25. Februar 2016

Grenzen setzen? Zuerst emotionalen Tank füllen

Grenzen setzen/emotionalen Tank füllen - meinefamilie.at

Wenn sich Kinder anders verhalten als gewünscht, heißt es in Erziehungsratgebern oft: Grenzen setzen. Dabei stehen bestimmte Bedürfnisse hinter dem Verhalten – zum Beispiel jenes nach Liebe. Wie können Eltern die Balance zwischen Konsequenz und Zuneigung finden?

Ich lese bei meinen Erziehungsfragen (à la „Hilfe, mein Kind wirft ständig Gegenstände durch die Wohnung!“ Oder: „Kind flippt aus, wenn es beim gemeinsamen Brettspiel verliert – was tun?“) immer wieder quer durchs Internet und stöbere dort in Elternforen und Blogs. „Konsequenz“ und „Grenzen“ sind die beiden Zauberwörter, die mir dabei eigentlich immer unterkommen und ohne die schwierige Situationen im Zusammenleben mit Kindern scheinbar nicht gelöst werden können. Man müsse nur konsequent genug sein und rechtzeitig Grenzen setzen.

Grenzen setzen: Ja, aber…

Ja, eh… Ich habe überhaupt nichts dagegen, konsequent zu sein und weiß auch, dass es im zwischenmenschlichen Zusammenleben Grenzen gibt, die auch Kinder einhalten sollten. Ich glaube aber nicht, dass Konflikte, Geschrei oder das, was man allgemein unter „schlimmem Verhalten“ versteht, allein damit zu lösen sind.

Es gibt da einen dritten Weg, der den anderen beiden zugrunde liegt und ich nenne ihn, nach dem amerikanischen Professor für Kinderheilkunde und -psychiatrie Ross Campbell, „den emotionalen Tank auffüllen“. Was bedeutet das?

Wie soll ich bei schlechtem Verhalten der Kinder tun?

Ich hole unseren Vierjährigen vom Kindergarten ab. Alles läuft gut, bis wir die Schwelle zu unserer Wohnung betreten. Mein Sohn wirft schlecht gelaunt seine Schuhe durchs Vorzimmer, reißt seiner Schwester die Haube vom Kopf, knallt die Klotür zu und findet das Mittagessen absolut ungenießbar.

Was tun? Ich bin genervt und will, dass das aufhört. „Unter uns Eltern herrscht die Tendenz zu fragen: ‚Wie kann ich das schlechte Verhalten meines Kindes verbessern?‘“, schreibt Ross Campbell und trifft damit ziemlich genau mein Anliegen. Ich könnte unseren Ältesten also maßregeln, ermahnen, böse anschauen, anschreien, ihm mit Strafen drohen (alles Dinge, die ich auch immer wieder mache). Campbell schreibt aber auch:

„In Augenblicken, in denen unser Kind ungezogen ist, ist es wichtig, dass wir zuerst an uns selbst die Frage richten: Was braucht dieses Kind jetzt?“

Was braucht mein Kind?

Wenn ich in so einer Situation aufmerksam genug bin, sehe ich, dass mein Sohn gerade ziemlich bedürftig ist. Nach außen hin zeigt er sich aggressiv und kampflustig. In seinem Inneren ist er aber unrund und unsicher. Vielleicht hat ihn im Kindergarten jemand gekränkt, vielleicht macht er einen Entwicklungsschub, vielleicht ist er einfach müde. Anstatt zornig mit ihm zu sein, sollte ich ihn umarmen, liebevoll mit ihm sprechen, ihm beim Ausziehen helfen. Und wirklich: Während mein lautstarkes Schimpfen ihn noch mehr provoziert, beruhigt er sich langsam, wenn ich mich ihm liebevoll zuwende.

Manch einer wird jetzt fragen: Soll ich das schlechte Verhalten meines Kindes etwa „belohnen“? Ross Campbell würde sagen: Es handelt sich nicht um eine Belohnung, sondern ich gebe dem Kind das, was es braucht.

Mir helfen diese Gedanken aus Campbells Ansatz:

  • Kinder brauchen Liebe. Sie versuchen allerdings oft, auf irrationale Weise diese zu bekommen. „Anstatt unsere Liebe und Zuneigung durch gutes Verhalten zu gewinnen, prüft ein Kind unsere Liebe ständig durch sein Benehmen.“ (Campbell, S. 99) Laut Campbell ist ein leerer emotionaler Tank, also ein Mangel an Liebe, der Hauptgrund dafür, warum Kinder ungezogen sind.
  • Zuerst muss der emotionale Tank wieder aufgefüllt werden – durch Augenkontakt, ungeteilte Aufmerksamkeit oder Körperkontakt, dann erst können Eltern das Benehmen der Kinder wirklich beeinflussen. „Ein Kind kann nicht das Gefühl haben, geliebt zu werden, wenn wir auf seine Ungezogenheiten immer sofort mit Strafen reagieren.“ (Campbell, S. 100)
  • Das bedeutet aber nicht, dass Eltern über ungezogenes Verhalten hinwegsehen müssen. Natürlich sage ich meinem Sohn, dass er seine Stiefel in der Wohnung nicht werfen darf. Ein vorschnelle Vorwurf oder gar eine Strafe würde das Problem in diesem Fall aber nicht an der Wurzel packen.

Wer mehr darüber wissen möchte, dem empfehle ich Campbells Buch „Kinder sind wie ein Spiegel“, aus dem auch die Zitate in diesem Text entnommen sind.

Kinder sind wie ein Spiegel

Ein Handbuch für Eltern, die ihre Kinder richtig lieben wollen
Ross Campbell
Francke Verlag, 2011
144 Seiten
10,30€
ISBN: 978-3-7915-3021-5

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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