28. Februar 2018

Erwartungen unserer Mitwelt

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Es gab zwei Standard-Fragen, die meinen Mann, in den ersten Lebensjahren unseres Sohnes regelmäßig aufregten. „Schläft er schon durch?“ und „Ist er schon sauber?“ Diese, auf den ersten Blick harmlosen Fragen von unserer Verwandt- und Bekanntschaft, aber auch von wildfremden Menschen, empfand er nicht als Anteilnahme, sondern als Leistungsdruck.

Mich dagegen nervten die alten Damen, welche mir in der Warteschlange von Billa, Apotheke oder Co Vorträge darüber hielten, ich müsse meinen Sohn im Winter wärmer anziehen. Die Information, dass ich ihm gerade erst Haube und Handschuhe ausgezogen hatte damit er im Warmen nicht schwitzt, kam nie an, da ich gar nicht zu Wort kam.

Selbst als die Vertretung unserer Kinderärztin von mir verlangte meinen Sohn vor ihren Augen zu stillen, da unser Frühgeborener ihrer Meinung nach unterernährt sei, blieb ich noch ruhig. Unsicher wie ich damals war, schaffte ich es nicht, ihr klar zu machen, dass wir dreimal in der Woche von einer (MOKI) Mobilen Krankenschwester unterstützt wurden, die sehr zufrieden mit seiner Gewichtszunahme war. Und obwohl alle wichtigen Körperfunktionen unseres Sohnes während unseres Spitalaufenthaltes oftmalig untersucht worden waren, ging ich brav zur völlig unnötigen und stressigen Herzuntersuchung, die die Ärztin anordnete.

Unangebrachte Ratschläge verunsichern

Meist ungebeten, werden wir mit Erwartungen überfrachtet, die von unserer Mitwelt als Interesse und Anteilnahme eingestuft werden, für uns jedoch klare Grenzüberschreitungen sind. Vor allem junge Mütter und Erstgebärende lassen sich von Ärzten, anderen Meinungen und „Modeerscheinungen“ oft verunsichern.

Grenzen setzen

Mein persönlicher Wendepunkt war der Moment, indem mich unsere MOKI fragte, ob ich überhaupt stillen möchte. Entsetzt sah ich sie an und meinte: „Darf ich das denn überhaupt selbst entscheiden?“ Das Spital hatte mir die Weisheit, dass Muttermilch im Allgemeinen, besonders jedoch für Frühchen sehr wichtig ist, gut genug eingeimpft.

Doch in all der Aufopferung für unseren Sohn übersah ich, dass ich nach einer schweren Präeklampsie (Gestose) diejenige war, die dringend Unterstützung benötigte. Bluthochdruck bis 200 im Endstadium, Wasser in der Lunge, Kaiserschnitt, 3 Nächte Intensivstation, eine Punktion, all das hatte nicht nur körperliche Spuren hinterlassen.

Ich bin unserer damaligen MOKI immer noch dankbar dafür, dass sie mir bewusstmachte, dass letztendlich ich entscheide, was mir und unserem Kind guttut. Denn die Logik, dass ich gesund und stark viel besser für unseren Sohn sorgen kann als krank und geschwächt, übersieht man im Alltag oft. So stillte ich nach drei Monaten ab, überließ die Nachtfläschchen meinem Mann und nützte die so freigewordene Energie dafür selbst zu heilen. Und siehe da, unser Frühchen gedieh auch mit Fertigmilch prächtig. Heuer beginnen wir mit der Schule und keiner, der es nicht weiß, würde ein ehemaliges Frühchen in unserem Sohn vermuten. Groß, gesund und quicklebendig! Keine Spur mehr von dem Knochenbündel von damals.

Auf sich selbst vertrauen

Dieser eine Moment mit „meiner MOKI“ hat mich geprägt und selbstbewusster gemacht. Mittlerweile ist es für mich eine Selbstverständlichkeit ärztliche und behördliche Meinungen zu hinterfragen und selbst Entscheidungen zu treffen, sehr zum Wohle unseres Sohnes. Sei es das Thema Impfungen, Vollnarkose bei Zahnärzten oder Kindergartenwechsel, ich habe keine Scheu
mehr davor, mir alles ganz genau erklären zu lassen um dann – nach Rücksprache mit meinem Mann – eine eigene Entscheidung zu treffen. Notfalls auch gegen den Willen der Ärzte.

Als mich mein Sohn fragte, warum wir die Zahnärztin wechseln, erklärte ich ihm, dass es unser gutes Recht ist, immer eine zweite Meinung einzuholen. Genauso wie Ärzte zu wechseln, wenn wir das Gefühl haben, dass sie unsere Fragen nicht ausreichend erklären oder Eingriffe verlangen, die nicht notwendig, aber risikoreich sind.

Selbstbestimmt handeln

Und genau das möchte ich Ihnen heute mitgeben. Informieren Sie sich, holen Sie zweite Meinungen ein, fragen Sie Freundinnen und besprechen Sie sich mit ihrem Mann. Aber entscheiden Sie selbst! Denn tief im ihrem Herzen, wissen nur Sie am besten, was Ihren Kindern und damit Ihrer ganzen Familie guttut.

Mein Mann hat mittlerweile alle Entscheidungen, die den Kindergarten, Schule, Ärzte oder ähnliches betreffen vollkommen an mich abgegeben, da er erkannt hat, dass ich immer das Beste für unseren Sohn entscheide. Obwohl ich zugebe, dass ich diese Verantwortung und damit verbundene Informations-Arbeit auch manchmal gerne abgeben würde. Die größte Anerkennung jedoch erhielt ich von meinem Sohn, als er mitten im Spiel innehielt, um mir zu sagen, „meinen Kindergarten hast du echt gut ausgesucht“.

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