10. April 2017

Die Gabe des Beobachtens stärken


Die Bedeutung der Beobachtung für die Erziehung, um sich zu beruhigen und achtsam für die Umgebung zu werden, rückt heute oft in den Hintergrund. Wie wir das Beobachten nicht verlernen.

Die meisten Kinder beobachten von sich aus gerne und ausgiebig, wenn man sie lässt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Kind (gefühlte) Stunden lang Käfern, Ameisen und anderen Tierchen zusehen konnte, ohne dabei Langeweile zu empfinden. Es ist einfach faszinierend, wie eine Biene in einer Blüte verschwindet und dann mit dick bepackten Pollenhosen wieder weitersummt. Wie Vogeleltern unermüdlich immer wieder mit Nahrung heranfliegen, um die hungrigen Schnäbel zu füllen. Wie Spinnen elegant auf und ab tänzeln, bis ihr Netz endlich fertig ist. Wie die Tautropfen im Spinnennetz wie Perlen glitzern… All das begeistert mich heute noch.

Kinder brauchen Zeit zum Beobachten

Ich hatte als Kind die Zeit, Muße und auch das Verständnis meiner Bezugspersonen für ausgiebige Beobachtungs-Sitzungen. Wäre ich ständig dabei gestört und aufgescheucht worden, hätte ich diese Gabe nie so intensiv entwickeln können. Dafür bin ich sehr dankbar!

Viele dieser spannenden Geschichten in der Natur geschehen so nebenbei, von den meisten unbemerkt. Die Arbeit, der Stress, das Handy, alles ist lauter und wichtiger.

Wenn wir uns ab und zu die Zeit nehmen, um bewusst zu beobachten, was da in der Natur um uns herum abläuft, hat das eine beruhigende, heilsame und belebende Wirkung.

“Kontemplation” ist konzentriertes Betrachten

Kontemplation, Beobachtung, beobachten stärken - meinefamilie.at
Das Umfeld genau betrachten und beoachten.

Im geistlichen Bereich heißt Beobachtung “Kontemplation”, laut Wikipedia vom lateinischen Wort contemplatio was „Richten des Blickes nach etwas“, „Anschauung“ oder „Betrachtung“ bedeutet. Der Begriff wird meist für das konzentrierte Betrachten eines Textes verwendet. Man kann aber durchaus auch andere Dinge wie z.B. Schönes in der Natur “kontemplieren”. Dieses Betrachten ist mehr als ein bloßes Hinschauen. Kontemplation braucht Zeit. Sie funktioniert nicht im schnellen Vorbeigehen. Ich kann z.B. an einem Baum täglich vorbeigehen, ihn sogar wahrnehmen, ohne ihn in der Tiefe wirklich zu betrachten. Der Mensch, der Kontemplation übt, erfasst den Betrachtungsgegenstand mit allen Sinnen. Er lenkt sein ganzes Interesse darauf, beschäftigt sich gedanklich damit. Das Betrachtete wird zu einem Teil von ihm selbst.

Das klingt jetzt alles sehr mystisch und vielleicht etwas abgehoben. Ich versuche es, etwas anders zu erklären. Nehmen wir an, ich sehe im Garten eine rote Tulpe blühen. Ich freue mich, hole das Handy hervor, drücke ab und habe das Foto dieser schönen Blume gespeichert. Dann gehe ich weiter, noch immer von Freude erfüllt. Doch meine Aufmerksamkeit ist schon wieder ganz woanders.

Ein andermal sehe ich die gleiche Tulpe. Ich nehme mir bewusst Zeit und hole meinen Zeichenblock, setze mich hin und schaue sie mal von allen Seiten an. Ich bemerke, dass sie sechs Blütenblätter hat, mit feinen Adern, die zur Spitze hin zulaufen. Ich nehme die dreigeteilte Narbe wahr und auch, dass die Blütenblätter am Ansatz gelb und oben etwas eingerollt sind. Wenn der Wind weht, bewegt sich die Blüte sanft.

Meine Augen beginnen, das Wesen der Blume zu erfassen. Hin und her wandert der Blick von der Blume zum Papier. Langsam entsteht, Blick für Blick und Strich für Strich ein Abbild dieser Blume. Sie ist für mich einzigartig geworden. Und doch geht es gar nicht so sehr um die reine Abbildung, dafür wäre eine Kamera viel besser geeignet.

Es geht darum, was ich in der Blume sehe, was sie für mich bedeutet.

Für den einen ist sie eine feurige Krone. Für den anderen eine Liebeserklärung. Das, was mich daran beeindruckt, versuche ich auszudrücken, auf meine ganz individuelle Art und Weise.

Beobachtung fördert Achtsamkeit und Dankbarkeit

Was hat nun Kontemplation mit Erziehung zu tun? Ich finde, sehr viel. Erstens einmal fördert Beobachtung die Achtsamkeit. Wenn ich eine Ameise dabei beobachtet habe, wie sie ihre schwere Last meterweit geschleppt hat, baue ich eine Beziehung zu ihr auf. Ich gehe achtsam mit ihr um, lasse sie ihren Weg gehen und wähle meinen eigenen so, dass sie nicht zu Schaden kommt. Zweitens fördert Beobachtung Dankbarkeit und meine Beziehung zu Gott. Wenn ich die Dinge genau betrachte, wird mir das Wunder erst so richtig bewusst, das sie sind. Gott, wie wunderbar sind deine Werke! Wie wunderbar, dass er Bienen geschaffen hat, die den Nektar in mühevoller Arbeit aus den Blüten sammeln! Ein Honigbrot schmeckt nach einer halben Stunde Bienenbeobachtung noch viel, viel besser! Nicht zuletzt fördert Beobachtung unsere Gabe zu zeichnen. Jemand, der gut und ausdauernd beobachtet, kann das Gesehene meist auch gut darstellen.

Also liebe Eltern, gönnt euch selbst und euren Kindern ab und zu kleine Beobachtungsabenteuer!

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EIN ARTIKEL VON
  • Maria Lang

    Ich lebe mit meiner Familie in Wieselburg. In meiner Jugend bereiste ich die halbe Welt und war nach meiner Ausbildung sozial in Indien tätig. Nun unterrichte ich mit meinem Mann unsere vier Kinder zuhause und bin Autorin und Kulturvermittlerin im Stift Melk.


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