15. Juni 2016

Kann ich als Mutter auch Freundin meines Kindes sein?

Freundin meines Kindes sein - meinefamilie.at

Gedanken über ein gleichwürdiges Verhältnis zwischen Eltern und Kind, in dem Konflikte nicht gescheut werden und in dem auch Freundschaft möglich ist.

Letzte Woche sah ich ein Video mit der Aussage: „Eltern können nicht die besten Freunde ihres Kindes sein. Ihr Job ist es, Eltern zu sein. Dazu gehört auch, dass einen das Kind mal nicht mag, doof findet und sauer ist. Das braucht man nicht persönlich zu nehmen. Denn schließlich geht es in der Elternschaft nicht darum, dass man gemocht wird. Sondern darum, seiner Verantwortung gerecht zu werden. Ein Freundschaftsverhältnis ist demnach hinderlich. Im Sinne der Liebe.“

Das Video beschäftigte mich lange, veranlasste mich zum Nachdenken und zur Strukturierung meiner Gedanken zum Thema Beziehungsqualität.

Was ist Gleichwürdigkeit?

Die Schöpferin des Videos hatte wohl ungefähr Folgendes auf dem Herzen: „Liebe Eltern! Habt den Mut, euch auf Konflikte mit eurem Nachwuchs einzulassen. Scheut diese nicht. Das seid ihr euren Kindern schuldig. Sie brauchen keine Ersatz-Freunde, sondern authentische, richtungsweisende Eltern. Schlechtes Gewissen hat dabei keinen Platz.“

Die Botschaft ist nicht neu. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul plädiert in seinen Werken seit Jahren für ein „Nein aus Liebe“ und setzt sich für ein gesundes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ein. Für ein Verhältnis, in dem Eltern sich nicht autoritär gebärden, in dem sie sich aber auch nicht ihrer Verantwortung entziehen und ihre Kinder sich selbst überlassen. Für ein Verhältnis, das auf Gleichwürdigkeit beruht:

„Gleichwürdig bedeutet nach meinem Verständnis sowohl »von gleichem Wert« (als Mensch) als auch »mit demselben Respekt gegenüber der persönlichen Würde und Integrität des Partners«. In einer gleichwürdigen Beziehung werden Wünsche, Anschauungen und Bedürfnisse beider Partner gleich ernst genommen und nicht mit dem Hinweis auf Geschlecht, Alter oder Behinderung abgetan oder ignoriert. Gleichwürdigkeit wird damit dem fundamentalen Bedürfnis aller Menschen gerecht, gesehen, gehört und als Individuum ernst genommen zu werden.“ (Jesper Juul: Was Familien trägt. Kösel-Verlag. 2006)

Konflikte gleichwürdig austragen

Eltern und ihre Kinder sind also gleich. Sie sind Menschen. Und zwar von Geburt an und immer. Auch ihre Bedürfnisse und Meinungen haben denselben Wert, was ausschließen sollte, sie  zu ignorieren oder zu verunglimpfen. Das bedeutet natürlich nicht, dass alle Wünsche immer erfüllt werden können bzw. müssen. So kommt es in intakten Beziehungen immer wieder zu Konflikten. Zwangsläufig. Doch warum fällt es oft so schwer, Konflikte zuzulassen?

In den vergangenen drei Jahren habe ich sehr viel „Herz- und Hirnforschung“ betrieben.

Dabei habe ich entdeckt, dass sich in mir hartnäckig der Glaube hält, Konflikte seien „etwas Schlechtes“.

Ich wage zu behaupten, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Vielleicht weil viele in ihrem Heranwachsen nicht erleben und erlernen durften, dass und wie man Konflikte gleichwürdig lösen kann. So kann man Nein sagen, ohne zu verletzen und zu beschämen. So kann man aller Bedürfnisse wahrnehmen und ernstnehmen. Und dann entscheiden. Unabhängig vom Gutdünken des Beziehungspartners.

Wenn die Urheberin des Videos das damit ausdrücken wollte, dann bin ich ihrer Meinung. Doch wird Gleichwürdigkeit in Familien wirklich praktiziert? Kann dieser „Ansatz“ – wie es mit so vielen Konzepten passiert – auch falsch ausgelegt werden? Und schließt all dies tatsächlich eine Freundschaft mit dem eigenen Kind aus?

Die Facetten der Freundschaft

Freundin meines Kindes - meinefamilie.atFreundschaft ist ein großer Begriff. Eine Freundschaft hat – wie jede Beziehung – viele Schichten und erfüllt verschiedene Funktionen. Ein Freund ist für mich zum Beispiel jemand, dem ich meine Sorgen erzähle, den ich mitternachts anrufe und um Verständnis oder Absolution für ein absolut widersinniges Verhalten meinerseits bitte, mit dem ich vielleicht mal abends einen Trinken gehe, mit dem ich mich intellektuell austausche. Kann und will ich diese Aspekte der Freundschaft auch in der Beziehung zu meinem dreijährigen Sohn finden? Nein, natürlich nicht.

Wenn ich allerdings an einen guten Freund als jemanden denke, mit dem ich ungeniert lachen kann, mit dem ich auch mal ausgelassen, laut und irrational sein darf, mit dem ich singen, tanzen, malen oder einen Spaziergang machen kann, mit dem ich versuche, achtsam und respektvoll umzugehen, mit dem ich ehrlich sein möchte – tja, wenn ich diese Bausteine einer Freundschaft betrachte, dann sieht die Sache anders aus. Denn diese möchte ich nur zu gern auch in der Beziehung mit meinem Sohn wiederfinden und kultivieren.

Konflikte vermeiden, um sich geliebt zu fühlen?

Konflikte zuzulassen und konstruktiv zu durchleben – das fällt mir oft nicht leicht. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch und fühle mich schnell abgewiesen. Da liegt noch ein großes Stück Arbeit vor mir. Arbeit an meinen verinnerlichten Vorstellungen, an meiner Art, mich selbst zu sehen. Früher ging es in vielen meiner Beziehungen darum, möglichst nicht anzuecken, um mich des Wohlwollens der anderen zu versichern. Seit der Geburt meines Sohnes haben sich meine Wertigkeiten und Werte sehr verändert. Ganz automatisch passierte es, dass ich mich positionierte und für meine Überzeugungen eintrat. Mit allen möglichen Konsequenzen.

Ob mich mein Sohn mag oder nicht, war eigentlich nie die zentrale Fragestellung in unserer Beziehung.

Oder umgekehrt: Ich hatte nie Angst, dass er mich nicht mehr lieben könnte, wenn ich eine Entscheidung treffe, mit der er nicht zufrieden ist. In Auseinandersetzungen mit ihm beschäftigt mich viel mehr die Frage, ob ich ihm vielleicht – durch Scheuklappen- und Kontrolldenken – Unrecht tue, das seinem Verhalten wahrhaft zugrundelegende Bedürfnis nicht erkenne und durch diese Unachtsamkeit seine Souveränität und Integrität verletze.

Ein achtsamer Umgang – eine Herausforderung

Die Idee der Gleichwürdigkeit berührt mich sehr. Allerdings hege ich die Befürchtung, dass sie oft leichtfertig im Sinne des Erwachsenen ausgelegt und das Zurückstellen des Bedürfnisses primär auf Seiten des Kindes verlangt wird. In einem Alter, in dem der Nachwuchs entwicklungsbedingt dazu noch gar nicht in der Lage ist. Was wiederum Konflikte zusätzlich anheizen kann. Nein, mein Sohn muss mit mir, meinen Stimmungen und Ideen nicht immer einverstanden sein. Das geht ja auch gar nicht. Schließlich bin ich ein lebendiges Lebewesen, das sich verändert, entwickelt, Grenzen hat. Zwangsläufig werden diese immer mal wieder mit jenen meines Sohnes kollidieren. Solange die Kollision in respektvollen und achtsamen Bahnen verläuft, ist das für mich in Ordnung. Es beinhaltet für mich aber auch, dass ich bereit bin, meinen Standpunkt zu hinterfragen, dass ich fähig bin, eine andere Perspektive – jene meines Sohnes – einzunehmen und für mich zu klären: Ist mir das jetzt wirklich so wichtig? Handelt es sich bei meiner Reaktion nicht vielleicht um ein altes Verhaltens- und Gedankenmuster, das ohnehin überprüft werden sollte? Gibt es eine Möglichkeit, beider Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen?

Sehr heilsam und gewinnbringend erlebe ich es auch, mich in Großzügigkeit und Geduld zu üben. Bis mein Sohn neurologisch überhaupt zu Empathie und Rücksichtnahme fähig ist. Und darüber hinaus. Hierbei hilft mir immer wieder die Praxis der Achtsamkeit, so wie Myla und Jon Kabat-Zinn sie beschreiben:

„Üben Sie sich in einer selbstlosen Haltung, indem Sie die Bedürfnisse Ihrer Kinder, wann immer möglich, über Ihre eigenen stellen. Versuchen Sie dann zu sehen, ob es vielleicht doch gemeinsamen Boden gibt, so dass auch Ihre eigenen wahren Bedürfnisse erfüllt werden können. Sie werden möglicherweise überrascht sein, wie viele Überschneidungen es tatsächlich gibt, insbesondere, wenn Sie geduldig sind und sich um ein Gleichgewicht bemühen. […] Es gibt sehr wichtige Situationen, in denen wir uns darin üben müssen, unseren Kindern gegenüber klar, stark und unmissverständlich zu sein. Bemühen Sie sich darum, in solchen Fällen, so gut Sie können, aus Gewahrsein, Großzügigkeit und Unterscheidungsvermögen heraus zu handeln, statt aus Angst, Selbstgerechtigkeit oder dem Bedürfnis, die Situation zu kontrollieren. Achtsamkeit bedeutet nicht, dass wir als Eltern übermäßig nachsichtig, nachlässig oder schwach sind, und ebensowenig, dass wir rigide und dominant sind und alles kontrollieren.“ (Myla und Jon Kabat-Zinn: Mit Kindern wachsen. Arbor. 2013)

Freundin meines Kindes? Was mir wichtig ist

Will ich nun also Mutter oder Freundin für meinen Sohn sein? Nun, mein Sohn soll mich in erster Linie als Mensch und Individuum – als Susanne Sommer – erkennen, spüren und erleben. Er soll wissen, was mir wirklich (!) wichtig ist (viele Nichtigkeiten, an denen ich Jahre meines Lebens festhielt, konnte ich als solche identifizieren und sausen lassen). Er soll spüren, dass ich mich für bestimmte Dinge einsetze, mich engagiere. Er soll mich in all meinen Facetten kennenlernen dürfen. Freudig, traurig, wütend, zufrieden, niedergeschlagen, neugierig, bockig, großzügig, ungeduldig, lebensfroh, ängstlich. Auch zweifelnd, unwissend. Er soll wissen, dass ich großes Interesse an ihm habe. Dass es eine Freude für mich ist, ihn wachsen zu sehen. Dass ich ihn immer liebe, so wie er ist. Und tief in meinem Inneren weiß ich: Er liebt mich auch – mit all meinen Vorzügen und Macken!

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.


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