17. März 2017

Wie Kinder selbstständig die Welt entdecken

EntdeckungsRaum Pesendorfer - meinefamilie.at

Wie Kinder ihre Umgebung am besten entdecken und erforschen können. Warum auch auf dem Spielplatz „weniger ist mehr“ gilt und welche Rolle uns Eltern dabei zukommt. Ein Gespräch mit der Erziehungsberaterin und Elternbildnerin Astrid Pesendorfer.

Ein Spielplatz mitten in Wien. Mein Sohn versucht gerade zum wiederholten Mal ohne meine Hilfe den Hindernisparcours zu bewältigen. Bis zum Ende hat er es mit seinen knapp drei Jahren noch nicht geschafft, aber er ist unermüdlich. Meine Aufgabe dabei ist klar: daneben stehen, anfeuern, loben, bewundern. 😉 Hand hinstrecken, damit er danach greifen kann, wenn er das Gleichgewicht nicht ganz halten kann? Fehlanzeige! Sagen „Mäuschen, das ist noch zu schwer für Dich, komm, wir gehen nochmal zur Rutsche“? Gar nicht gut! Mein Sohn will es schaffen. Alleine und selbstständig will er alle Möglichkeiten entdecken! Ich lasse ihn und versuche mein Kopfkino – Kind fällt hinunter, bricht sich Arme, Beine, Hals und was weiß ich was noch – zu ignorieren. Ob mir das leicht fällt? Ganz sicher nicht. Ob ich der Meinung bin, dass es das Richtige ist? Oh und wie!!!

Astrid Pesendorfer - meinefamilie.at
© Astrid Pesendorfer

Eine Erfahrung kann man nur erfahren

Aber warum ist es wo wichtig, dass Kinder auch selbstständig erforschen und entdecken dürfen, was in ihnen steckt? „Eine Erfahrung kann man nur erfahren, man kann sie nicht erzählt bekommen“, sagt dazu Astrid Pesendorfer, diplomierte Erziehungsberaterin und Elternbildnerin. Sie leitet im Gesundheitszentrum der Salvatorianerinnen am St. Josef Krankenhaus einen Kurs für Kinder und ihre Eltern, der „EntdeckungsRaum“ heißt. Dabei geht es darum, Kindern eine vorbereitete Umgebung zu bieten, die sie dann zum selbständigen Entdecken und Erforschen nutzen können. Die Eltern sitzen dabei am Rand.

„Selbständiges Erforschen und Entdecken macht den Kindern einfach eine Riesenfreude und sie lernen mit einer anderen Qualität, als wenn ihnen jemand etwas vormacht“, ist Pesendorfer überzeugt.

Selbstständig ausprobieren

Der Raum, in dem der Kurs „EntdeckungsRaum“ stattfindet, wird von Astrid Pesendorfer dem Alter der Kinder entsprechend vorbereitet. „Am Rand gibt es Pölster für die Eltern. Für die Kinder gibt es verschiedene Spielzeuge, Alltagsgegenstände und Montessori-Materialien, die sie zum selbständigen Entdecken, Ausprobieren und Spielen einladen“, erklärt Astrid Pesendorfer. Ein wichtiger Bestandteil sind etwa die Bewegungselemente nach Emmi Pikler – einer ungarischen Kinderärztin, die im 20. Jahrhundert neue Wege in der Kleinkindpädagogik beschritt – auf denen die Kinder neue Bewegungsabläufe probieren und damit experimentieren können. Zu diesen Elementen zählt etwa eine Stufe, die man rauf- oder runterkrabbeln oder gehen kann, eine Schräge zum Hinunterrutschen und eine Leiter zum Hinaufklettern. „Beim Ausprobieren dieser Elemente werden die Kinder nur unterstützt, wenn sie wirklich Hilfe brauchen. Ich begleite die Kinder außerdem, wenn es Konflikte gibt, wenn z.B. ein Kind einem anderen etwas wegnimmt.“

Und was machen die Eltern?

Die Aufgabe der Eltern ist es einstweilen, mit ihren Kindern auf achtsame Weise in Kontakt zu sein. „Das heißt, mit meiner ganzen Aufmerksamkeit wirklich beim Kind zu sein. Es wahrzunehmen bei dem, was es gerade erlebt“, sagt Astrid Pesendorfer. Das stärke das Vertrauen in die Kompetenzen der Kinder und auch die Verbundenheit zwischen Eltern und Kind. „Kinder können am besten ins Erforschen oder ins Spielen kommen, wenn sie sich sicher und gesehen fühlen“, sagt Astrid Pesendorfer: „Die Präsenz ihrer Eltern im ,EntdeckungsRaum‘ ermöglicht ihnen, sich in ihrem Tempo immer weiter wegzubewegen. Bei Bedarf können sie aber jederzeit wieder in den elterlichen Schoß zurückzukommen und auftanken.“

Entdecken ohne konkretes Ziel

Wichtig bei allem Erforschen und Entdecken sei, dass wir Eltern uns mit direkten Angeboten zurückhalten. Dem Kind etwa etwas vorzumachen oder es zu animieren etwas Bestimmtes zu tun,  lenke die Kinder oft von ihrem Tun ab. „Unsere Kinder haben bei vielen ihrer Tätigkeiten ja noch gar kein konkretes Ziel vor Augen. Sie tun etwas einfach aus Freude am Tun und am Ausprobieren. Kleine Kinder leben nach dem Motto: ,Der Weg ist das Ziel‘“, so Astrid Pesendorfer: „Oft stört es die Kinder auch nicht wenn ihnen dabei etwas nicht gleich gelingt. Sie entwickeln dann eine ungeheure Ausdauer und probieren es einfach immer und immer wieder.“

Wenn wir als Erwachsene hier zu schnell eingreifen, nehmen wir den Kindern die Chance, es selber schaffen zu können.

„Außerdem geben wir den Kindern indirekt zu verstehen, dass es wichtig ist, etwas ,richtig‘ zu machen, und der oft freudvolle und kreative Prozess des Entdeckens weniger wertvoll ist.“

Eine echte Herausforderung

Oft ist aber gerade dieses „Nicht-Eingreifen“ eine echte Herausforderung. Einmal, weil es uns Eltern einfach schwer fällt zuzusehen, wenn unser Kind frustrierende Erfahrungen macht – oder wir denken, dass es gerade eine frustrierende Erfahrung macht – denn wir wollen ja, dass unsere Kinder glücklich sind.

Außerdem, weil die meisten von uns spätestens in der Schule dazu erzogen wurden, Probleme möglichst schnell und effizient zu lösen. Und zwar mit der einen, einzigen, richtigen Lösung. „Wenn unsere Kinder dann Umwege gehen oder eine ganz andere Richtung einschlagen, kann uns das richtiggehend nervös machen. Selbst dann, wenn wir nur unbewusst leistungsorientiert denken“, sagt Astrid Pesendorfer. „Wenn wir z.B. ein Einsetz-Puzzle sehen, dann wissen wir sofort, wo welche Teile hineingesteckt gehören, und je schneller sie dort landen, desto besser. Wir wurden getrimmt auf Leistung und Effizienz“, sagt Astrid Pesendorfer: „Doch unsere Kinder finden es womöglich viel interessanter, die Teile einfach herauszunehmen, sie nebeneinanderzulegen oder zu stapeln oder zu probieren, wie weit sie fliegen können.“ Die Frage an uns Eltern ist dann also: Können wir unsere Ideen und Vorstellungen loslassen, einfach nur genießen zu beobachten, ohne die Idee zu haben, wie es „richtig“ gehört?

Können wir dem Kind die Zeit schenken, damit es kreativ sein und ganz unerwartete Dinge entdecken kann?

Es ist okay, wenn du etwas nicht schaffst

Und wenn das Kind doch sichtbar Schwierigkeiten hat? „Dann unterstützen wir unsere Kinder am besten, wenn wir ihnen das rückmelden, was wir wahrnehmen“, ist Astrid Pesendorfer überzeugt: „Dass wir das Kind wissen lassen, dass wir merken wie es ihm geht und für es da sind. Dadurch geben wir dem Kind auch die Sicherheit, dass es ok ist, wenn mal etwas nicht gleich geschafft wird.“ Vielleicht probiert das Kind es dann sogar noch einmal. Oder es bittet die Eltern um Hilfe. „Nach dem Motto von Maria Montessori ,Hilf mir, es selbst zu tun!‘ können wir dann überlegen, wie wir dem Kind helfen können. Und zwar so, dass wir ihm nicht gleich die ganze Aufgabe abnehmen, sondern gerade so wenig oder viel helfen wie notwendig, damit das Kind wieder selber weiterkommt.“

Grenzen des selbstständigen Erforschens und Entdeckens

Klar ist aber: Auch für das selbstständige Erforschen und Entdecken gibt es Grenzen. „Für mich gibt es drei klare Grenzen, wo ich mein Kind bzw. die Kinder im EntdeckungsRaum nicht mehr alleine erforschen lassen kann“, sagt Astrid Pesendorfer: „Die erste ist ganz eindeutig: Wenn Gefahr besteht dass es sich selbst oder ein anderes Kind verletzt. Die Zweite sehe ich, wenn die Grenzen einer anderen Person überschritten werden. Die dritte Grenze ist ganz klar erreicht, wenn etwas kaputt geht.“

Nähere Informationen zum Kurs „EntdeckungsRaum“

Weitere Angebote von Astrid Pesendorfer

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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