20. Januar 2016

Was macht gutes Spielzeug aus?

Gutes Spielzeug - meinefamilie.at

Warum schafft es manches Spielzeug, ewig interessant zu bleiben, anderes wird gleich weggelegt? Was ist richtig gutes Spielzeug? Versuch einer Kriterienliste.

Das Weihnachtsfest – von der leider immer profaneren Sichtweise her als Fest der Geschenke (des Kommerzes, des Handels…) – ist geschlagen, die Geschenke ausgepackt und bespielt. Einige der so heiß ersehnten Spielsachen sind höchstwahrscheinlich auch bei euch bereits in der Versenkung verschwunden und nicht mehr beachtet. So liegt der ferngesteuerte Dinosaurier, den sich unser Sohnemann seit August mit einer Inbrunst gewünscht hat, die uns bereits den letzten Nerv kostete, mittlerweile unbeachtet in einer Ecke seines Zimmers. Warum?

Interesse wecken und halten

Ein gutes Spielzeug schafft es, das Kind so zu fesseln, dass es immer wieder danach greift. Es ist also so interessant, dass es nicht nach drei Minuten wieder abgelegt wird.

Der ferngesteuerte Dino war ein Fehlgriff, denn: Er bewegt sich einfach vorwärts, blitzt mit den Augen und sieht dabei etwas merkwürdig aus. Zwischendurch entweicht ihm ein zischendes Geräusch, das war’s. Nicht, dass ich das nicht bereits geahnt hätte, aber der Wunsch war so groß, dass das grässliche Kunststoffungetüm also doch den Weg unter den Weihanchtsbaum fand.

Wie gut, dass daneben auch eine (vierte) Kiste Kapla-Steine unter dem Geschenkpapier zum Vorschein gekommen war. Diese sind der Renner: Sie werden täglich mehrere Stunden (!) lang benutzt, um Türme, Mauern, Stadien, Burgen, Figuren usw. zu bauen. Ja, der Große hat sogar schon einmal den Kleinen „eingemauert“, ein Geduldsspiel für beide, wie man sich denken kann… (siehe Titelbild).

Diese Steine schaffen es allem Anschein nach deshalb, unsere Kinder zu fesseln, da nicht von vorne herein vorgegeben ist, was damit gemacht werden soll oder kann. Sie regen die Phantasie an und werden einfach nicht langweilig – die ersten drei Kisten Kapla kamen vor zwei Jahren in unser Haus, seither verging kein Tag, an dem nicht eines der drei Kinder irgendetwas damit baute.

Schlagwort „pädagogisch wertvoll“

Es ist natürlich nicht so, dass ich hier allen Familien mit Kindern ab 1 Jahr raten möchte, jede Menge Holzbausteine zu besorgen. Sicher kommen diese auch nicht bei allen Kindern gleich gut an, aber eines ist sicher: Wenn man nach pädagogisch wertvollem Spielzeug Ausschau hält, dann erfüllen diese Steine eine Menge an Kriterien, die an Spielzeug für Kinder herangetragen werden sollten. Da gehört für mich der Umweltschutzgedanke (Holz statt Plastik) genauso dazu wie der soziale Aspekt (gemeinsam wird etwas konstruiert). Außerdem wird die Feinmotorik geschult, Statik erfahren, Konzentration und räumliche Vorstellungskraft gefördert und Fantasie angeregt. Letztens dienten die Holzsteine übrigens einfach als Möbel für diverse Playmobilmaxerln.

Was als für die Entwicklung des Kindes wertvolles Spielzeug angesehen werden kann, hängt natürlich von mehreren Faktoren ab. Dabei steht an erster Stelle sicher das Alter des Kindes selbst. Sehr kleine Kinder werden an Bausteinen jeder Art ihre größte Freude dann haben, wenn sie den mühsam erbauten Turm des großen Bruders wieder umwerfen dürfen. Etwas größere setzen sie dann vielleicht völlig zweckentfremdet ein, beispielsweise als Brotscheibenersatz für den Kaufmannsladen oder Jausentisch für die Puppen. Ist doch perfekt: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!

Versuch einer Kriterienliste für gutes Spielzeug

Gutes Spielzeug - meinefamilie.at Tasten und begreifen: Sobald Kinder beginnen, ihre Hände als zu ihnen gehörig zu erkennen, erkunden sie alles und jedes damit. Sie erfahren verschiedene Materialien wie Stoffe, Kunststoff, Metall, Holz, also Eigenschaften wie hart, weich, glatt, rau, kalt, warm. Da diese Dinge in dieser Phase auch oft im Mund landen (Stichwort „orale Phase“ ab ca. 5 Monaten), muss darauf geachtet werden, keine scharfen, spitzen oder kleinen Gegenstände bereit zu legen. Wenn man dem bereits krabbelnden Kind ein Auto anbietet und dieses es zunächst in den Mund steckt, sollte man es ihm nicht aus der Hand nehmen und auf den Boden stellen, um zu zeigen, dass es doch rollt. Das Kind erfährt sehr viel mehr durch das Erkunden als durch den „richtigen Einsatz“.

Gutes Spielzeug Bügelperlen - meinefamilie.at Schulung der Feinmotorik: Ab etwa dem 9. Monat können Kinder Daumen und Zeigefinger so koordinieren, dass sie kleine Gegenstände gezielt hochheben und betrachten (Achtung: auch in den Mund stecken!) können. Die Feinmotorik wird, je älter die Kinder werden, mit unterschiedlichsten Dingen besonders gut geschult. Wichtig ist dies vor allem dann in der Schule, wenn das Kind schreiben lernen soll. Förderliche Spielsachen sind hierfür Perlen, die gefädelt werden, Bügelperlen, Muscheln am Strand, Kieselsteinchen in der Natur, Papier, Bastelmaterialien, auch der Gebrauch von (Bunt-) Stiften und Schere.

Gutes Spielzeug Puppen - meinefamilie.at Rollenspiele: Wenn Kinder bereits sprechen können oder damit anfangen, entwickeln sie meist von selbst Spiele, bei denen sie verschiedenen Figuren „ihre Sprache leihen“. Sie ahmen in diesem Spiel ihre Bezugspersonen nach, spielen erlebte Situationen nach und zeigen so auch oft, wie sie ihre Umwelt erleben. Puppen, Stofftiere, Figuren sind hierfür genau so geeignet wie die momentan sehr beliebten bunten Pferdchen, Schleichtiere usw. Kinder spielen diese Rollenspiele oft allein, aber Mutter, Vater, Großeltern, Freunde, Gleichaltrige sind wichtige Rollenspielpartner, die immer wieder zur Verfügung stehen sollten, um den Erfahrungshorizont um andere Meinungen zu erweitern.

Gutes Spielzeug Steine - meinefamilie.atFantasie und Naturerfahrung: Je unkonkreter eine Sache etwas darstellt, umso mehr muss die Fantasie arbeiten. Je mehr Fantasieschulung ein Kind hat, umso einfacher fallen ihm die Konzentration auf gesprochenes Wort (z.B. später im Unterricht), da sich vor dem inneren Auge Bilder entwickeln können. Spaziergänge in der Natur, das Sammeln von Materialien wie Steine, Kastanien, Bucheckern, Ästchen oder Muscheln können hierfür nützlich sein. Eltern können dabei auch von ihren Kindern lernen!

 

Gutes Spielzeug Bücher - meinefamilie.atLesen und Vorlesen: Sowohl für die Beziehung zwischen Kind und Eltern als Vorlesenden, als auch für das Wecken des Interesses am Lesen ist dies ganz besonders wichtig. Es soll ja Kinder geben, die sich anhand von Lieblingsbüchern, die sie bereits auswendig wissen, selbst das Lesen beigebracht haben. Besonders beliebt sind momentan die Bücher, die sich mittels eines darangehaltenen Stiftes quasi selbst vorlesen – ich persönlich halte davon nicht viel, weil ein persönlich Vorlesender damit nicht ersetzt werden kann, aber als Ergänzung scheint es tatsächlich sehr nett zu sein – meine Nichten lieben diese Bücher.

Gesellschaftsspiele Gutes Spielzeug - meinefamilie.atSpielregeln: Gesellschaftsspiele – allen voran das traditionelle „Mensch, ärgere dich nicht“ – dienen allem voran dazu, dass Kinder lernen, sich an Spielregeln zu halten, was später in Kindergarten, Schule und Sport von enormer Wichtigkeit ist. Außerdem lernen Kinder dabei auch zu verlieren, wenn eben jemand anderer die erforderliche Anzahl an Punkten früher erreicht oder als Erster im Ziel ankommt. Nicht zu vergessen natürlich der soziale Aspekt: Man spielt mit jemand anderem und muss sich auf ihn einstellen.

Schulung der visuellen Wahrnehmung: Diese Anforderung an gutes Spielzeug wird vor allem durch Spiele wie Memory, Domino, Quartett u.ä. erfüllt, aber auch durch Bausteine jeder Art, also auch Duplo und Lego mit und ohne Bauanleitungen, Stifte und Papier, Puzzles, „Ich-seh-ich-seh,-was-du-nicht-siehst“ und ähnliche Spiele.

Eltern sind die primären Entscheidungsträger dafür, welches Spielzeug sie ihren Kindern zur Verfügung stellen. Sie werden sicher neben oben angeführten Kriterien noch von vielen anderen Punkten beeinflusst, sei es der Umweltschutzgedanke, die finanzielle Seite oder die eigene Vorstellung nach dem Motto „Ich will, dass mein Kind dies oder das lernt/kann/erfährt/macht…“.

Später kommt dann aber eine gewisse Art von „Gruppenzwang“ bzw. einfach die Erfahrung mit anderen Kindern dazu, sodass sich bestimmt auch Ungetüme wie der oben erwähnte ferngesteuerte Dino im Kinderzimmer finden, obwohl Mami und Papi davon überhaupt nicht begeistert sind. Seltsamerweise (oder wenig verwunderlich?) ist auch das Kind nicht wirklich begeistert. In diesem Sinne: Viel Spaß mit der Auswahl des „richtig guten“ Kinderspielzeugs.

Passend dazu ein witziger Blickwinkel: Welches Spielzeug meine Kinder lieben



EIN ARTIKEL VON
  • Gabriela Paul

    Ich bin Mutter von drei Kindern. Nach meinem Germanistikstudium arbeitete ich jahrelang im Marketing. Dann entschied ich mich zu einer 180°-Wende und wurde römisch-katholische Religionslehrerin. Jetzt unterrichte ich Religion und Deutsch für Kinder mit Migrationshintergrund.


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