29. April 2015

Gelassenheit in der Erziehung darf sein


„Zu viel Sorge ist Gift für unsere Kinder“, habe ich kürzlich gelesen. Und ich hab es mir zu Herzen genommen. Ein Appell zur Gelassenheit in der Erziehung.

Ich wäre so gerne eine richtig gelassene und coole Mama. Eine, die ihren Kindern nichts als Vertrauen in ihre Fähigkeiten entgegenbringt. Die relaxed unter dem Klettergerüst am Spielplatz steht und dem Sohn zuschaut, wie er gekonnt drauf herumturnt. Die ihre herumtobenden Kinder zwar auf Gefahren aufmerksam macht, sie dann aber machen lässt. Hin und wieder, da bin ich diese Mama. Aber oft spielen sich in meinem Kopfkino die ärgsten Szenarien ab – ein Laufradsturz mit gebrochenem Arm ist das Harmloseste, das ich vor meinem inneren Auge sehe, wenn mein Dreieinhalbjähriger wieder mal mit dem Laufrad vor mir herdüst. „Pass auf!“, „Nicht so schnell!“, „Du wirst gleich hinfallen – Vorsicht!!!!“, „Nicht so hoch, das ist viel zu gefährlich!“ Ich weiß gar nicht, wie oft am Tag ich Sätze wie diese sage, rufe oder brülle.

Kinder sollen Gefahren kennenlernen

Natürlich: Es ist meine Aufgabe, meine Kinder vor Gefahren zu schützen. Stets vorausschauend zu sein und brenzlige Situationen zu vermeiden. Ein Helm beim Laufradfahren ist Pflicht. Am Spielplatz gilt: Wo die Kinder selbst nicht raufkommen, hebe ich sie auch nicht hinauf. Es ist außerdem meine Aufgabe, meinen Kindern Gefahren aufzuzeigen und ihnen zu erklären, wie sie sich ihnen stellen. Der Straßenverkehr ist ein gutes Beispiel. Da gibt es viele Gefahren, die meine Kinder nach und nach einzuschätzen lernen. Für unseren Sohn ist es mittlerweile selbstverständlich, an der Straße stehen zu bleiben.

Zu viele Warnungen sind kontraproduktiv, mehr Gelassenheit in der Erziehung darf sein

Die Sorge um die Kinder und die Gedanken daran, was alles passieren könnte, machen mir das Mutterleben manchmal schwer. Ich versuche den Sorgen mit Warnungen, Ermahnungen oder Verboten Herr zu werden. Und merke, dass das in den meisten Fällen nichts bringt. Entweder weil die Kinder beim zehnten „Pass auf!“ eh nicht mehr zuhören oder weil ich sie verunsichere. „Zu viel Sorge ist Gift für unsere Kinder“, habe ich kürzlich gelesen. Und ich hab es mir zu Herzen genommen. Ich versuche diese Grundsätze zu berücksichtigen und Gelassenheit zu üben:

  • Bevor ich wieder mal ein reflexartiges „Vorsicht!“ ausspucke, beiße ich mir schnell auf die Zunge. Ich frage mich, ob es meinen Kindern wirklich hilft, eine potentiell gefährliche Situation zu meistern, wenn ich sie (erneut) zur Vorsicht ermahne. Oft ist es besser zu schweigen, und manchmal ist es eher angebracht, auf eine Gefahr kurz aufmerksam zu machen. Also statt „Pass auf! Nicht hinfallen!“ könnte ich sagen „Schau mal, der Weg wird hier steiler. Fahr bitte ein bisschen langsamer.“
  • Wir alle wissen, dass schlimme Unfälle passieren können. Meistens ist es aber besser, nicht daran zu denken. Gedanken an all das, was geschehen könnte, blende ich also – so gut es geht – aus. Wir wissen nämlich auch, dass die allermeisten Befürchtungen, die wir haben, nicht eintreffen.
  • Meine Kinder dürfen sich verletzen. Wenn sich mein Sohn das Knie aufschlägt, weil er zu schnell gelaufen ist, finde ich das (meistens) nicht schlimm. Wie soll er sonst lernen, sein Tempo zu regulieren oder die Beschaffenheit des Weges einzuschätzen, wenn er nicht auch die Chance hat, mal hinzufallen?
  • Auch wenn meine Kinder noch recht klein sind, sollen sie doch auch mal unbeobachtet spielen können. Wenn ich das Mittagessen koche, beschäftigen sie sich – für mich uneinsehbar – im Wohnzimmer. Mit Besucherkindern verschwinden sie immer wieder mal im Nebenraum und dürfen dort so richtig laut sein und toben. Die Gefahren sind abschätzbar und die Eltern können sich so auch mal in Ruhe unterhalten.

Passend dazu: Beziehungspflege beim Lernen

  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at