7. April 2016

Ohne Grenzen geht es nicht

Ohne Grenzen geht es nicht - meinefamilie.at

Grenzen zu setzen bedeutet Freiheit abzusichern, sagt Familienberaterin, Erziehungscoach und siebenfache Mama Alexandra Schwarz.

Benjamin ist zwei. Und Benjamin ist wütend. Sehr wütend sogar. Und zwar auf seine Mama. Denn die hat ihm gerade eben schon wieder die Schere aus der Hand genommen und dieses – für Benjamins Ohren furchtbare – Wort gesagt: Nein!

„Nein“ – wenn er das schon hört! Immer in besonders spannenden Momenten: Wenn er die Türe zu jenem Kasten öffnen will, in dem dieses Gerät steht, das so viele Knöpfe hat und das so laut Musik spielen kann – Mama nennt es Stereoanlage. Oder wenn er diese lustigen roten Beeren im Garten kosten will – Mama sagt, die sind giftig. Oder eben, wenn er die Schere entdeckt hat und sehen will, was die alles kann.

Spaßverderber

„Wir Eltern sind in vielen Situationen leider die Spaßverderber“, sagt Familienberaterin, Erziehungscoach und siebenfache Mama Alexandra Schwarz dazu. Die Kinder wollen etwas und die Eltern sagen Nein. Gefühle wie Enttäuschung, Verärgerung, Wut und Trotz von Seiten der kleinen Entdecker sei da doch eigentlich ganz verständlich.

Die Disharmonie auszuhalten, die beim Grenzen-Setzen oftmals entsteht, ist auch für uns Eltern manchmal wirklich schwer.

„Schließlich wollen wir doch, dass unsere Kinder mit uns zufrieden sind. Wir sehnen uns nach Harmonie und haben wohl manchmal auch Angst, die Liebe unserer Kinder zu verlieren.“

Grenzen engen nicht ein

Wichtig sei in diesen Situation, sich als Eltern immer vor Augen zu halten, dass wir den Kindern mit dem Grenzen-Setzen nichts Schlechtes tun. Im Gegenteil. „Kinder sind kurzsichtig, sehen die momentane Situation, aber nicht, wohin sie führen kann. Das müssen wir Eltern machen. Wir müssen uns die Frage stellen: Was braucht mein Kind in dieser oder jener Situation wirklich? Was ist für mein Kind altersgemäß?“ Das beginne bei den ganz Kleinen, sei aber bei den Größeren immer noch Thema. „Wenn ein 13-Jähriger bis spätnachts um die Häuser ziehen will, ist das einfach nicht passend“, sagt Alexandra Schwarz. „Und es ist an uns Eltern, das klar zu machen, indem wir Grenzen setzen.“

Grenzen zu setzen habe ja leider immer den Beigeschmack, das Kind zu beengen, es einzuschränken. Darum gehe es aber beim Grenzen-Setzen gar nicht. „Grenzen zu setzen bedeutet Freiheit abzusichern“, so Alexandra Schwarz.

Schlussendlich seien Grenzen auch eine unverzichtbare Orientierungshilfe für Kinder. „Kinder brauchen Strukturen, um sich sicher zu fühlen.“

Gerade bei kleinen Kindern sei deshalb eine gleichbleibende Routine so hilfreich: „Wenn Kinder ihren Tagesablauf kennen, wenn sie wissen, was als Nächstes auf dem Programm steht, dann geht es ihnen gut, dann kennen sie sich aus, dann fühlen sie sich sicher.“

Und nicht zu vergessen: Kinder lernen beim Einhalten der ihnen gesetzten Grenzen auch wichtige „Tools“ für ihr ganzes Leben. „Wer nicht immer sofort alles bekommen hat, lernt Geduld, lernt, auf etwas warten zu können. Er hat sozusagen die ,Muskeln des Willens‘ trainiert“, sagt Alexandra Schwarz.

Einfühlsam, nicht stur

Wie wichtig ist es bei all diesem Grenzen-Setzen, Halt-Geben und Loslassen, konsequent zu bleiben? „Das ist sehr wichtig“, sagt Alexandra Schwarz: „Kinder brauchen es, gerade wenn sie klein sind, dass ein Nein ein Nein ist und bleibt. Nur dann können sie es richtig einordnen, um es als Grenze zu verstehen. Wenn die Eltern in einer Situation drei Mal Nein und einmal Ja sagen, ist das Kind verunsichert.“ Zielführender sei es, sich als Eltern zu überlegen, was mir wichtig ist, wann ich wirklich Nein sage und dann auch dabei zu bleiben.

Klar sei aber auch, dass in manchen Situationen ein Ausnahme sinnvoll ist. „Manchmal ist es gut, nicht stur zu sein, sondern etwa zu sagen: Das bekommst du jetzt, weil du heute so müde bist, obwohl es sonst nicht geht. Aber das muss man auch so kommunizieren.“

Die Sache mit der Familienatmosphäre

Was kann eigentlich helfen, diese Disharmonie auszuhalten, die beim Grenzen-Setzen unweigerlich entsteht? „Eine positive Familienatmosphäre gibt unseren Kindern, aber auch uns in diesen Situationen Halt“, sagt Alexandra Schwarz. Dazu gehöre etwa eine Harmonie zwischen Vater und Mutter. „Das Kind soll spüren, dass Papa für Mama und Mama für Papa der wichtigste Mensch ist. Das tut ihm gut“, ist Alexandra Schwarz überzeugt. Bei getrennten Paaren gehe es dabei vor allem um die gegenseitige Wertschätzung, um den Respekt voreinander.

Auch die Frage, wie wir zuhause mit Herausforderungen umgehen, sei wichtig für die Familienatmosphäre. Was tun wir als Eltern, wenn es schwieriger wird? Gibt es dann noch Gelassenheit? Nehmen wir Schwierigkeiten auch mit Humor? Versprühen wir Optimismus?

„Machen wir uns keine Illusionen“, sagt Alexandra Schwarz. „Eine positive Familienatmosphäre zu haben, ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung.“

Und es braucht ein Zusammenspiel aller Familienmitglieder, ein Aufeinander-Hören und einen sensiblen Umgang miteinander. „Damit wir Eltern auch schwierigere Situationen mit Gelassenheit, Humor und Optimismus nehmen können, brauchen wir manchmal auch Zeit für uns. Zeit, um zur Ruhe zu kommen.“ Das könne ein Bad am Abend genauso sein wie ein Spaziergang alleine ohne Rasselbande oder manchmal auch einfach ein Handy, das in den „Flugmodus“ geschaltet wird.

Was die Familienatmosphäre außerdem positiv beeinflusst? Dazu Alexandra Schwarz: „Wenn wir einander wirklich gut kennen, dann ist die Atmosphäre zu Hause auch gleich ganz eine andere. Wir Eltern brauchen deshalb Zeit mit unseren Kindern. Zeit, um zu hören, zu sehen und zu erleben, wie es unserem Kind geht, was es ausmacht, wie es ist. Nur wenn ich mein Kind richtig gut kenne, kann ich die ,richtigen‘ Grenzen setzen. Kann ihm im richtigen Moment, mit der richtigen Maßnahme Halt geben. Kann aber auch, wenn es richtig und wichtig ist, loslassen.“

Der nächste Elternbrunch

„Halt geben, Grenzen setzen, loslassen“ war das Thema eines Vortrages von Alexandra Schwarz beim ersten meinefamilie.at-Elternbrunch, der am 5. April im Café Caspar stattgefunden hat. Dutzende Mamas und auch einige Papas hatten hier bei Croissants, Semmeln, Butter, Marmelade, Eiern, Tee und Kaffee Gelegenheit, sich miteinander über ihren Alltag auszutauschen, gemütlich beisammen zu sitzen, nebenbei mit ihren Kindern zu spielen und dem Vortrag von Alexandra Schwarz zu lauschen.

Den gesamten Vortrag nachhören

Der nächste meinefamilie.at-Elternbrunch mit Vortrag zum Thema „Mythen der gesunden Ernährung – für eine angstfreie, gespannte Ernährung in der Familie“ findet am 24. Mai statt. Ort wird wieder das überaus gemütliche und baby- und kindertaugliche Café Caspar in der Grillparzerstraße sein.

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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