26. August 2015

Introvertiert oder extrovertiert?


Egal ob introvertiert oder extrovertiert. Jeder Mensch hat seine Stärken bzw. Schwächen. Wichtig ist es, Kindern nicht vermitteln, dass sie ‚verkehrt‘ sind.

Introvertiert oder extrovertiert? Was sind die Stärken, was die Schwächen

Kontaktfreudig, offen, kommunikativ, nicht auf den Mund gefallen, leutselig –genau so wäre ich gerne, am besten in jeder Situation. Und ich wünsche es mir auch für meine Kinder. Sie sollen auf Menschen zu gehen, schnell Freunde finden, am Spielplatz im großen Kinderrudel mitlaufen und mitlachen und nicht verschreckt in der hintersten Ecke der Sandkiste sitzen und die anderen beobachten. Ein legitimer Wunsch, oder? Nur, was ist, wenn sie sich auch mal schwer tun, Anschluss zu finden? Wenn sie gerne alleine spielen? Wenn sie zurückhaltend, introvertiert sind und – wie man so schön sagt – ‚ruhig‘? Ich selbst tue mir ja im Umgang mit anderen auch nicht immer leicht, stehe manchmal lieber in der zweiten statt in der ersten Reihe, bin selten laut und vorpreschend, dafür öfter zurückhaltend und still. Für mich war das oft unangenehm und ich wäre in vielen Situationen lieber ganz anders gewesen. Wer energisch und selbstbewusst auftritt, hat’s doch viel leichter im Leben!

Introvertiert: Die Stärken

Vor Kurzem bin ich auf ein Buch gestoßen, das mir ein Aha-Erlebnis beschert und mich vom geheimen Wunsch, manchmal anders sein zu wollen, befreit hat: „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“ von Susan Cain. Die US-Amerikanerin schreibt davon, dass in unserer Gesellschaft extravertierte Menschen die besseren Karten haben. Es gäbe das „Ideal der Extraversion“. Eigenschaften wie Geselligkeit, Forschheit, Teamfähigkeit seien wichtig, um in der Welt von heute zu bestehen. Wer erfolgreich sein will, müsse rasch handeln, viele Kontakte haben, sich gerne in den Mittelpunkt stellen. Deshalb möchte jeder ein Alpha-Tier sein, in der ersten Reihe stehen, beliebt sein. Extraversion gilt als positive Eigenschaft, die jeder haben möchte. Eine positive Eigenschaft ist sie ja auch, keine Frage. Was darüber aber vergessen wird: Menschen die introvertiert sind, haben genauso wie extravertierte Menschen, ihre Stärken. Sie arbeiten sehr gezielt, können sich gut konzentrieren, sind gute Zuhörer und gute Denker. Sie wenden sich gerne nach innen statt nach außen, ziehen tiefe Gespräche oberflächlichem Small-talk vor. Sie sind häufig kooperativ, während extravertierte Menschen eher konkurrierend sind. Viele kreative Menschen sind introvertiert – denn in der Einsamkeit entwickeln sie ihre Ideen.

Natürlich ist es bei den wenigsten Menschen so, dass sie ausschließlich introvertiert oder ausschließlich extrovertiert sind. Fast jeder hat sowohl diese als auch jene Seiten und reiht sich irgendwo zwischen den beiden Polen, Introversion und Extraversion, ein. Ich halte wenig von Zuschreibungen, die Menschen auf einen bestimmten Typus festlegen wollen. Schließlich sind wir alle Individuen mit unendlich vielen Facetten. Gleichzeitig können derartige Persönlichkeitsanalysen helfen, sich selbst besser zu verstehen.

Nicht vermitteln: du bist ‚verkehrt‘

Jetzt komme ich zu dem, was mir in diesem Zusammenhang für meine Kinder wichtig ist. Zuallererst gilt natürlich, dass ich sie annehme wie sie sind. Egal ob eher introvertiert oder extrovertiert – ich will ihnen nicht vermitteln, dass sie ‚verkehrt‘ sind und eigentlich anders sein sollten. Wenn sie eher introvertierte Züge aufweisen, verkneife ich mir Bemerkungen wie “Wieso spielst du nicht mit den anderen Kindern?” oder “Sei doch nicht so schüchtern!” Susan Cain schreibt in ihrem Buch, dass Menschen die introvertiert sind sich häufig schwerer tun, ihre Talente zu erkennen. Vielleicht brauchen ja auch meine Kinder Ermutigung, um ihre Gaben und Talente zu entdecken. Und auch für meine Kinder gilt: Auch wenn es hilft zu wissen, dass es gewisse Tendenzen in der Persönlichkeit gibt, es tut niemandem gut, schon früh von außen gesagt zu bekommen, wie man denn so ist. Denn Kinder sollen in aller Freiheit selbst entdecken, welche Facetten in ihnen stecken.

Passend zum Thema: Abenteuer Elternschaft – Grundprinzipien der Erziehung und Gelassenheit bei Kindern

 

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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