1. August 2017

Die Aufgabe von Eltern: “Probier doch mal” statt “Ich zeig, wie’s geht”

Wie Kinder lernen - meinefamilie.at

Kinder lernen durch Entdecken und Ausprobieren, nicht dadurch, dass Erwachsene ihnen Lösungen zeigen. Ein Einblick, wie Kinder lernen und wie Erwachsene sie unterstützen.

Das Gehirn kleiner Kinder ist sehr formbar. Große Überschüsse an synaptischen Vernetzungsmöglichkeiten werden zur Verfügung gestellt. Die Zahl der Nervenzellkontakte ist bis zum sechsten Lebensjahr so groß ist wie nie wieder im späteren Leben. Von diesem Überangebot bleiben aber nur jene Verbindungen erhalten, die durch Erfahrungen intensiv genutzt werden. All jene Kontakte, die nicht benutzt wurden, verkümmern wieder. Eigene Erfahrungen haben daher einen immensen Einfluss auf die Verschaltungen zwischen den Nervenzellen. Kinder sollten deshalb in ihrer ersten Zeit möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Jedes einzelne Erlebnis wird dabei im Hirn gespeichert und mit anderen verbunden. Dabei wird alles, was körperlich und emotional erlebt und erlernt wird, viel besser im Gehirn verankert als auswendig gelerntes „unbelebtes“ Wissen.

Fähigkeiten wie vorausschauend zu denken, komplexe Probleme zu analysieren, kreative Lösungen zu finden und die eigenen inneren Impulse und Gefühle zu kennen und zu steuern, können nicht durch Wissenserwerb erlangt werden. Nur unmittelbare, mit Körper und Gefühl gemachte Erfahrungen stoßen im Gehirn die wichtigen Lernprozesse an. Nur so können Kinder all das entfalten, was sie in Zukunft brauchen: Innovationsgeist und Kreativität bei der Suche nach neuen Lösungen. Motivation und Einsatzbereitschaft bei der Umsetzung guter Ideen, gepaart mit Durchhaltevermögen, Vertrauen und Zuversicht. Umsicht und Geduld, da nicht alles, was sie versuchen, auch auf Anhieb gelingt.

Die Basis entwickelt sich in der Kindheit

In den ersten sechs Lebensjahren lernen Kinder daher ihr gesamtes Rüstzeug für das weitere Leben.

Wie bei einem Hochhaus hängt die Stabilität entscheidend vom Fundament ab. Damit sich Kinder zu selbstständigen und starken Persönlichkeiten entwickeln, brauchen sie eine ganz bestimmte Basis. Diese besteht vor allem aus Vertrauen, Selbst-Wert und -Wirksamkeit, Kreativität und Begeisterungsfähigkeit. Eltern können ihre Kinder beim Schaffen dieser Basis unterstützen oder sie daran hindern. Jedes Kind kommt mit einer großen Lust am eigenen Entdecken, Lernen und Gestalten zur Welt. Nie wieder ist es so begeistert und neugierig darauf, die Welt und das Leben kennen zu lernen wie in seiner frühen Kindheit. Diese Offenheit und Neugier ist der Schatz der frühen Kindheit, den wir Eltern bewusster wahrnehmen und hüten können.

Oft ist es üblich, Kindern möglichst früh Sachwissen beizubringen, ihnen bei für sie schwierigen Aufgaben „zu zeigen, wie es geht“ und „ihnen die Welt zu erklären“ – und all das völlig ungebeten und ungefragt. Dank der modernen Hirnforschung wissen wir es nun besser: Obige Basis lässt sich nicht von anderen in das Gehirn des Kindes hineinmanövrieren.

Die zentralen persönlichen Fähigkeiten lassen sich nicht unterrichten. Eltern sind daher gefragt, Kindern viel Zeit und Raum zu bieten, in denen sie sich selbst ausprobieren und erfahren können.

Diese Erfahrungen sind sehr wichtig, ja sogar unabdingbar für die Entwicklung von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, von Selbstwert, Kreativität und Selbstwirksamkeit. Leider neigen wir gerne dazu, Kindern alles fix und fertig vorzusetzen, haben oft keine Zeit oder Geduld, unsere Kinder viele eigene „Try and Error“-Erfahrungen machen zu lassen.

Kind zum Versuchen ermuntern

Ein Beispiel: Ein Kind baut einen Turm aus Bauklötzen und immer wieder fällt der Turm um. Anstatt das Kind zu ermuntern, es weiter zu versuchen und ihm zu sagen, dass es das bestimmt schaffen wird, gehen wir hin und „zeigen ihm, wie es geht“. Das heißt WIR tun es, wir präsentieren unsere Lösung. Es ist nicht die Lösung, die das Kind selbst entdeckt hat, darauf stolz und mit sich zufrieden sein kann. Eine verpasste Gelegenheit, in welcher unser Kind ein Stück weit sein Rüstzeug fürs Leben hätte lernen können.

Weil dieser Turmbau für uns Erwachsene „ein Kinderspiel ist“ vergessen wir, dass es für unser Kind eine wertvolle Lebenserfahrung ist. Uns stellt sich nun die Aufgabe, unser Kind zu ermutigen, zu inspirieren und ihm viele verschiedene Tätigkeiten anzubieten. Und wenn das Kind am Erforschen und Entdecken seiner eigenen Ideen und Möglichkeiten ist, mit „gut gemeinten“ Rat-Schlägen, all unserem Wissen und unseren Fertigkeiten so sparsam wie nur irgend möglich umzugehen, damit unser Kind selbst jeden Tag aufs Neue immer mehr und öfter Gestalter seiner eigenen kleinen Lebenswelt sein kann.

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