20. September 2016

Warum ich meinem Sohn gerne helfe, wenn er das will

Erziehung zur Selbstständigkeit - meinefamilie.at

Auf dem Spielplatz verweigern, das Kind auf das Klettergerüst zu heben? Oder ihm genau dadurch neue Erlebnisse ermöglichen? Gedanken über die Erziehung zur Selbstständigkeit und welche Rolle Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen und der Umgang mit Frustration dabei spielen.

Die Entwicklung von Selbstständigkeit hängt eng damit zusammen, ob Kinder autonome Entscheidungen treffen (dürfen). Sehr häufig passiert allerdings ein Eingreifen von außen in ihre Aktivitäten, die bewusste (Ab-)Lenkung ihrer Aufmerksamkeit und Interessen. Oft werden Kinder von ihren selbst-motivierten Versuchen, eine Leiter zu erklimmen, eine Rutsche raufzuklettern, von einer Erhöhung zu springen, schlicht und ergreifend abgehalten oder es wird ihnen – unaufgefordert – geholfen. Das Paradox dabei: Bittet ein Kind um Hilfe beim Erklimmen, wird diese gerne mit Erklärungen und Beschämungen wie „Das müsstest du doch schon selbst können; du bist doch kein Baby mehr“ verwehrt.

Beschleunigen oder Bremsen von Entwicklung: Führt das zu Selbstständigkeit?

Auch wenn es gewiss nicht böswillig passiert: Auf Spielplätzen (und in vielen anderen alltäglichen Situationen) lässt sich oft beobachten, dass Kinder gar nicht so oft um Hilfe bitten.

Meist sind es die Erwachsenen, die ihre gut gemeinte Hilfe zuteil werden lassen, obwohl sie nicht danach gefragt wurden.

So werden kleine (und große) Kinder zielstrebig auf Klettergeräte gehievt, die sich die Begleitpersonen auserkoren haben, obwohl die Kinder keinerlei Anzeichen dafür gegeben haben (bzw. sehr deutlich zeigen, dass sie das gar nicht möchten). Gerne werden sie auch dazu angehalten, in bestimmter Weise (lieb und brav) an bestimmter (also an ungefährlicher) Stelle zu spielen. Auch entscheiden Erwachsene rigoros, ob Kinder für etwas „zu klein oder zu groß“ sind, ob sie eine Aufgabe schon bewältigen können, ob eine Spielidee „nur etwas für Babys“ sei. Außerdem gehen Kinder oft unter in einem Meer aus Prophezeiungen à la „Du fällst da sicher runter. Das ist nichts für dich.“

Soziale Kontakte garantieren keine Selbstständigkeit

Erziehung zur Selbstständigkeit - meinefamilie.atHäufig werden Kinder auch dazu gedrängt, „mit andern Kindern zu spielen“. Denn das offene Zugehen auf andere Kinder scheint ein eindeutiger Beweis für erreichte Selbstständigkeit zu sein. Der Kontakt mit anderen Kindern wird von vielen Experten als essentiell für die gesunde Entwicklung und Sozialisierung von Kindern gesehen und propagiert. Doch sind Kinder Menschen – unterschiedlich und individuell. Manche sind kontaktfreudig, manche eben nicht. Kinder zu etwas zu bewegen, wofür sie nicht bereit oder veranlagt sind, wirkt sich eher hinderlich auf die Entwicklung ihrer Selbstständigkeit aus.

Die renommierte amerikanische Autorin und Psychologin Naomi Aldort dazu: „Das Spielen mit Kindern ist für sich genommen noch kein Zeichen für Selbstständigkeit. Kinder, die miteinander spielen, haben sich aus eigenem Antrieb dafür entschieden oder nicht. So spielen einige unfreiwillig mit anderen; sie geben dem Druck der Gleichaltrigen oder der Eltern nach; andere entscheiden sich wieder durchaus unabhängig von anderen. Selbstständigkeit zeigt sich nicht dadurch, was das Kind tut oder mit wem es zusammen ist. Selbstständigkeit hat etwas mit unabhängiger Entscheidung zu tun, etwas zu machen oder nicht.“

Wenn mich mein Sohn (3) fragt, ob ich ihn auf das Piratenboot-Klettergerüst hebe (das einzige Spielgerät auf diesem trostlosen Gelände namens Spielplatz, versehen mit Sprossenabständen, die Spagat-Niveau voraussetzen), dann mache ich es, ohne mir auch nur den geringsten Gedanken über Erziehung zur Selbstständigkeit zu machen. Oben angekommen, kann er sich dann – ohne meine Hilfe – selbst ausprobieren. Er wackelt über die Hängebrücke, wagt sich Schritt für Schritt über das Kletternetz, wägt ab, ob er gleich rutscht oder vielleicht erst später. Ob er auf dem Bauch liegend oder doch sitzend rutscht. Ob er seine Schuhe dabei auszieht oder nicht. Und so weiter. Würde ich ihm meine Hilfe an der untersten Sprosse verwehren, beraubte ich ihn unzähliger weiterer Möglichkeiten zur Erprobung seiner Kompetenz. Und ich versagte ihm die Erfahrung, dass mich seine Bedürfnisse interessieren und ich ihn in seinem ihm eigenen Tempo gerne begleite.

Die Sache mit dem Frust

Die Sehnsucht nach früher Selbstständigkeit von Kindern lässt viele Eltern auch glauben, dass der Weg in die Unabhängigkeit und ins „wahre Leben“ zwangsläufig über Frustration führen muss. Der kompetente Umgang mit Frustration sei notwendig, um zu echter Reife zu gelangen und das Leben meistern zu können. Ja, davon bin ich überzeugt. Ironischerweise entdecke ich bei den wenigsten Erwachsenen einen vorbildlichen Umgang mit Frustration und hege gewisse  Zweifel, ob es wohl mit deren Reife so weit her ist. Wenn ich über meine eigene Frustrationstoleranz und dazu gehörende Bewältigungsstrategien sinniere, komme ich nicht um ein Schmunzeln herum. Deshalb folgende Frage:

Ist es wirklich notwendig, meinen Sohn absichtlich zu frustrieren (indem ich ihn zum Beispiel nicht auf das Piratenboot-Klettergerüst hebe), nur um ihm zu demonstrieren, dass das Leben nun mal kein Wunschkonzert ist?

Nein, das glaube ich zutiefst nicht. Das Leben in seiner Vielfalt bietet meinem Sohn schier unendliche Möglichkeiten, um zu erfahren, dass nicht immer alles so läuft, wie er es gerne hätte (das Eis-Geschäft hat schon zu, Oma ist nicht zu Hause, Papa kommt später heim, uvm.). Auf meinem Stundenplan in Sachen „Frustrationslehre“ steht demnach: Das Leben ist die beste Schule. Das genügt.

Achtsame Elternschaft und Selbstständigkeit

Heutzutage ist es für Eltern nicht einfach, ihren persönlichen Weg zu finden. Ratschläge verwirren zumeist, stören das intuitive Empfinden und machen Druck. Mir haben beim Aufspüren meines Beziehungsverständnisses Vordenker wie Marshall B. Rosenberg (Stichwort: Gewaltfreie Kommunikation) und Alfie Kohn (Stichwort: Liebe ohne Bedingungen, Strafe und Belohnung) sehr geholfen. Ich liebe ihr Credo: Als Eltern brauchen wir nicht perfekt zu sein. Wir sollten nur zunehmend weniger dumm sein.

Das bedeutet für mich, dass ich mir meiner Denkmuster, Reaktionen und Glaubenssätze bewusst werde. Dass ich offen bleibe und bereit bin, mir neue Strategien anzueignen. Dass ich mir so viel Zeit und Muße für meine Mutterschaft nehme, dass ich sie in friedenstiftender Weise führen kann. Und dazu gehört für mich auch das Vermeiden von unnötiger Frustration – einer Frustration, die vorhersehbar ist und häufig durch mein eigenes Verhalten oder irrationale Erwartungen ausgelöst wird. Es ist nicht verwerflich, vorausschauend zu agieren, „schwierige“ Momente und Situationen zu umschiffen, Erlebnisse auszusparen und auf einen späteren Zeitpunkt in der Entwicklung des Kindes zu verschieben.

Mein Weg der Erziehung zur Selbstständigkeit

Inkonsequent sein

Ich habe keine Rezepte (bzw. löse mich immer mehr davon). Ich versuche, jede Situation achtsam zu erleben, zu erspüren, was mein Sohn oder ich gerade brauchen, worauf es in diesem speziellen Moment wirklich ankommt. Somit handle ich nie immer gleich, sondern wäge stets ab. Ein Hoch auf die Inkonsequenz!

Erwartungen überdenken

Ich versuche immer, Alter, Entwicklungsstand und Verfassung meines Sohnes zu berücksichtigen. Wenn er in einer für mich nicht verständlichen oder wünschenswerten Art und Weise reagiert, handelt es sich meist um ein entwicklungsbedingtes „Nicht-Können“, nicht um ein „Nicht-Wollen“. Ich sehe es als meine Aufgabe, Erwartungen (durch mich oder das Umfeld) zu überdenken und loszulassen.

Umgebung anpassen

Ich kann und darf jederzeit die „Umgebung“ meines Sohnes verändern oder anpassen. Wenn mein Sohn jedes Mal frustriert ist, weil er nicht auf das Klettergerüst hinaufkommt (und ich ihm – aus welchem Grund auch immer – nicht helfen will oder kann), dann könnte ich zum Beispiel einfach den Spielplatz wechseln. Oder ganz auf künstlich erschaffene Spielwiesen verzichten. Stattdessen könnte ich ihm Aufenthalte in der rohen, ungeplanten, unstrukturierten Natur bieten (wie im Wald oder im Garten), und er könnte sich „Aufgaben“ auserwählen, die seiner aktuellen Entwicklung entsprechen.

Aus den Augen des Kindes

Und was hat das nun mit der Genese von Selbstständigkeit zu tun? Je mehr ich Situationen mit den Augen meines Sohnes betrachten und je flexibler und kreativer ich mit seinen und meinen Bedürfnisse umgehen kann, desto weniger Frust gibt es in unser beider Leben. Desto reicher wird die Palette an freudvollen Möglichkeiten. Desto kompetenter und wirkungsvoller erlebt er sich selbst, nach dem Motto: „Hey, das Leben ist bewältigbar. Ich finde immer eine Lösung!“ Desto wohlwollender, vitaler und unterstützender kann ich mit tatsächlich nicht-vermeidbarer Frustration umgehen. Desto eher wird mein Sohn wertvolle, nicht-reaktive Bewältigungsstrategien übernehmen. Und somit einen weiteren eigenständigen Schritt im Abenteuer namens Leben tun.

Im dritten Teil dieser Auseinandersetzung werde ich mich dem Zusammenhang zwischen bedingungsloser Liebe und der Entwicklung von Selbstständigkeit widmen. Bald gibt’s mehr zu lesen!

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.


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