12. Mai 2016

Spannungsfeld zwischen Grenzen und Freiheit

Erziehung zur Freiheit - meinefamilie.at

Erziehung zur Freiheit braucht Ehrfurcht und Liebe, braucht Grenzen-Setzen und Freiheit-Lassen, je nachdem, was gerade dran ist.

Kennen Sie das? Manche Tage beginnen schon in der Früh mit Machtkämpfen: „Ich will noch nicht aufstehen“, „Das Butterbrot schmeckt grauslich“, „Meine Lieblingshose ist in der Wäsche“ und „Eigentlich will ich lieber zu Hause bleiben“. Ja, das kennen Sie bestimmt! Das könnten wohl auch ihre Kinder sein, die so reden.

Wir meinen jetzt aber nicht die Kinder. Wir meinen, ob Sie das von sich kennen.

„Ich will noch nicht aufstehen!“ Na klar, geht uns allen manchmal so, dass wir den Morgen mit einem Machtkampf beginnen – keinen Machtkampf mit der Mutter oder dem Vater, sondern mit uns selbst: „Komm jetzt Mädchen, raus mit dir!“ – „Nur noch zwei Minuten…“

Als Kind lernen, die Pflicht zu erfüllen

Weil Sie ein braves Mädchen / ein braver Junge sind, werden Sie nach den zwei Minuten (vielleicht auch erst nach fünf) aufstehen und ihre Pflicht erfüllen. Und warum tun Sie das? Weil Sie es als Kind gelernt haben. Da haben Sie nicht mit sich selbst, sondern mit den Eltern gekämpft, und irgendwann war klar: Manche Dinge muss man einfach tun oder hinnehmen, auch wenn sie einen gerade nicht freuen.

Kinder brauchen Eltern, mit denen sie kämpfen können.

Dabei kann es nicht darum gehen, das Recht des Stärkeren durchzusetzen, sondern, so sagt Pater Kentenich: „Die Forderungen (die wir an die Kinder stellen) müssen allesamt von der Liebe inspiriert sein“.

Das Ziel der Erziehung ist, „den freien Willen des Menschen frei in Bewegung zu setzen“ (P. Kentenich). Das ist ein ziemlicher Spagat, den wir Eltern da immer wieder hinbekommen müssen, den Spagat zwischen Forderungen bzw. Grenzen und Freiheit. Da wird deutlich, warum Kentenich sagt: „Erziehung ist selbstloser Dienst am eigenständigen Leben“. Erziehung ist weder etwas für Softies noch für Despoten.

Erziehung braucht Zeit

Kentenich unterscheidet zwischen „Zustands-Pädagogik“ und „Bewegungs-Pädagogik“, je nach Situation brauchen Eltern die eine oder die andere.

Zustands-Pädagogik stellt mit Hilfe äußerer Autorität schlagartig einen gewünschten Zustand her. Ein Beispiel: Termin beim Kinderarzt. Sie müssen jetzt dringend gehen, um nicht zu spät zu kommen. Das Kind will seine Schuhe nicht anziehen. Nachdem Sie jetzt keine Zeit haben, schnappen Sie das Kind, ziehen ihm die Schuhe an, setzen es ins Auto und fahren los – das Geschrei des Kindes so gut es geht ignorierend. Zustands-Pädagogik ist keine Erziehung, sondern das Herstellen eines Zustands. Manchmal ist Zustands-Pädagogik aber notwendig. Wir denken jetzt an Fälle, wo es für das Kind gefährlich wird – zum Beispiel, wenn das Kind über die befahrene Straße laufen möchte und ich es einfach davon abhalten muss.

Kentenich:

„Bewegungs-Pädagogik sucht das Idealstreben (des Kindes) zu wecken und im Laufe einer langsamen Entwicklung in den Idealzustand hineinzuführen“.

Da wird klar: Bewegungs-Pädagogik braucht Zeit. Zeit, die wir oft nicht haben. Und dann ist es verlockend, mit Zustands-Pädagogik zu agieren. Wenn Sie damit erfolgreich über die Runden kommen, dann wird das Kind daraus lernen, dass man ungeliebte Dinge nur tun muss, wenn man von anderen dazu gezwungen wird. Wenn das Kind erwachsen ist und einmal einen morgendlichen Machtkampf mit dem inneren Schweinehund ausfechten muss, wird dieser wohl gewinnen. Es ist ja niemand da, der von außen einen Zwang ausübt. Und noch schlimmer: wenn jemand Druck auf solch einen Menschen ausübt.

Autorität und Freiheit ist kein Widerspruch

Autorität ohne (oder fast ohne) Zustands-Pädagogik, Grenzen setzen ohne Zwang, Autorität und Freiheit – sind das nicht Widersprüche? Wie geht das zusammen?

Kentenich unterscheidet zwischen innerer und äußerer Autorität. Äußere Autorität getrennt von innerer Autorität ist wie Befehlsgewalt: „Weil ich der Vorgesetzte bin, schaffe ich dir das an, und du tust das gefälligst.“ Innere Autorität beschreibt Kentenich folgendermaßen: „Innere Autorität beruht im schöpferisch selbstlosen Dienst am fremden Leben. Autorität haben heißt unter diesem Gesichtspunkt: autor oder auctor esse, das heißt Urheber und Förderer fremden eigenständigen Lebens zu sein.“ Als Eltern haben wir von Gott die Aufgabe der Erziehung unserer Kinder übertragen bekommen. Wir agieren mit innerer Autorität, solange wir diese Autorität nicht losgelöst von Gott sehen.

Was braucht mein Kind jetzt von mir?

Soweit die Definition, aber wie geht das jetzt?

Schauen wir zunächst noch einmal auf das Erziehungsziel: eine starke Persönlichkeit erziehen, die sich frei entscheiden kann.

Das ist zum Beispiel eine Person, die am Morgen gegen den inneren Schweinehund ankämpft, der noch nicht aufstehen will, oder eventuell umgekehrt gegen den inneren Pflichten-Oberst, der sagt: „Vergiss die 40 Grad Fieber, raus mit dir“. An diesem Beispiel sehen wir schon, dass nicht immer sofort klar ist, aus welcher Ecke ein Machtkampf kommt, bzw. was die Ursache einer Weigerung oder eines so genannten „Fehlverhaltens“ ist. Wenn wir das mit den 40 Grad Fieber betrachten, dann ist es ja überhaupt kein Fehlverhalten, wenn man im Bett bleibt, im Gegenteil. Deswegen ist es so schwer, Erziehungsrezepte zu definieren (auch wenn sie sich sehr gut verkaufen).

Die wichtigste Erziehungsmethode im Zusammenhang mit der Bewegungs-Pädagogik ist: lebendige Fühlung halten. Das bedeutet ständiges Beobachten und Spüren: Was braucht mein Kind (dieses konkrete Kind) jetzt von mir? Und dann entsprechendes Agieren: „Komm, mach jetzt kein Theater!“ oder „Ja das Brot ist schon etwas alt, schmeckt nicht mehr so gut. Aber wir wollen kein Essen wegwerfen“ oder ein schlichtes Fragen, um mehr zu erfahren: „Warum willst du nicht in den Kindergarten gehen?“

Die Schritte zum Ziel

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Kinder zu starken, freien Persönlichkeiten erziehen

Versuchen Sie immer das Ziel vor Augen zu haben: eine freie, starke Persönlichkeit zu erziehen. Und alle Spannungen, die auftreten, sind Schritte zu diesem Ziel. Diese Spannungen, die durch das Kind an uns herangetragen werden, z.B. wenn es sich weigert etwas zu tun, die machen etwas mit uns.

Die Spannungen sind nicht leicht auszuhalten, für sensible Typen schon gar nicht.

Auch das ist lebendige Fühlung: Ich spüre diese Spannung auch in mir. Da steigt Ärger hoch, Sorge, vielleicht auch Angst. Auf jeden Fall bringt das meinen Zeitplan durcheinander. Die Spannung im eigenen Herzen wahrzunehmen ist gut, und dann merken: In meinem Kind ist ebenfalls eine Spannung. Und jetzt darf ich beobachten und forschen: Was ist da los? Was brauchst du jetzt von mir?

Eine Arbeitskollegin hat bei ihrem 1. Kind ganz stolz erzählt: „Stellt euch vor, heute hat er sein erstes Häferl hinunter geworfen“. Das ist jetzt bestimmt 30 Jahre her, aber es ist mir in Erinnerung geblieben, weil ich mir gedacht habe:

Es ist schön, wenn man sich über jede Lebensregung des Kindes freuen kann, auch wenn es Scherben gibt, auch wenn der Zeitplan durcheinander kommt.

Zuerst Zeit investieren, dann Zeit gewinnen

Apropos Zeitplan. Da fällt uns immer das Sprichwort ein: Wer ernten will, muss zuerst säen. Auf die Zeit bezogen könnte man sagen: Wer Zeit gewinnen will, muss zuerst Zeit säen, Zeit investieren. Dazu noch einmal das oben schon genannte Zitat von Kentenich: „Bewegungs-Pädagogik sucht das Idealstreben (des Kindes) zu wecken und im Laufe einer langsamen Entwicklung in den Idealzustand hineinzuführen.“ Wenn wir da noch einmal auf das Beispiel mit dem Termin beim Kinderarzt schauen, dann wäre der Idealzustand, dass das Kind versteht, dass der Termin beim Kinderarzt wichtig ist, dass er nicht wartet und man deswegen kein Theater beim Anziehen machen kann. Das kann man natürlich einem 3-jährigen nicht so erklären – zumindest wird er es nicht verstehen. Eltern können jedoch wissen, welcher Typ Typ das Kind ist. Einfaches Beispiel:

Braucht das Kind längere Zeit um sich auf eine Veränderung einzustellen, muss ich ihm den Arzttermin rechtzeitig ankündigen.

“Mach kein Theater!”

Wir kennen eine Familie mit vier Kindern, die wir sehr bewundern. Da wird nie ein Theater gemacht, auch und vor allem von den Eltern nicht. Sollte einmal ein Kind quengeln, dann heißt es vollkommen ruhig und unaufgeregt: „Mach kein Theater!“, und das war’s. Wir haben uns gefragt, wieso das so funktioniert. Wir haben das der Unaufgeregtheit zugeschrieben. Erziehung ist dort ein normaler, ruhiger Vorgang, das scheint sich auf die Kinder zu übertragen.

Wir leben in einer aufgeregten Zeit. Aufreger in den Zeitungen, Serien mit viel Drama im Fernsehen. Die Massenmedien können nicht von Unaufgeregtheit leben. Das wäre ja fad und keinen würde es interessieren. Gefährlich, wenn wir das auf unser Familienleben übertragen und alles dramatisch nehmen. Dass mein Kind etwas nicht tun will, ist normal. Dass ich Grenzen setzen muss, ist normal.

Dass es Spannungen gibt, ist normal. Manchmal muss man dann zu sich selber sagen: „Mach kein Theater draus“.

Sensible Typen tun sich da natürlich schwerer. Da kann es hilfreich sein, die Aufregungen das Tages der Gottesmutter Maria hin zu legen und sie zu fragen: Wie siehst du das, Gottesmutter? Sie ist sehr verständnisvoll und auch ziemlich unaufgeregt.

Erziehung zur Freiheit braucht Ehrfurcht und Liebe, braucht das Grenzen-Setzen und Freiheit-Lassen, je nachdem, was gerade dran ist. Manchmal braucht es ein „Mach kein Theater“, manchmal ein verständnisvolles Nachfragen „Was ist denn los?“, manchmal ein ernstes „So geht das nicht!“ und manchmal ein Schweigen, aber alles immer getragen durch die lebendige Fühlung, die alle Regungen des Kindes durch das eigene Herz gehen lässt.

Das ist das Anstrengende und Schöne an der Erziehung: Sie wird niemals fad.

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Familie als Berufung erschienen. Autoren sind diesmal Hertha & Martin Schiffl, Familientrainer aus Wien. 

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