11. Dezember 2015

Heute Vater sein – was bedeutet das?


Vater sein: Wann ist man dazu bereit? Gibt es Vorbilder? Und ist die Vaterrolle in Zeiten der Gleichberechtigung noch relevant? Drei Väter geben Antworten.

Da ist sie nun: die Drei steht vorne und immer öfter geht der Antwort auf die Frage nach dem Alter ein kurzes Nachrechnen voraus. Wieso ist das so? Bis vor wenigen Jahren war man sich seines jungen Lebens sehr wohl bewusst. Aber die magische Drei hat den Blick auf andere Dinge gelenkt. Kein Wunder, man kommt ins Nachdenken, wenn man neuerdings die Wochenenden an Hochzeiten verbringt und nicht beim Pokern mit den Kumpels. Mit jeder Hochzeit und vor allem dann mit Ankunft des Nachwuchses schrumpft die Runde der Kartenfreunde und unweigerlich weckt das die Neugier auf die neue Realität. Gibt es ein Leben nach dem Full House? Was erwartet uns dort?

Vater werden

Inzwischen selbst glückliches Opfer einer Hochzeit, sehe ich nun die nächste Etappe meines Lebens vor mir. Wenn es mir geschenkt wird, möchte ich Vater werden, also meine Frau und ich Eltern. Doch was bedeutet es Vater zu werden? Wie weiß man, ob und vor allem wann man dazu bereit ist?

Eine Antwort darauf suche ich bei denen, die diesen Schritt selbst schon gewagt haben. Wie Kreativpapa und Kulturmanager Paul. Er ist selbst seit Kurzem Vater einer Tochter und ist überzeugt, dass man den Wunsch der Vaterschaft im Herzen spürt. Für ihn war bereits länger klar, dass er Vater werden wollte. Für seine Frau war Mutterschaft sogar noch früher ein Thema. Aber der rechte Zeitpunkt musste erst abgewartet werden, dachte er. Die Lebensplanung sah es so vor. Doch bald wurde klar: Der perfekte Zeitpunkt kommt nie. Ihm wurde bewusst: „Wenn das Gefühl ja sagt, dann muss man das Rationelle ausschalten und fertig.“

Wenn man erst noch sein Leben leben, diese Reise machen und jenen beruflichen Schritt erreichen möchte, dann geht das nicht. „Dann wirst du nie Kinder haben.“ Wer spürt, dass er für Kinder bereit wäre, der solle einfach die Entscheidung treffen. Es sei ja völliger Irrglaube, dass man danach nichts mehr unternehmen könne oder extrem eingeschränkt sei, so Paul. Es komme darauf an, wie man selbst damit umginge. Sein Leben sei jedenfalls vorher wie nachher wunderschön. Vielleicht nun sogar noch etwas schöner.

Bereit, sobald der Wunsch da ist

Businesspapa Felix stimmt ihm hier voll zu. „Dem Vaterwerden geht ein langer Reifungsprozess voraus, sicher auch rationale Abwägungen, aber sobald man den Wunsch dazu verspürt, ist man bereit.“ Sagt der CEO eines Energieunternehmens und Vater zweier Jungs. Er rät, Selbstzweifeln keinen Raum zu geben.

„Es gibt ganz sicher nicht den allein richtigen Augenblick für Kinder, aber eine solide und vertrauensvolle Partnerschaft sollte schon die Basis sein.“

Großfamilienpapa Stanislav hat gegenüber den beiden Jungpapas vergleichsweise viele Jahre auf dem Buckel. Und den Posten als Präsident des Klubs der Kinderreichen Familien in der Slowakei bekommt man auch nicht ohne entsprechende Vorarbeit. Er ist stolzer Vater von zwei Mädchen und neun Jungen und wenn er erzählt, lernt man neue Dimensionen der Vaterschaft kennen. Er spricht von väterlicher Verantwortung und Verfolgung in Zeiten des Kommunismus, von verschiedensten Arbeiten, mit denen der promovierte Agronom, Soziologe und Maschinenbauer in den Jahren für den Unterhalt seiner Familie sorgte, von Heldentum und vom Leid wegen verlorener Kinder. Mit offenem Mund lausche ich und muss mich bemühen, ein so großes Leben in mein enges Gerüst der Vaterschaft zu zwängen.

Als Vater Mitverantwortung tragen

Rein biologisch sei es leicht, Vater zu werden. Aber Vaterschaft habe für ihn einen großen schöpferischen Aspekt. Er sieht darin eine Mitverantwortung des Menschen an der Schöpfung Gottes. Auf diese große Aufgabe haben ihn seine Eltern von klein auf vorbereitet und waren selbst von ihren Eltern darauf vorbereitet worden. Elternschaft ist für ihn eine Lebensaufgabe nach dem Vorbild des Hl. Josef. Stanislav bewundert den Heiligen, der seine unerwartete Vaterrolle gegenüber Jesus nach anfänglichen Zweifeln in aller Stille und mit aller Konsequenz erfüllt hatte. Ähnlich seinem Vater, der ihn durch seine unbeugsame Überzeugung, die zur Internierung durch das kommunistische Regime geführt hatte, stets zu lebenslangem Heldentum motiviert hatte. Er hat sich zweifelsohne Gedanken zum Thema gemacht. Kleinode der Weisheit sprudelten nur so aus ihm heraus: „Wenn ich gesagt habe, dass Vaterschaft eine lebenslange Aufgabe sei, dann muss ich auch sagen, dass die größte Kunst der Vaterschaft ist, überflüssig zu sein. Das heißt, das Kind auf die Selbstständigkeit vorzubereiten.“ Vaterschaft sei jeden Tag aufs Neue eine Entscheidung, aber auch eine stetige Quelle des Glücks.

Vater zu werden scheint also erst mal eine Entscheidung zu sein, sofern die Biologie es erlaubt. Jungpapa Claudio weitet das Konzept „Vater“ noch etwas aus. Für ihn steckt in jedem Mann ein Vater. Seiner Meinung nach ist der Mann dazu geboren, eine Vaterrolle zu übernehmen. Diese muss sich jedoch nicht zwingend in einer biologischen Vaterschaft zeigen, sondern kann sich auch in einer „geistigen Vaterschaft“ als Vorgesetzter, Lehrer oder Pate ausdrücken. Er selbst ist seit vier Monaten Vater einer Tochter. Der erste Schritt war, die Frau zu finden, mit der er durchs Leben gehen wollte. Das Vatersein selbst lerne man dann gemeinsam mit dem Kind auf ganz natürliche Art und Weise.

Vater sein

Ist Vatersein also ein Naturinstinkt, der sich bemerkbar macht, sobald sich der Nachwuchs einstellt? Claudio hat diese Erfahrung gemacht. Gleichzeitig gibt er aber zu, dass dies nicht bedeutet, es wäre einfach. Während er aus der Liebe zu seiner Frau und dem definitiven Ja zueinander viel Kraft schöpft, so müssen dennoch verschiedene Ansichten über Kindererziehung und unterschiedliche Erwartungen unter einen Hut gebracht werden. Wenn man sich allerdings des Kulturunterschiedes verschiedener Herkunftsfamilien bewusst ist, kann man gemeinsam am Projekt Elternschaft arbeiten und die Verschiedenheit als Bereicherung sehen. Liebe bedeutet nicht, keine Konflikte zu haben, sondern den anderen in seiner Verschiedenheit zu akzeptieren und nie aufzugeben.

Paul stellt fest, dass sein Leben als Vater ein anderes Tempo bekommen hat. Er und seine Frau sind erstmals wirklich Familie und tragen nun Verantwortung für einen Menschen, der vollkommen auf sie angewiesen ist. Der geschäftige Kreativpapa hat durch seine Tochter gelernt, sich wieder Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens zu nehmen. „Du kannst dieselben Dinge wie vorher tun, nur eben in einem anderen Tempo. Ich habe eine neue Gelassenheit kennengelernt.“

Familie vor Beruf – ist das möglich?

Ähnliche Worte kommen von Businesspapa Felix. Sein Leben wäre vorher vielleicht etwas unbeschwerter und spontaner gewesen und seine Frau die allein wichtigste Person der Welt. Doch das Leben ändere sich nur so weit, wie man dies auch möchte. Der Schlüssel sei gute Organisation und eine tolle Ehefrau. Natürlich gibt es Momente, da steht man als Vater hilflos da. Zum Beispiel weint Felix‘ älterer Sohn, wenn er die gepackten Koffer seines Vaters im Zimmer stehen sieht. Aber Geschäftsreisen sind manchmal nicht vermeidbar. Dafür hat sich Felix einen ehemaligen Vorgesetzten zum Vorbild genommen, der seine Ansprache als CEO vor 500 Mitarbeitern wegen des Elternabends seiner Kinder nach hinten verlegte. Perfekt organisiert kam er dann mit Chauffeur von der Schule und schloss mit einer grandiosen Rede. Die Familie trotz beruflichen Erfolges an die erste Stelle zu stellen, das hat ihn inspiriert. Das geht aber nicht ohne Organisationstalent. Felix und seine Frau sind beide berufstätig in leitender Funktion. Dazu pendelt er jede Woche für ein paar Tage zwischen Berlin und Zürich. Sie versuchen, soweit möglich, alle Aufgaben untereinander aufzuteilen und so viel Zeit wie möglich mit den Kindern zu verbringen. Den erfahrenen Businesspapa stört dabei, dass er und seine Frau mit unterschiedlichem Maß gemessen werden. Wenn er alleine mit dem Sohn essen geht oder ihn auf einem Businesstrip in die Flughafenlounge mitnimmt, wird er als Held wahrgenommen. Bei seiner Frau wird dies hingegen entweder als selbstverständlich angesehen oder sogar negativ beurteilt.

Der Vater als Vorbild

Alle sind sich einig, dass man in seiner Vaterschaft durch den eigenen Vater beeinflusst ist. Spannend ist aber, wie jeder Einzelne damit umgeht. Paul hofft, vieles so gut machen zu können wie seine Eltern, lehnt ansonsten aber Vorbilder eher ab. Er findet, dass die Vater-Kind-Beziehung so individuell verschieden ist, dass es wenig allgemein gültige Regeln gibt. Und Fehler mache man trotz der besten Ratgeber. So sei es authentischer, auf sein eigenes Wesen zu vertrauen und die Fehler selbst zu machen. Claudio hat sich wie Stanislav zusätzlich den Hl. Josef als Vorbild ausgesucht. Dieser habe wie kein anderer Kraft aus dem Vertrauen auf Gott geschöpft und seine Berufung zur Vaterschaft mit Hingabe und Bescheidenheit erfüllt. Felix möchte die guten Erinnerungen seiner Kindheit gerne mit seinen Söhnen replizieren, passt aber auf, nicht zu „verbohrt“ alte Dinge hervorzukramen. Er möchte für seine Kinder Spiel-, Sport- und Gesprächspartner sein und das Leben seiner Familie über die nächsten 60 Jahre bereichern.

Das klingt alles wunderschön, denke ich mir. Was davon aber gehört zu den Aufgaben eines jeden guten Vaters und was ist individuell verschieden? Gibt es die Definition des „guten Vaters“?

Der gute Vater

Der Kreativpapa sieht das Konzept „guter Vater“ mit Argwohn. Er möchte keine Wertung abgeben. Stück für Stück lässt er dann aber doch seine Meinung hervorblitzen. Er sieht ein Charakteristikum eines guten Vaters in seiner Fähigkeit, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Zeit sei eine Grundzutat für eine Beziehung, für das gemeinsame Erleben. Loyalität, Liebe und Vertrauen braucht es außerdem in jeder Beziehung. Aus diesen Eigenschaften ergibt sich alles andere von selbst. Er würde nicht auf Erziehungsschulen und Ratgeber hören.

Stanislav sieht Vatersein und Familie als Spiel mit vielen Akteuren: den Kindern, der Mutter und dem Vater. Die Rolle des Vaters sehe man am besten im Vergleich zur Mutter. Die Männlichkeit hebe sich am besten vor dem Hintergrund der Weiblichkeit ab. Sie sind beide verschieden, aber komplementär, ergänzen sich also. In diesem Spannungsfeld der Geschlechter fühlten die Kinder die Kreativität der Liebe, die diese Unterschiede sichtbar machen und überkommen kann. Kinder lernten so ganz natürlich, mit Unterschieden und Konflikten umzugehen. Der gute Vater sei demnach ein liebender und respektvoller Ehemann, der für seine Kinder eine Autorität darstellt. Keine Autorität der Strenge, denn kein Mensch sei fehlerlos, aber eine authentische Autorität der Liebe für seine Familie.

Auch Felix und Claudio sehen eine spezielle Aufgabe in ihrer Vaterschaft. Claudio repariert das Fahrrad, zeigt dem Nachwuchs die weite, abenteuerliche Welt und hält bei der Geburt die Hand der Mutter. Wie die Muttermilch für das Neugeborene essentiell ist, so sei auch die Rolle des Vaters unersetzlich. Felix will begleiten und beschützen ohne zu beschränken und seinen Söhnen Tapferkeit und Mut vorleben. Seine Frau hat andere Qualitäten und ergänzt seine Schwächen in Organisation und Planung. Überhaupt bricht Felix eine Lanze für die alte Schule. Er meint, dass ein Gentleman seiner Frau ein Leben lang Dankbarkeit zeigen solle für alle Mühen der Schwangerschaft und Geburt.

Vater sein zeitgemäß?

Wenn auch die Rollendefinition heute nicht mehr so klar ist wie in den Generationen vor uns, so bedeutet dies nicht zwangsweise eine Bedrohung der Männlichkeit. Claudio sieht sich befreit, die Vaterrolle neu zu überdenken. Die Schwierigkeit sieht er darin, in all der Freiheit noch seine Identität zu finden. Er sieht die Rollendiskussion in der Öffentlichkeit als eine kollektiv-gesellschaftliche Identitätssuche, die vor lauter Freiheit die wesentlichen Züge des Mann- und Frau-seins nicht (mehr) sieht. Stanislav spricht gar von einer Verweiblichung, einer vaterlosen Gesellschaft. Er ist stolz, die Rolle eines Vaters erfüllen zu dürfen und findet, dass die Gesellschaft heute mehr entschiedene und tugendhafte Väter braucht, die ihre Kinder zu Mut und Tugendhaftigkeit erziehen. Dabei sieht er keinen Interessenskonflikt mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mann und Frau seien verschieden und so seien ihnen von Natur aus unterschiedliche Rollen zugedacht, die einander ergänzen. Keine besser oder wichtiger als die andere, aber beide essentiell. Dieser Unterschied ergibt sich bereits aus der biologischen Mutter- und Vaterschaft.

Für Felix hat sich das Mannsein insofern verändert, als man sich nicht mehr hinter Rollenklischees verstecken kann. Es brauche heute große innere Stärke, um ohne die „Hilfe“ der Gesellschaft und vorgefertigter Rollen noch seinen Mann zu stehen und auch mal wieder richtig männlich zu sein. Die Ernährerrolle zu teilen, sei aber heute nicht unüblich.

Das Geschenk der Väter

Ich wünschte, ich könnte eine Biographie über jeden Einzelnen dieser Väter schreiben, so vielfältig, verschieden und doch gleichermaßen beeindruckend sind ihre Leben. Jeder von ihnen ist ein Held seines Alltags, denn jeder Einzelne hat die Entscheidung getroffen, Verantwortung zu übernehmen für eine neue menschliche Existenz, diese zu beschützen, zu formen und letztendlich für das Leben freizugeben. Dafür verschenken sie sich selbst mit beispielhafter Großzügigkeit. Ihre Hingabe flößt mir Respekt ein und spricht gleichzeitig etwas in mir an, das mir bisher nur vage bewusst war: den Wunsch, einer größeren Berufung gerecht zu werden. Den Wunsch als Vater meinen Mann zu stehen und gemeinsam mit meiner Frau für das Geschenk eines Kindes offen zu sein.

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