17. Februar 2017

Wie Kinder das Versöhnen lernen

Versöhnen lernen - meinefamilie.at

Wenn der Zweijährige die Schwester haut und die Mutter schimpft, erntet sie Trotz. Ein Beispiel, wie die Mutter anders reagieren könnte, um ihren Sohn zu Einsicht und Versöhnung zu führen.

Herbert, 2, ist schon ein richtiger kleiner Rabauke. Obwohl er sich mit seiner Schwester gut versteht, geht er manchmal einfach hin und haut ihr eine drauf.

Mutter: „Hau die Sophie nicht! Sie wollte doch nur mit dir spielen!“ Herbert, frech: „Doch!“

Wie kann man aus dieser kommunikativen Sackgasse heraus kommen?

Versöhnen lernen - meinefamilie.atObwohl der Tadel der Mutter gerechtfertigt und angemessen ist, beinhaltet er nur ein Verbot und eine Erklärung, eine Verteidigung der Schwester. In unserem Fall handelt es sich bereits um ein eingefahrenes Muster, das Herbert zum „Bösewicht“ abstempelt. Je mehr er geschimpft wird, umso trotziger und frecher wird er. Hier erzeugt Druck nur Gegendruck.

Das Kind zur Einsicht führen

Wie kann man das Kind von seiner Aggressions- und Trotzhaltung herausführen? Indem man seine Perspektive einnimmt und ihn ohne Druck zur Einsicht hinführt.

Statt zu kritisieren, kann die Mutter die Situation aus der Perspektive Herberts beschreiben. Sie kann die Sache kindgerecht, ohne Vorwurf und ohne zu verharmlosen auf den Punkt bringen:

  • Mutter: „Die Sophie spielt ganz lieb und du kommst plötzlich daher und haust ihr eine drauf…“ (Die Mutter beschreibt, lässt die Stimme oben, als Einladung zum Reagieren).
  • Herbert, der Sprache kaum noch mächtig, versteht aber sehr wohl und macht ein trotzig schmollendes Gesicht, das sich wie ein Schuldeingeständnis anmutet, also Zustimmung enthält. (Ja-Schiene)
  • Mutter: „Gell, du weißt, das ist nicht in Ordnung. (Sie bringt es auf den Punkt, macht eine Pause, um eine Reaktion abzuwarten. Das ermöglicht es Herbert, nachzudenken, in sich zu gehen)
  • Herbert ist nachdenklich, kleinlaut, sagt nichts. Er befindet sich nochmals auf der „Ja-Schiene“.
  • Mutter: „Manchmal überkommt es dich einfach. Dann haust du deiner Schwester einfach eine drauf (Mutter nimmt wieder seine Perspektive ein, sie „neutralisiert“ seine Schuldgefühle), und du weißt selbst nicht, warum. (Mutter „übersetzt“.) Dabei hast du deine Schwester in Wirklichkeit doch sehr lieb!“ (Mutter streicht die guten Anteile hervor und gibt Herbert ein positives Selbstbild anstatt ihn „ins böse Ecke“ zu drängen, aus dem er nicht mehr heraus konnte.
  • Herbert: „Ja“ (er gibt verbale oder non-verbale Zustimmung und fühlt sich erleichtert).
  • Mutter „übersetzt“ (sagt, was er fühlt, aber noch nicht ausdrücken kann): „Ich sehe, es tut dir leid!“ (Pause, Zeit zum Reagieren lassen.) Nun fordert sie Herbert auf: „Zeig deiner Schwester, dass es dir leid tut…“ (Wiedergutmachung einleiten).

Versöhnen lernen braucht Zeit

Idealerweise geht Herbert zu Sophie hin und streichelt sie, oder ähnliches. Wenn nicht, darf auch kein Druck gemacht werden. Solche Dinge brauchen Zeit, Geduld und Freiwilligkeit.

Die Mutter beschreibt Herberts Gefühle: „Sich entschuldigen ist gar nicht so einfach. Du brauchst noch ein bisschen Zeit. Überlegt dir inzwischen, wie du es ihr zeigen wirst, dass es dir leid tut.“

Herbert muss gewürdigt werden, wenn er einen Schritt der Überwindung macht. Wenn nicht, dann kann man später, z.B. beim Schlafengehen, die Sache nochmals ansprechen oder am nächsten Tag neue Vereinbarungen treffen.

Auch die kleine Sophie kann „ins Boot geholt“ werden. Auch sie kann die Versöhnung einleiten, indem sie Herbert sagt, dass sie ihn lieb hat und dass sie ihm verzeiht.

Es geht um Selbstüberwindung und um die Wahrung des Gesichts. Das fällt auch uns Erwachsenen nicht immer leicht.

 



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