9. April 2015

Handyverbot für Erwachsene?


Macht ein Handyverbot in Gegenwart der Kinder Sinn? Nein, Kinder brauchen nicht die Nonstop-Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Ein Standpunkt zum aktuellen Thema.

In Deutschland macht es gerade große Welle: Eltern sollen in ihrer Handynutzung in Gegenwart der Kinder eingeschränkt werden. Aber auch in Österreich gibt es Maßnahmen und Schilder am Kindergarteneingang. Ein durchgestrichenes Symbol mit einem Handy, dazu die Worte: Die nächsten 10 Minuten gehören nur meinem Kind.

Gedanken zum Handyverbot

Mein Handy ist immer dabei. Ob am Spielplatz, im Bad, im Kindergarten oder zu Hause. Und meine Kinder auch. Ich spiele mit meinen Kindern, ich spreche mit meinen Kindern, ich telefoniere mit meiner Freundin, ich lese ein Mail. Was daran falsch ist? Ich weiß es nicht. Für mich ist ein Handy ein Gerät zur Kommunikation, ein Gerät, das meine Kommunikationsmöglichkeiten erweitert hat. Ob ich nun eine Freundin einlade oder mit ihr am Telefon spreche, ob ich mich am Spielplatz mit anderen Eltern unterhalte: Unterm Strich geht es um Kommunikation. Und die ist gut. Für mich, für meinen Kopf, für mein Herz und für meine Kinder.

Das Handyverbot aus Deutschland suggeriert, dass Eltern für ihre Kinder da sein sollen. Daran ist per se nichts auszusetzen, doch das „Verbot“ bedeutet auch, ausschließlich für das Kind dazu sein, ständig zur Verfügung, in Alarmbereitschaft, Nonstop. Dabei geht es nicht um 10 Minuten im Kindergarten, sondern um den Umgang mit dem Smartphone, der für viele Menschen zum Lebensmittelpunkt wurde. Ein Handyverbot und permanentes Da-Sein für meine Kinder würde mich aber vereinsamen lassen.

Wenn ich nicht zum Handy greife, dann kann es genauso eine Zeitung oder ein Buch sein, das ich am Spielplatz lese, während meine Kinder mit ihren Freunden spielen.

So what? Muss ich da als Mutter dahinterstehen, eingreifen und kontrollierend funktionieren? Nein. Das ist bei jüngeren Kindern sicher noch ein größeres Thema, doch je älter Kinder werden, desto mehr Freiraum kann man ihnen zugestehen und sich wieder Zeit für ein gutes (E-)Book nehmen.

Scheu vor neu

Handys sind neu, es gibt keine Vergleichswerte mit „früher“. Außer einen: Früher hat es das nicht gegeben. Stimmt, es gab kein Handy, aber es gab Kommunikation. Miteinander, face-to-face. Kinder haben ihre Eltern als soziale Wesen erlebt, die eigene Interessen, Hobbys und Freunde haben und deren Leben sich nicht ausschließlich um die Bedürfnisse und Befindlichkeiten des Nachwuchses gedreht hat – wie heute auch.

Ob ich nun am Feld arbeite und mich meinem Kind zuwenden muss, das seinen Wunsch artikuliert, ob ich nun vom Handy aufschaue und meinem Kind zuhöre. Es macht keinen Unterschied. Und selbst die großen Pädagogen der Gegenwart sagen, dass Kinder nicht die Nonstop-Aufmerksamkeit ihrer Eltern brauchen. Wir müssen da sein und ansprechbar, aber nicht dahinterstehen oder nachlaufen. Das wäre auch eine sehr unrealistische Welt und eine, bei der eigene Grenzen und Respekt vor eigenen Bedürfnissen keinen Platz finden.

Kinder haben das Recht, ernst genommen und geliebt zu werden. Sie haben das Recht, dass auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird, aber sie haben auch das Recht nach Freiheiten und Freiraum, Recht auf eine individuelle Entwicklung, unabhängig von den Eltern. Und in dieser Zeit spricht nichts gegen ein Telefonat, ein Mail oder ein gutes Buch.

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EIN ARTIKEL VON
  • Daniela Griesser

    Nach meinem Germanistik-Studium widmete ich mich der Erziehung meiner 3 Kinder, arbeitete als Tagesmutter und besuchte Fortbildungen in den Bereichen Babymassage, Tragen, Stillen und Familienbegleitung. Unter dem Namen "Familiennest" biete ich in Wien Workshops und Hausbesuche für werdende und frisch gebackene Eltern an.


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