22. März 2017

Machen wir uns zu viele Sorgen?

Eltern sorgen - meinefamilie.at

„Zieh die Jacke an, sonst wird du krank“ – eine berechtigte Sorge oder ein Ausdruck von Angst? Inwieweit darf Sorge der Eltern sein? Ein etwas anderer Blick auf das Sorgen-Machen.

Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie das Wort „Sorgen“ lesen? Sorgen Sie „sich um“ jemanden oder etwas? Haben Sie Sorge, dass…? Oder sorgen Sie „für“ jemanden oder etwas? Tragen Sie Sorge dafür, dass…?

Das gleiche Wort und eine Welt von Unterschied in der Bedeutung – vor allem, wenn es unsere Kinder betrifft.

Sorge ist Unruhe und Verantwortung

1) Sorge ist entweder ein bedrückendes Gefühl der Unruhe, basierend auf einer subjektiv erwarteten Not, die gedanklich vorweggenommen wird und sich im Denken, Fühlen und Handeln des Besorgten oder Sorgenden auswirkt (sich Sorgen machen).

2) Sorge ist eine Verantwortungsbeziehung zwischen Menschen/Lebewesen, in der sich ein (Für-)Sorgender verantwortlich um ein ihm anvertrautes anderes Wesen kümmert (Fürsorge, Obsorge, Sorgerecht).

Zur Variante 1: Eltern sorgen für ihre Kinder.

Ja natürlich, das ist unsere Verantwortung, unser Bestreben, Bemühen und unser Tun. Jeden Tag von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Das Bemühen um das Wohlergehen unserer Kinder. Und wir tun das gerne und es macht uns in den meisten Fällen Freude. Wir tun etwas, wir helfen, unterstützen, stehen bei, hören zu, versorgen unsere Kinder mit materiellen Dingen wie Essen, Gewand, Spielzeug, Geld sowie mit immateriellen Dingen wie Anerkennung, Bewunderung, Lob und Liebe. Und wir fühlen uns – so es nicht manchmal in Stress ausartet 😉 – gut dabei.

Sorge wegen einer Angstvorstellung

Variante 2: Eltern sorgen sich um ihre Kinder.

Sich um jemanden zu sorgen ist in erster Linie kein Tun, sondern ein Gefühl, eine Befürchtung, eine Angst. Damit versorgt man niemanden. Es ist auch nichts, das in der Gegenwart stattfindet. Sich sorgen bzw. sich Sorgen machen braucht immer eine (vorgestellte negative) Zukunft. „Ich sorge mich (= befürchte), dass du morgen krank im Bett liegst“ oder „ich sorge mich (= befürchte), dass du morgen müde bist“. Jetzt läuft das Kind gerade fröhlich herum, spielt fangen oder was auch immer. Und anstatt sich mit dem Kind zu freuen, sorgen sich Eltern, dass morgen – oder irgendwann in der Zukunft – etwas Unangenehmes passieren wird. Und versuchen es zu verhindern.

Eltern versuchen also das zu verhindern, was sie sich gerade ausgedacht haben, das geschehen könnte.

Klar gehört zum „sorgen für“ auch Beschützen/Schutz bieten dazu. Wenn jemand mein Kind attackiert, beschütze ich es. Wenn es auf die Straße läuft ohne zu schauen, schütze ich es davor, das zu tun. Wieso aber sollte ich mein Kind vor meinen eigenen Gedanken und Vorstellungen schützen? Sind ja meine Gedanken – und daher auch meine Befürchtungen und Ängste. Was kann mein Kind dafür, dass ich mir etwas Schlimmes ausdenke und mich dann davor fürchte, dass es geschieht?

Kleine Kinder können Befürchtungen nicht nachvollziehen

Kleine Kinder wissen nicht, was Zukunft ist. Sie leben immer im Hier und Jetzt und haben keine Ahnung davon, was „morgen“ oder gar „in ein paar Monaten“ bedeutet. Der Gehirnanteil, der zeitliche Abfolgen und abstrakte Vorstellungen für uns „real“ erscheinen lässt, beginnt sich erst ca. ab dem 4. Lebensjahr zu entwickeln und ist mit erst ca. 20 Jahren völlig ausgereift. Sprich, ein kleines Kind kann nicht nachvollziehen, was „morgen“ bedeutet. Somit hat es auch nicht die Möglichkeit, unsere Befürchtungen, so sie eine nur in der Vorstellung existierende zukünftige Situation betreffen, zu verstehen und demgemäß zu handeln. Damit sind Konflikte vorprogrammiert.

„Zieh die Jacke an, sonst wird du krank“ ist ein „Dauerbrenner“ :). In Wahrheit heißt das aber: “Ich habe Angst, dass du krank wirst, zieh also bitte die Jacke an, damit ich mich nicht mehr davor fürchten muss.“

Angst ist kein guter Erziehungsratgeber.

Sie können Ihrem Kind natürlich sagen, dass Sie Angst haben, dass etwas passieren könnte und dass es deshalb (weil Sie Angst haben – nicht weil etwas passieren wird, denn das können Sie ja nicht wissen) etwas tun oder lassen soll. Seien Sie sich aber bewusst, wenn Ihr Kind macht, was sie von ihm verlangen, dann sorgt Ihr Kind für Sie. Denn es macht etwas, das aus seiner Perspektive nicht ihm dient, sondern Ihnen, damit Sie sich besser fühlen.



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