20. Dezember 2016

Wie Kinder zu Leseratten werden

Lesen - meinefamilie.at

Literaturwissenschaftlerin und Mama Gudrun Trausmuth erzählt, wie Eltern ihre Kinder auf dem Weg zu Leseratten begleiten können und gibt Empfehlungen für das Familien-Bücherregal.

Zum Schreiben dieser Zeilen ist heute extra viel Kaffee nötig, denn ich bin ziemlich unausgeschlafen. Der Grund: Zu lange gelesen. Spät ins Bett, aber ein paar Seiten mussten noch sein. Und aus ein paar Seiten sind dann doch ein paar Kapitel geworden. Mir passiert das oft und schon seit Kindertagen. Ich bin eine Leseratte.

Was gibt es Schöneres, als wenn ein Buch so fesselt, dass man es gar nicht aus der Hand legen kann. Und im Gegensatz zum stundenlangen Fernsehen fühlt man sich danach nicht leer und erschöpft, sondern bereichert. Lesen beflügelt die Fantasie, trainiert das Hirn, eröffnet andere Welten und Sichtweisen und kann in manchen Fällen sogar die Psychotherapie ersetzen. Also: Je früher wir zu Lesern werden, desto besser.

Ich habe mich mit Gudrun Trausmuth darüber unterhalten, wie „Erziehung zum Lesen“ funktionieren kann. Sie ist Germanistin, verteilt ihre Bücher auch gerne in der ganzen Wohnung und hat zwei Söhne, die ebenfalls schon auffälliges Leseratten-Verhalten an den Tag legen.

Warum ist es so wichtig, Kindern schon früh die Türe in die Lese-Welt zu öffnen?

Da muss ich zuerst begründen, warum ich glaube, dass es so zentral ist, dass Kinder Leser werden:

Ich glaube, dass die Fähigkeit, aufgrund von Buchstaben Bilder im Geist entstehen zu lassen, für alle möglichen kreativen geistigen Prozesse grundlegend ist – und auch für das geistliche Leben.

Lesen - meinefamilie.atWenn Kinder echte „Leser“ werden sollen, so heißt das, dass sie nicht nur die Technik des Lesens perfekt beherrschen sollen, sondern dass das Lesen Freude oder sogar Leidenschaft wird. Eine Lese-Erziehung, die das zum Ziel hat, beginnt aber nicht erst in der ersten Klasse Volksschule, sondern ganz früh, vielleicht schon mit dem Holzbuch zum ausgiebigen Befingern und endlosen Umblättern, das am Kinderwagen hängt. Oder mit den Büchern, die zu Hause in den Regalen stehen. Ich bin dafür, diese nicht zu sehr von den Kindern abzuschirmen, sondern ein taktiles Verhältnis zuzulassen. D.h. Kinder sollen Bücher als zugänglichen, spannenden Gegenstand erfahren dürfen, nicht als tabubesetzte, fremde Erwachsenen-Sachen.

Ja, und dann beginnt auch schon sehr früh die lange Phase des gemeinsamen Buch-Anschauens – und des Vorlesens. Hier ist von Seiten der Erwachsenen vor allem viel Geduld und Engagement gefragt, denn Kinder lieben die Wiederholung – und beim 77. Mal kann dann „Henriette Bimmelbahn“ von James Krüss mühsam werden… Sie werden aber merken, wie begeistert Ihre Kinder dafür von „ihren“ Lieblingstexten sind: Der Text wird für sie ein richtiges Zuhause, ein vertrauter Raum. Er wird auswendig mitgesprochen und geringste (Abkürzungs)Fehler des Erwachsenen werden streng moniert. Auf jeden Fall ist wichtig, dass die Kinder das (Vor)Lesen von Anfang an als angenehme, exklusive und beziehungsvolle Zeit erleben, dass der Kontakt mit Buch und Text auf diese Weise grundlegend positiv markiert wird. Dann ist der Weg zum Leser schon gut gespurt.

Wie kann ich meine Kinder für das Selberlesen begeistern?

Zunächst einmal: Bitte nicht sofort, sobald die ersten Wörter gelesen werden können, das Vorlesen aufhören.

Lesen - meinefamilie.atSondern parallel zum zunehmenden eigenen Lesen weiter vorlesen; da gibt es sogar mittlerweile Bücher („Erst ich ein Stück, dann du“), die das abwechselnde Lesen (Erwachsene klein gedruckt, anspruchsvollere Sprache, mehr Text und Kinder groß gedruckt, einfacher und weniger) im Druckbild berücksichtigen. Dann das Lesen als Privileg vermitteln: Das Kind darf z.B. am Abend im Bett noch eine Viertelstunde „für sich“ lesen, also eine exklusive, regelmäßige Lesezeit einführen.

Gute Erfahrungen habe ich auch damit, einen Text sowohl als Hörbuch als auch als gedruckten Text Leseanfängern zu geben. Wenn man „Das kleine Gespenst“ schon als Hörbuch kennt, nimmt das einiges an (Lese)Mühe, und das motiviert. Grundsätzlich gilt, das Kind zu begleiten, zu loben, zu ermutigen, ihm Bücher anzubieten, denn: Wer viel liest, liest gut. Wer gut liest, liest gern. Wer gern liest, wird viel lesen. Bis es soweit ist, braucht es vonseiten des Kindes und des Erwachsenen einigen Einsatz, aber der lohnt sich. Ganz wichtig ist es dann natürlich, „das Buch“ zu finden, jenes Werk, das einfach als toll empfunden wird und wo das Kind den Schritt zum freiwilligen Lesen machen kann. Das kann übrigens auch ein „Fastfood-Buch“ sein –bei diesem Schritt bitte nicht zu hohe literarische Ansprüche haben.

Welche Bücher bzw. Autoren sind besonders empfehlenswert?

Bereits mit 2-3 Jahren kann man beginnen, die (textlosen!) Wimmelbücher von Susanne Rotraut Berner gemeinsam anzuschauen und darüber zu sprechen, also die Bilder zu „lesen“. Ab 3 Jahren haben sich dann gereimte Bücher bewährt, einfache Kinderreime oder eben die liebenswerten Bücher von James Krüss, neben „Henriette Bimmelbahn“ gibt’s da auch z.B. „Der blaue Autobus“ etc. Diese Reimbücher sind übrigens auch eine geniale Art der unauffälligen Sprecherziehung. Fürs Kindergartenalter sind auch die Bilderbücher von Leo Lionni („Frederick und seine Mäusefreunde“) oder auch „Mein Esel Benjamin“, ein schon 50 Jahre altes, vor wenigen Jahren neu aufgelegtes Schwarz-Weiß-Foto-Bilderbuch.

Im Volksschulalter sind die Kinderbuchklassiker von Ottfried Preußler („Der Räuber Hotzenplotz“, „Das kleine Gespenst“, „Die kleine Hexe“, „Der kleine Wassermann“) sowie jene von Astrid Lindgren („Wir Kinder aus Bullerbü“, „Michel aus Lönneberga“, „Pippi Langstrumpf“) wichtig. Im späteren Volksschulalter die großen Klassiker der christlichen Kinderliteratur, die siebenbändigen „Chroniken von Narnia“, das habe ich meinen Kinder zuerst vorgelesen (schon ab 6 Jahren), dann kamen die Hörbücher und dann haben sie „Narnia“ selbst gelesen. Ja, dann natürlich müssen auch „Der kleine Lord“ und „Der geheime Garten“ von Francis Hodgsen Burnett im Bücherregal stehen. Ab ca. zehn Jahren die „Schuh-Bücher“ von Noel Streatfield, Erich Kästner, aber natürlich auch die griechische und römische Sagenwelt und Märchen.

Ein besonders nettes Buch, das man als Familie gemeinsam (vor)lesen kann, ist „Ferien auf Saltkrokkan“ von Astrid Lindgren. So ab 10 kann man auch schon „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien lesen, ein ganz großes Buch!

Was ist dein ganz persönlicher Geheimtipp? Das abgegriffenste Kinderbuch in deinem Regal?

„Das große Buch von Brombeerhag“ von Jill Barklem ist sichtlich oft gelesen und angeschaut worden; da geht es um eine Mäusewelt, in der alles Mögliche passiert, toll geschrieben mit wunderbaren klassischen Zeichnungen. Ein richtig bibliophiles Kinderbuch, wie wir es im deutschen Sprachraum leider selten finden – ich würde sagen, Lesealter ab 5, aber ein Buch, das auch Erwachsene lieben. Überhaupt sind richtig gute Kinderbücher auch für Erwachsene ein Gewinn und eine Freude – so wie die Narnia-Bücher, von denen ich uns eigentlich eine neue Ausgabe zulegen sollte, weil die alte Ausgabe schon fast zerfällt ;-).

Gudrun Trausmuth - meinefamilie.atZum Nachhören: Ausführlicheres zum Thema und weihnachtliche Büchertipps von Gudrun Trausmuth auf Radio Maria


Dr. Gudrun Trausmuth ist Germanistin und Literaturwissenschafterin, Ehefrau und Mutter von 2 Söhnen. Seit einigen Jahren gestaltet sie als Mitarbeiterin von Radio Maria vor allem Literatur- und gesellschaftskritische Sendungen. Ausserdem schreibt sie regelmässig in „Die Tagespost“ und anderen Medien und lebt als gebürtige Oberösterreicherin seit dem Studium gerne in Wien. 

 

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EIN ARTIKEL VON
  • Veronika Bonelli

    Nach 10 Jahren Moderation und Redaktion bei Radio Maria habe ich nicht nur das Bundesland (Vorarlberg) gewechselt, sondern auch die Art und Weise, meine Gedanken mit anderen zu teilen (vom Mikro zur Tastatur) Meine Lieblingsthemen sind gleich geblieben: alles rund um die Frage, wie wie unser Leben sinnvoll, kreativ, verantwortlich und mit Freude gestalten können.



1 Kommentare
  • Tanja Aeschlimann, 6. Februar 2017, 9:52 Antworten

    Unser Sohn (10) mag die Bänder von "die Zeitdetektive" die klassiker "Fünf Freunde" und "Max und die wilde 7" Zusammen haben wir gelesen: die Brüder Löwenherz, die unendliche Geschichte und Jim Knopf. Das Lieblingsbuch des älteren Sohnes war "Herr der Diebe" von Cornelia Funke.

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