4. April 2016

Kinder stärken und zu Persönlichkeiten erziehen

Kinder stärken - meinefamilie.at

Wer möchte nicht, dass Kinder ein starkes Selbstwertgefühl entwickeln? Um Kinder zu stärken, beschreibt Psychologin Boglarka Hadinger fünf Quellen. Und sagt gleichzeitig: Auch ohne großartigem Selbstwertgefühl sei sinnerfülltes Leben möglich, denn letztlich liege es an der menschlichen Reife.

Wenn Boglarka Hadinger ihr Enkelkind nach dem Spielen zum Zusammenräumen auffordert, kommt die wenig überraschende Reaktion: „Ich hab keine Lust!“ Ein „Totschlagargument“ für viele Erzieher und Lehrer, meint sie: „Im Augenblick sehen wir das als Befehl.“ Doch dem Kind gegenüber sagt sie darauf einfach:

„Na wunderbar, dann machen wir’s eben ohne Lust!“

Ein wichtiger Lernprozess, denn Kinder und Jugendliche, die gelernt haben, etwas auch ohne Lust zu tun, führen ein erfülltes Leben.

Kompetenz allein genügt nicht

Kinder zu stärken, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, ist wichtig, doch die Psychologin warnt vor einer aktuellen Entwicklung: „Viel Wissen und Selbstwertgefühl, aber wenig Reifeniveau zu haben ist eine folgenschwere Kombination.“ So stellt Hadinger fest, Kinder seien heute zwar hochkompetent, hätten aber ein geringes Reifeniveau: „Es gibt keine Bremse – man möchte alles, was man machen kann.“

Wer die Biografien erfolgreicher, guter Menschen liest, könne feststellen, dass diese Menschen zum Teil nicht einmal ein Kinderzimmer hatten, geschweige denn ein starkes Selbstwertgefühl. „Dennoch haben gerade diese Menschen Großartiges für unsere Welt bewirkt“, betont Hadinger.

„Sinnerfülltes Leben und Taten sind möglich, ohne ein großartiges Selbstwertgefühl zu haben!“

Eine Karikatur über die Weihnachtsgeschichte veranschaulicht die These auf humorvolle Weise: Josef und Maria sind mit dem Jesuskind im Stall von Bethlehem. Da kommt eine Mitarbeiterin vom Jugendamt und sagt: „Ich möchte das Kinderzimmer sehen…“

Kinder stärken, indem sie menschliche Reife entwickeln

Letztlich ist nicht das Selbstwertgefühl, sondern die Persönlichkeitswerdung entscheidend. Die menschliche Reife ist nicht gleichzusetzen mit kognitiver, sozialer oder emotionaler Intelligenz, sondern es geht zum Beispiel darum, die eigenen Ressourcen und Fähigkeiten für etwas Gutes in der Welt einzusetzen.

Außerdem gehört dazu, sich mit den „Rucksack-Themen“ zu beschäftigen, „mit allem, was in uns nicht so optimal ist“, wie Hadinger es beschreibt. „Der eine ist sozial, der andere hat große Mach-Anteile. Eines Tages ist die wichtige Frage zu stellen: Wo reagierst du sub-optimal? Wo müsstest du dich zurücknehmen?“ Das Maß ist, die eigene Schwäche zurückzunehmen statt eine Seite ganz abzulegen.

„Ohne Selbstkorrektur gibt’s keinen reifen Menschen.“

Der Schlüssel ist außerdem, nicht immer das zu tun, was man tun könnte und nicht immer das zu sagen, was man sagen könnte. Egal, ob jemand sechs, zwölf oder 40 Jahre alt ist, muss er sich fragen: Wozu frage oder sage ich etwas? Welche Folgen hat es?

Quellen, die Eltern und Kinder stärken

Trotzdem können Eltern ihr Bestmögliches tun, um Kindern das Wissen zu vermitteln: „Ich bin etwas wert und in mir ist etwas Wertvolles.“ Denn das ist das Selbstwertgefühl, das sie für ihre Entwicklung brauchen. Dazu brauchen sie die „grünen Reserven“, die Vitalität, das Tanken von Licht, Luft und Sonne. Sie brauchen gute Beziehungen, das Wissen, geliebt zu sein und andere mögen zu können. Genauso wichtig ist die Erfahrung, etwas zu können – schon für ein dreijähriges Kind. Denn: „Das Gefühl, für etwas gut zu sein, ist langanhaltend!“, betont Boglarka Hadinger.

Für die Eltern hat Hadinger auch eine verbale Stärkung parat: „All die Nerven und die Zeit, die Eltern aufbringen, wie wenig sieht man davon!“ Und: „Wie wichtig ist es, diese Leistung als Leistung zu sehen und aufzuwerten!“ Unter ihren Zuhörern erntet die Psychologin Applaus – es ist Balsam für die Seele der vielen Mütter. Von außen bekommen sie diese Stärkung selten, daher rät Hadinger, im Alltag selbst dafür zu sorgen: „Einen Augenblick innehalten und die eigene Leistung hochwerten – für einen selbst!“

Boglarka Hadinger ist Leiterin des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse Tübingen und Wien, Psychologin und Coach für Persönlichkeitsstärkung. Bei einer niederösterreichischen Fachtagung und Familieninitiativen-Kooperationsveranstaltung referierte sie zum Thema „Die Werte-Tankstellen des Lebens“.

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EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Steindl

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


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