecken, was sie eigentlich wollen.

Und auch wenn die Vorstellung, dass eine Mutter zu ihrem gelangweilten Kind sagt „Herzlichen Glückwunsch, ich freue mich für dich!“ im ersten Moment klingt, als wäre es dem Witzblatt entnommen oder purer Sarkasmus – die Ansicht, dass Langeweile Kindern nicht nur nicht schadet, sondern ein gewisses Maß davon ihnen sogar gut tut, ist mittlerweile etabliert.

„Vor über 200 Jahren galt Langeweile als wichtig und notwendig.“

Das sagt etwa Pädagoge Jan-Uwe Rogge. Heute sei Langeweile hingegen verpönt, dabei sei es für Klein wie Groß so wichtig, „sich aus den Vorgaben auszuklinken, der organisierten und vorgeplanten Freizeit die kalte Schulter zu zeigen, Zeit für eigene Ideen zu entwickeln, auf dem Bett zu liegen, die Hausaufgaben genauso zu ignorieren wie das pädagogisch wertvolle Spiel, das achtlos in der Ecke liegt, weil man hier nur das spielen kann, was vorgeplant und vorbestimmt ist.“ Langeweile sei ohne Zweifel eine Quelle der Kraft. „Aber wer zu dieser Quelle will, so heißt es in einem chinesischen Sprichwort, der muss gegen den Strom schwimmen.“ (Der Beitrag von Jan-Uwe Rogge zum Thema „Vom Glück der Langweile“ ist wirklich lesenswert!)

Langeweile als Vorstufe von Kreativität

Noch ein wenig drastischer formuliert es Pädagoge Jesper Juul. Die Art wie wir unser Leben organisieren sei geradezu dazu angelegt, Eltern und Kindern Ideen und Strategien gegen Langeweile zu bieten. Ein „Aushalten“ der Langeweile so lange, bis wir die Langeweile in Kreativität umwandeln können, sei kaum mehr vorgesehen. „Ich möchte eine Lanze für die Langeweile brechen“, so Jesper Juul deshalb. Keinesfalls wolle er Eltern kritisieren, die Zeit mit ihren Kindern verbringen, sich mit ihnen beschäftigen, mit ihnen spielen und ihnen ein munteres Unterhaltungsprogramm vom Mensch ärgere Dich nicht-Spielen bis hin zum Museumsbesuch bieten. Dass Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen sei wichtig und richtig. Aber Eltern sollten sich nicht schuldig fühlen, wenn sie den Aktionspegel einmal nicht so hoch halten können.

„Lasst eure Kinder sich doch einfach mal langweilen und tut das mit reinem Gewissen,“ rät Jesper Juul.

Der Arbeitstag eines Kindes

Langeweile - meinefamilie.atViele Kinder seien, so der erfahrene Pädagoge in seinem Buch „Frag Jesper Juul. Gespräche mit Eltern“, ja ohnehin täglich um 14 Uhr überstimuliert. Das läge paradoxerweise daran, dass pädagogische Institutionen generell gut arbeiten. „Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist neben der Fürsorge, Kinder motorisch, intellektuell, sprachlich, sozial, emotional und kreativ zu stimulieren. Für ein Kind ist das ein voller Arbeitstag.“ Die meisten Erwachsenen, so Juul, würden nach so einem Arbeitstag durch Yoga, Meditation, Jogging, Lesen und dergleichen nach der Arbeitszeit die Balance wiederherzustellen versuchen.“ Kinder bräuchten genau diese „Möglichkeit“ auch. Und sie hätten dabei die Gelegenheit, auch durchwegs am Vorbild der Eltern zu lernen, wie Jesper Juul betont: „Setzt euch beispielsweise nach dem Heimkommen mit dem Kind auf das Sofa und sagt: „Uff, das war ein harter Tag. Jetzt muss ich mich mal entspannen. Was ist mit dir?‘ Sagt dann nach einer Weile ‚Jetzt weiß ich, was ich will. Ich will im Garten die Rosen schneiden…“ Kinder würden so lernen, zwischen Arbeits- und Freizeit zu unterscheiden, zwischen Fremdsteuerung und Selbstbestimmung. Alles Dinge, die ihnen bestimmt auch helfen, wenn es wieder einmal „ur langweilig“ ist.

Phantastische Welten

Auch bei meinem eigenen Sohn habe ich übrigens schon beobachten können, dass Langeweile ihn nur ein paar Minuten wirklich lähmt. Aus seiner extremsten Langeweile sind oft schon Spiele voll Phantasie und Hingabe entstanden, dass man als Mama nur so staunen kann. Da werden Geschichten ausgedacht, Fußballspiele nachgestellt, Fan-Transparente gezeichnet und Legionärsschilde gebastelt, wie sie schöner nicht sein könnten – es ist wirklich beglückend, das zu sehen. In diesem Sinne: Ich freu mich schon auf das nächste „Mami, mir ist fad!“ 😉

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.



1 Kommentare
  • --, 15. März 2017, 16:05 Antworten

    Mir ist nochimmer fad. xD

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