30. Januar 2018

Mit(er)leben lassen statt fernhalten – Schörl-Pädagogik

Kleine Kinder in einer Großen Welt - mit(er)leben lassen statt fernhalten - meinefamilie.at

Eltern müssen vorsichtig sein – dass sich das Kind nicht weh tut, es nichts kaputt macht. Tausende andere Eventualitäten werden durchdacht. Die Schörl-Pädagogik steht für „Erziehungspartnerschaft“ und für das Miteinander von Eltern und Kindern – sie zeigt, wie Kinder auch in spezielle, heiklere Situationen miteinbezogen werden können. Für ein gemeinsames (er)leben von Eltern und Kindern.

Margarete Schörl, die gerade wiederentdeckte Pionierin der Kleinkindpädagogik, versuchte Zeit ihres Lebens “Erziehungspartnerschaft” durch ihre Arbeit mit Kindern vorzuleben. Sie hielt zahlreiche Vorträge darüber, wie Eltern, Großeltern oder Erzieher auf “kleine Kinder in einer großen Welt” eingehen können. Schörl stand dafür ein, dass Eltern ihre Kinder im Alltag auch in heiklen Situationen am Geschehen teilhaben lassen sollen.

Vertrauen haben statt Fernhalten

Auch Dr. Doris Kloimstein, diplomierte Erwachsenenbildnerin, ist der Meinung, dass Eltern ihre Kinder von Situationen in denen Vorsicht geboten ist, keineswegs fernhalten müssen. Dr. Kloimstein selbst ist Mutter und hat mittlerweile einen Enkel im Kleinkindalter – sie orientiert sich in Fragen der Erziehung, die ihr bei ihren Workshops oft gestellt werden, gerne an der Pädagogik nach M.M. Schörl.

Frau Kloimstein kennt berufsbedingt viele Familien und erfährt so viel aus deren Alltag. Sie erzählt von einer Großfamilie, in deren Wohnung sich seit Jahren eine Glasvitrine mit wertvollem Porzellan befindet – im Wohnzimmer, dem Lebensmittelpunkt der meisten Familien. Obwohl das wertvolle Gut seit Jahrzehnten im Mittelpunkt des Trubels steht und schon so manch kleines Kind bei den ersten Gehversuchen die Vitrine als Stütze verwendet, sich daran auf die Beine gezogen hat oder im Spiel daran vorbei geflitzt ist – ist noch nie etwas zu Bruch gegangen.

Kleine Kinder in einer Großen Welt - mit(er)leben lassen statt fernhalten - meinefamilie.at

Dies liege daran, so Kloimstein, dass schon kleine Kinder begreifen können, was es bedeutet, wenn etwas für die Eltern oder Großeltern wertvoll ist und Achtsamkeit gut ist. Kloimstein möchte den Eltern vermitteln, dass es meistens nicht notwendig ist, Dinge, die für einen wertvoll und schön sind, vor den eigenen Kindern zu verstecken.

„Wenn etwas kaputt geht, dann ist das eben so – und auch kein Drama“, sagt Kloimstein.

Man solle Kindern Achtsamkeit vorleben – das gelinge dadurch, dass man ihnen von klein auf die Möglichkeit gibt, auch mit emotional wertvollen Gegenständen in Berührung zu kommen. Kloimstein findet, dass kleine Kinder lernen können gemeinsam mit empfindlichen und schönen Dingen zu leben und zwar so, dass man sich nicht andauernd fürchten muss, dass etwas kaputt wird. In ihrem Job sei sie schon vielen Eltern begegnet, die schöne Dinge wegen des Nachwuchses für Jahre in den Keller räumten. Nur damit auch sicher nichts kaputt wird. Dagegen spricht sie sich vehement aus und nennt drei Gründe, dies nicht zu tun.

Gründe, wertvolle Dinge nicht zu verstecken

  • Niemand in der Familie wird mehr für lange Zeit Freude an dem schönen/wertvollen Gegenstand haben.
  • Die Kinder lernen nicht, wie man mit schönen Dingen richtig umgeht.
  • Die Kinder sehen, dass man ihnen nicht Vertraut.

Dies sei aber keinesfalls als Aufforderung zur Fahrlässigkeit zu verstehen! Eine wackelige, ungesicherte Glasvitrine stellt eine lebensbedrohliche Gefahr für ein Kleinkind dar und muss unbedingt kindersicher gemacht werden und Geschirr, das besonders schön ist, ist nicht für den täglichen Gebrauch bestimmt.

Kreative Spielsituationen entstehen aus dem Alltäglichen

Wenn Eltern ihre Kinder im Alltag immer dabei sein lassen, ergeben sich auch oft kreative Spielsituationen, die es dem Kind ermöglichen, auch in heiklen Situationen am Geschehen teilzunehmen. 

Die Bilder veranschaulichen, wie das gemeinsame Mit(er)leben von Kindern in solchen Situationen gestaltet werden könnte.

Eines Tages läutete es an der Türe. Der Lieferdienst brachte ein Paket für die Eltern des kleinen Buben. Der Inhalt war etwas heikel und nicht für das kleine Kind gedacht. Trotzdem durfte es beim Auspacken dabei sein. Seine Eltern sorgten dafür, dass er keine kleinteiligen Verpackungsteile oder Plastiktüten zu greifen bekam. Der Bub durfte sich den heiklen Inhalt des Pakets aber nur ansehen. Es wurde erklärt, dass der Inhalt nicht für ihn, sondern für Papa und Mama ist und weshalb sich die Eltern so darüber freuen. Die Eltern versprachen ihrem Sohn, dass er nach dem Auspacken, die große Papierschachtel zum Spielen bekommen würde. Gesagt, getan – er bekam den Karton in dem das wertvolle Gut geliefert wurde zum Spielen – und war damit mehr als glücklich. Für Erwachsene ist es undenkbar sich mit dem Karton statt dem Inhalt zufrieden zu geben – für Kinder jedoch, dank ihrer blühenden Kreativität und Vorstellungsgabe, eine super Gelegenheit und nebenbei fühlen sie sich in das Geschehen um sie herum miteinbezogen. 

Kleine Kinder in einer Großen Welt - mit(er)leben lassen statt fernhalten - meinefamilie.at
© Dr. Doris Kloimstein

Was gibt es besseres, als sich ein kleines Häuschen zu bauen, mit einem Schornstein aus dem sogar Rauch aufsteigt (das zerknüllte Taschentuch) oder ein Boot zu bauen mit dem man auf das große, weite Meer hinausfahren kann, wo es Wale und Delphine gibt?!

Dadurch, dass Kinder immer dabei sein dürfen, auch wenn es um empfindliche Gegenstände geht, lernen sie spielerisch und nebenbei, wie man mit wertvollen Dingen umgeht. Sie lernen dass ihnen ihre Eltern Vertrauen entgegenbringen und was Wertschätzung bedeutet – und verarbeitet das Gelernte spielerisch, in ihrem Karton-Häuschen oder anderen, aufregenden Fantasiewelten.

Workshop zum Thema Schörl-Pädagogik

Wer mehr über M.M. Schörl, ihre Ansichten und das pädagogische Konzept erfahren möchte – am 9. März 2018 findet der Studientag für Eltern 2018: BORN TO BE WILD in St. Pölten statt. Dort habt ihr die Chance, spannende Vorträge anzuhören und an einem Workshop eurer Wahl teilzunehmen. Frau Kloimstein wird zum Thema „Unbefangenheit hilft leben: Welchen Beitrag kann Schörl – Pädagogik für den Erziehungsalltag zu Hause und im Kindergarten leisten?“ einen Workshop abhalten. Die Anmeldung ist bis 28. Februar 2018 geöffnet.

 

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