12. November 2017

Kinder brauchen Körperkontakt

Kinder brauchen Körperkontakt - meinefamilie.at

In Zeiten, in denen wir öfter über das Smartphone als über die Haare der Tochter streichen, sollten wir uns bewusst machen: Körperkontakt ist wichtig, um Nähe zu spüren, Stress abzubauen und grundsätzlich für die kindliche Entwicklung.

Dass Babys körperliche Zuwendung brauchen, ist allseits bekannt. Kuscheln fördert die Gesundheit des Babys – und auch der Eltern. Beim Kuscheln werden die sogenannten „Glückshormone“ Dopamin und Serotonin ausgeschüttet, sowie das als „Kuschelhormon“ bekannte Oxytocin, welches den Milchfluss der Mutter anregt und den Stress reduziert. Oxytocin wird aber nicht nur beim Kuscheln mit Babys ausgeschüttet. Auch wenn unsere Kinder schon mobil sind, genießen sie körperliche Zuwendung von den Eltern. Ja, selbst Jugendliche brauchen diese noch unbedingt. Auch wenn sie dann vielleicht etwas anders aussieht, etwa im Kräftemessen beim Armdrücken oder dem gemeinsamen Jubeln, Abklatschen und Umarmen, wenn bei einem Fußballmatch mitgefiebert wird.

Kinder Nähe spüren lassen

Es gibt viele Möglichkeiten, um Kinder Nähe spüren zu lassen. Und vielleicht macht man das auch ohnehin. Beim Bücher-Vorlesen oder vor dem Fernseher. Oder man geht beim Spazieren Hand in Hand.

Unsere Gesellschaft ist allerdings sehr auf Sprache ausgerichtet. Viele Wünsche und Gefühle werden mit Worten ausgedrückt, Körperkontakt wird oft eingespart.

Auf einer Seite über Hochsensibilität lese ich etwas, das mich nachdenklich stimmt:

„In unserem Alltag werden technische Geräte wie Computer und Smartphones sicher um einiges öfter berührt als Menschen. Auch das Berühren-Lassen passiert wesentlich mehr über künstlich erzeugte Emotionen, zum Beispiel durch Filme oder Computerspiele, als über den Kontakt mit realen Personen.“
(http://www.hochsensibilitaet.at/beruehr-mich-wie-koerperkontakt-das-leben-ihres-hochsensiblen-kindes-bereichert/, 24.10.2017)

Wie oft habe ich heute schon über mein Smartphone gewischt? Und wie oft meiner Tochter über die Haare gestrichen?

Um mehr Körperkontakt mit Kindern bemühen

Das muss nicht in Relation gestellt werden, doch es zeigt mir klar: Ich könnte mich um mehr Körperkontakt mit meinen Kindern bemühen. Denn dieser ist wesentlich für eine gesunde Entwicklung. Kinder, die zu wenig Körperkontakt erfahren, sind in ihrer Entwicklung verzögert, hat man herausgefunden. Die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen. Es will wohl auch genutzt werden und Erfahrungen machen.

Momentan gibt es viele Veränderungen im Leben meiner Kinder. Da merke ich ganz deutlich, dass sie verstärkt Körperkontakt suchen. Oft hängen sie dann an meinen Beinen, brauchen dringend Hilfe beim Anziehen und wollen auch beim Schlafen eng an mich gekuschelt liegen.

Wenn das Nähe-Bedürfnis nicht erkennbar ist

Manchmal ist das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung aber nicht so deutlich zu erkennen. Bei einem Elterngespräch im Kindergarten klagte mir eine Mutter ihr Leid mit ihrem 5-jährigen Sohn. Er schien sie einfach nicht zu hören, reagierte nicht auf ihre Worte und war scheinbar desinteressiert an ihr. Sie war richtig verzweifelt. Ich hatte beobachtet, dass ihr Kind auf Berührungen sehr sensibel reagierte. Also schlug ich ihr vor, ihrem Sohn, wenn sie mit ihm spricht, die Hand auf die Schulter zu legen oder ihn sonst wie zu berühren. Zwei Wochen später berichtete sie mir glücklich, dass ihr Sohn wie verwandelt sei.

Durch die kleine körperliche Verbindung, die die Mutter zu ihrem Sohn immer wieder hergestellt hat, sind sie auch emotional wieder verbundener geworden.

Manchmal ist es nicht leicht, seine Kinder zu verstehen oder die richtigen Worte für sie zu finden. Dann kann man ihnen aber immer noch den Arm um die Schulter legen. Nicht immer wird das begeistert angenommen. Da kann man natürlich auch Widerstand spüren, die angespannte Schulter des Kindes, das damit vielleicht nicht gerechnet hat. Oder eigentlich ganz alleine klar kommen will. Aber wenn sich das Kind der Berührung nicht von selbst entzieht, kann man das ruhig ein bisschen aushalten. Und vielleicht fällt die Anspannung dann schön langsam ab.

Stressabbau dank liebevollem Körperkontakt

Weil es so wichtig ist, erwähne ich es nochmal: Liebevolle Berührung baut Stress ab. Und Stress haben wir ja meist alle genug. Auch die Kinder. Ein Tag im Kindergarten oder der Schule ist nicht nur schön und lehrreich, sondern auch anstrengend. Will sich das Kind partout nicht selbst anziehen oder sogar unbedingt getragen werden, braucht es vielleicht gerade einfach eine Möglichkeit, um sich fallen zu lassen und sich vom aufregenden Tag zu erholen.

Zusätzlich zum Körperkontakt im Alltag und dem Kuscheln auf der Couch gibt es auch spielerische Möglichkeiten, um mehr körperliche Nähe zu schaffen. Dazu folgt nächste Woche mehr!



EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.



2 Kommentare
  • Melanie, 16. April 2019, 13:47 Antworten

    Ich hatte eine Kindheit ohne Körperkontakt seit meinem 3. Lebensjahr. Nicht weil mich meine Eltern nicht geliebt haben, sondern einfach nur aufgrund meiner 5 Geschwister - ich bin Nummer 2. Meine Mutter war ganz einfach immer mit den Babys und den Kindern, die sich bemerkbar gemacht haben, beschäftigt. Ein braves Kind, das der Mama hilft und vermeidet ihr noch mehr Stress und Sorgen zu machen wird halt leicht vergessen. Heute sind meine 5 Geschwister glücklich verheiratet und haben Kinder. Ich bin 43 Jahre alt, beruflich sehr erfolgreich aber noch immer single. Wenn mir jemand körperlich zu nahe kommt, bekomme ich die Panik. Ein Begrüßungbuss ist für mich die ärgste Qual. Meine Mutter hält es für unmöglich, dass sie mich nie in den Arm genommen hat. In ihren Augen bin ich undankbar und ungerecht, denn sie hat alle Kinder gleich lieb und immer gleich behandelt. Ich besuche meine Eltern mittlerweile nur mehr selten, Weihnachten verbringe ich lieber allein in meiner Wohnung, der einzige Ort an dem ich sicher bin. In mein Elternhaus kommen zu müssen verursacht tagelange Panikattacken. Nun wiederholt sich meine Kindheit wieder. Meine Eltern sind nun Grosseltern, und ich schaue wieder wie vor 40 Jahren zu, wie lieb sie zu den Kleinen sind.

    • meinefamilie.at, 16. April 2019, 14:19 Antworten

      Liebe Melanie! Vielen Dank für deine ehrlichen Worte. Solltest du ausführlicher mit jemanden sprechen möchten, dann findest du hier die Möglichkeit dazu: http://www.telefonseelsorge.at Alles Gute, dein meinefamilie.at-Team

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