15. April 2016

Gewalt im Umgang mit Kindern

Gewalt im Umgang mit Kindern - meinefamilie.at

Es ist nicht bloß physische Gewalt, die schadet. Das “Nein!” von Kindern wird oft nicht ernst genommen, sie werden zu Handlungen gezwungen. Gedanken zum sensiblen Thema und zu Lösungsversuchen wie Gewaltfreier Kommunikation.

Eigentlich scheinen sich heutzutage alle darüber einig zu sein, dass Gewalt im Umgang mit Kindern kein adäquater Weg ist. Doch werden Beziehungen tatsächlich gewaltfrei gelebt und gestaltet? Ein sensibles Thema.

Was ist denn eigentlich Gewalt?

Spricht man von Gewalt im Umgang mit Kindern, dann ist die häufigste Assoziation wohl die physische Gewalt. Allerdings gibt es eine Form von Gewalt, die viel öfter im Alltag vorkommt. Eine subtilere Form, die nicht so offensichtlich ist, die oftmals vielleicht gar nicht als Gewalt wahrgenommen wird.

Bereits vor der Geburt meines Sohnes (2 ¾) fühlte ich ein gewisses Unbehagen, wenn Kinder mit Aussagen à la „Was stellst du dich denn so an? Ist doch nicht so schlimm“ konfrontiert wurden (obwohl sie sich ganz offensichtlich wehgetan oder Angst hatten).

Doch erst durch die Beziehung zu meinem Sohn konnte ich diesem Nicht-Ernst-Nehmen, Abwerten, Beschämen einen konkreten Namen geben: Gewalt. Sätze wie „wenn du das jetzt nicht machst, dann“, „ein großer Bub tut so etwas nicht“, „du bist immer so schlimm“, „du gehst dorthin, ob du willst oder nicht“, „das musst du machen, da gibt’s keine Widerrede“ ließen mich immer mehr aufhorchen. Und brachten mich zum Grübeln: Was ist für mich eigentlich Gewalt? Ich kam zu folgendem Schluss: Wenn trotz eindeutigem Nein zu einer bestimmten Handlung gezwungen wird, wenn versucht wird, ein eindeutiges Nein durch Drohen, Bestrafen oder Belohnen zu umgehen, wenn beurteilt und verunglimpft wird – dann handelt es sich in meinen Augen um Gewalt. Und ich spürte, dass diese Art von Gewalt in der Beziehung zu meinem Sohn keinen Platz haben sollte.

Mein eigenes Gewalt-Dilemma

Obwohl ich recht genau weiß, was ich als Gewalt erlebe und was ich deshalb nicht haben möchte, erwische ich mich dennoch immer wieder bei Beurteilungen, Etikettierungen, Vorwürfen. Mit der Konsequenz, dass ich mich jedes Mal danach schlecht fühle. Weil ich deutlich spüre, dass es einen anderen Weg im Umgang mit meinem Sohn gibt. Wie dieser allerdings genau aussieht, lässt sich nicht so einfach beantworten. Manchmal schaffe ich es, mittels Gewaltfreier Kommunikation (nach Marshall B. Rosenberg) mit meinem Sohn in Kontakt zu treten, das konkrete Bedürfnis hinter einem Verhalten zu erkennen und darauf offenherzig, ehrlich, respektvoll einzugehen.

Oft sind es einfach Rückmeldungen wie „Was brauchst du denn jetzt eigentlich?“, die eine andere Stimmung in einer Konfliktsituation erzeugen und schließlich Zugang zur eigentlichen Ursache gewähren.

Manchmal hilft Geduld, manchmal Großzügigkeit. Und manchmal ist die Situation verrannt und ich fühle mich hilflos. Und genau dann laufe ich Gefahr, die von mir ungeliebten Formen von Gewalt zu gebrauchen. Danach ist für mich jedes Mal klar: Nein, das möchte ich nicht mehr.

Der (gewaltfreiere) Weg ist das Ziel

Die Schuldgefühle nach einer gewalttätigen Aktion gegenüber meinem Sohn, das Wissen, dass ich es ja eigentlich anders machen möchte und dennoch immer wieder an meine Grenzen stoße, sind schwer auszuhalten und erzeugen letztendlich wieder Gewalt gegen mich selbst: Ich be- und verurteile mich, ich bin unzufrieden mit mir, ich fühle mich unzulänglich. Eine Endlosspirale. Doch wie finde ich den Notausgang, den Ausweg aus dem Leid? Meine ganz persönlichen Antworten:

  • Stille-Momente helfen mir stets, mich zu sammeln und Mut zu fassen, neu zu beginnen und mir selbst und anderen mit mehr Liebe und Akzeptanz zu begegnen.
  • Es gibt viele, viele wunderbare Bücher, wie zum Beispiel „Die Vier Versprechen“ von Don Miguel Ruiz. Die Botschaft: Wenn ich in diesem Moment scheitere, dann bietet bereits der nächste Augenblick die Möglichkeit, mein Bestes zu geben. Das bedeutet nicht, mich zu verbiegen oder mich zu verausgaben. Es geht um die bewusste Entscheidung, das Leid in meinem und im Leben anderer zu verringern.
  • Gewaltohnemich.de - meinefamilie.atZufällig gelangte ich zu dem Internet-Aufruf „Gewalt! ohne mich“ der deutschen Psychologin Franziska Klinkigt. Ich bin sehr dankbar für diese Initiative, in der es – bei Gott – nicht darum geht, Heilige um sich zu scharen, die von sich behaupten, ganz ohne Gewalt auszukommen. Hier geht es darum, Gleichgesinnte zu finden. Menschen, die auf der Suche nach neuen Wegen in der Beziehung zu ihren Kindern und auch untereinander sind. Die spüren, dass ein anderer Weg möglich ist, die ihre derzeitigen Konfliktlösungsstrategien kritisch beleuchten, die sich auf eine gemeinsame Reise machen. Auf eine Reise zu mehr Verständnis, Frieden und Respekt.

Mein persönliches „Mission Statement“

Nein zu sagen, wenn man etwas nicht möchte – das ist ja bekanntlich die erste Freiheit des Menschen.

So haben auch die Jüngsten das Recht, Nein zu sagen: Nein zum geforderten und ersehnten Kuss der Oma, Nein zum ach so gesunden Spinat, Nein zum In-der-Sekunde-Funktionieren, Nein zu durchorganisierten Schlaf- und Wachzeiten, Nein zu Orten, an denen sie nicht sein möchten.

Als Mutter ist für mich klar: In jeder Situation, zu jedem Zeitpunkt möchte ich meinen Sohn als Mensch wahrnehmen. Als Mensch, der immer einen Grund hat, Ja oder Nein zu sagen. Als Mensch, der meinen Respekt verdient, indem ich ihn höre und sehe. Und in derselben Weise möchte auch ich als Mensch wahrgenommen werden. Konflikte möchte ich als Chance sehen, mein Gegenüber tatsächlich zu erkennen. Als einen Menschen, der eigenständig ist, individuell, seine persönlichen Grenzen hat. Und seine eigene Würde, die ihm niemand nehmen kann. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar. Und wir alle sind Menschen – von Anfang an und immer.

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.



2 Kommentare
  • Anonymous, 6. Oktober 2017, 18:34 Antworten

    Sehr geehrte Frau Sommer! Danke für den Text! Ich stimme ihnen sehr zu und freue mich über Ihre Reflexion und die Anregungen, die Sie geben. Ich hab mir die Seite "gewaltohnemich"angesehen und bin an der Forderung hängen geblieben, das Kind nicht mit Gewalt an Orte zu bringen, an die es nicht (immer) gebracht werden möchte. Ich nehme an, dass es sich hier um die Schule handelt und dem dahinterliegenden Spannungsfeld Schulunterricht versus Heimunterricht. Ich denke, dass das - wie auch beim Impfthema- ein stark emotionalisiertes und ideologisiertes Thema ist. Ich meine, es wäre gut, dieses Thema anzusprechen und die jeweilige Position zu entideologisieren. Vielleicht mögen Sie ja dazu einen Text schreiben? Liebe Grüße Martina Greiner-Lebenbauer

  • Anonymous, 9. Oktober 2017, 21:36 Antworten

    LIebe Frau Greiner-Lebenbauer, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Rückmeldung. Ja, gewiss beinhaltet mein Text auch das von Ihnen erwähnte Bildungsthema. Schauen Sie bitte gerne auf meine Website www.textbewegungen.at, da finden Sie zu diesem Thema auch einige Informationen und Anregungen, wobei es zukünftig mehr werden sollen. :-) Das Thema wird in meinem eigenen Leben immer dringlicher. Und Sie haben Recht: Texte sind dafür da, Tabuisierungen auf den Tisch zu bringen. Gewiss werde ich mich noch in vielen Texten diesem Thema widmen. Wenn Sie Näheres wissen möchten, kontaktieren Sie mich bitte auch gerne über meine Website. Danke und alles Liebe, Susanne Sommer

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