7. Dezember 2016

Grenzen setzen und liebevoll bleiben

Grenzen setzen und liebevoll bleiben - meinefamilie.at

Eine der größten Herausforderungen der Erziehung: Grenzen zu setzen. Wie können Eltern dabei liebevoll bleiben?

Das Thema “Grenzen setzen” empfinde ich in der Erziehung als eines der schwierigsten. Und doch ist es eines der wichtigsten. Gesunde Grenzen zu setzen ist eine sehr delikate Angelegenheit. Sind Grenzen zu einengend, haben sie Rebellion oder Resignation zur Folge. Sind sie zu weit gesteckt oder etwa gar nicht vorhanden, rufen sie Aggression hervor: Ein sehr interessantes Phänomen, das ich bei antiautoritär erzogenen Kindern beobachten konnte.

Es gibt allgemeine Grenzen, wie zum Beispiel, dass ich nicht einfach in den Nachbarsgarten marschiere und mir dort einen Apfel pflücke, ohne zu fragen. Diese Grenzen erleichtern den grundsätzlichen Umgang mit anderen Menschen.

Dann gibt es noch persönliche Grenzen, die anzeigen, wie wir gestrickt sind. Der eine braucht mehr, der andere weniger Nähe. Der eine freut sich gerne laut, der andere leise. Der eine hat gerne viele Leute um sich, der andere braucht eher Rückzug.

Mir ist es sehr wichtig, sowohl die Grenzen meiner Familienmitglieder zu respektieren, als auch die Einhaltung meiner persönlichen Grenzen einzufordern. Beides ist im Alltag nicht immer ganz einfach.

Erster Schritt: sich selbst spüren und ernst nehmen

Grenzen zu haben, ist für uns Menschen normal, sofern wir in einem gesunden Umfeld aufgewachsen sind. Ich sage das extra dazu, denn nicht jeder wird in einer gesunden Familie groß und in diesem Fall ist es um so schwieriger, den eigenen Kindern gesunde Grenzen aufzuzeigen. Man muss zuerst lernen, sich selbst zu spüren und ernst zu nehmen. Ich zum Beispiel habe manchmal meine Grenzen erst gespürt, wenn sie übergangen wurden. Da stieg plötzlich Ärger in mir hoch und ich fragte mich, was denn nun los sei. Langsam lernte ich, viel früher zu reagieren, bevor ich ärgerlich wurde. So kann ich mittlerweile in solchen Situationen einfach sagen: “Nein, das möchte ich bitte nicht.” Allerdings gelingt es mir nicht immer, früh genug ganz ruhig zu reagieren.

Heute zum Beispiel hatte ich eine Situation, die sich aufgrund meiner Reaktion sehr aufschaukelte. Ich war im Büro (zu Hause), um zu arbeiten. Da klopfte eines meiner Kinder und stand auch schon mitten im Raum. Ich bat es, mich nicht zu stören und später wieder zu kommen, doch es bestand auf der Erfüllung eines dringenden Wunsches. Ich spürte, wie ich grantig wurde und schimpfte. Ich nahm das Kind an der Hand und zog es nach draußen. Es brauchte eine Viertelstunde, um die Sache auszureden. Hätte ich nicht so emotional reagiert, hätte es vielleicht nicht so viel Zeit beansprucht. Ich merke, ich bin da immer noch am Lernen…

Das Grenzensetzen öffentlich austragen?

Nochmal etwas anderes ist so ein “Machtkampf” in aller Öffentlichkeit.

Grenzen setzen und liebevoll bleiben - meinefamilie.atZufällig wurde ich vor kurzem Zeugin zweier solcher Begebenheiten in einem Geschäft. Ein Paar war mit seiner etwa sechs Jahre alten Tochter einkaufen und das Mädchen wollte etwas unbedingt haben. Sie jammerte und bettelte, doch die Eltern blieben fest. An sich ja eine gute Reaktion. Doch das Mädchen begann dann zu heulen und wurde schließlich von Weinkrämpfen geschüttelt. Die Eltern ignorierten sie quasi und ich spürte innerlich, dass das nun zu weit ging. Nicht, dass ich finde, sie hätten ihr nachgeben sollen. Aber ich hätte es besser gefunden, wenn einer der Elternteile mit ihr hinausgegangen wäre, um die Sache in Ruhe im Auto zu klären. Das ganze Geschäft bekam die Sache mit und ich denke, das war einfach kein guter Rahmen.

Gleich im selben Geschäft war eine Großmutter mit ihrem Enkel, der auch unbedingt etwas wollte. Die Großmutter schimpfte und argumentierte und gab schließlich nach, mit dem Satz: “Nimmst du es halt, damit Ruhe ist, aber glaub nicht, dass du heute noch irgendwas von mir haben kannst.”

Diese “Lösung” finde ich genauso schlecht. Einfach nur nachzugeben um des lieben Friedens willen ist eben keine Lösung. Das Kind lernt dadurch nur, dass es hartnäckig genug bleiben muss, um etwas zu erreichen. Und was soll die Drohung am Ende? Was genau soll das heißen?

Ich will hier kein Urteil über verschiedene Erziehungsstile fällen, denn ich weiß selbst, wie schwierig eine solche Situation sein kann. Aber als Außenstehende kamen mir diese Gedanken dazu. Ich denke, wesentlich beim Grenzensetzen ist, dass die Kinder unsere Liebe durchspüren. Es kann auch hilfreich sein, zu sagen:

“Ich hab dich total gern, und trotzdem kann und will ich dir xy nicht geben.”

Wenn das die Basis ist, können wir “Nein” sagen, wo es uns wichtig ist und die Kinder werden sich dadurch nicht ungeliebt fühlen.

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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