28. September 2016

Bedingungslose Liebe hat Vorrang

Bedingungslose Liebe - meinefamilie.at

Jedes Kind entwickelt Selbstständigkeit – und zwar ganz von allein. Wann und wie, das variiert allerdings stark. Wie Eltern dabei unterstützen können: Sie können ihre Kinder einfach bedingungslos lieben.

Nach “Wie werden Kinder selbstständig?” und “Warum ich meinem Sohn gerne helfe, wenn er das will” ist dieser Beitrag Teil 3 einer Serie zum Thema Selbstständigkeit.

Wenn Normen persönliche Entwicklung vorgeben

Normen sind Verhaltensweisen und -regeln, die sich in einer Gesellschaft entwickelt haben und meist als gegeben hingenommen werden. Eine solche Norm in unserer Gesellschaft ist es zum Beispiel, Kinder mit spätestens drei Jahren in den Kindergarten zu geben. Eltern spüren häufig den gesellschaftlichen Druck, ihrem Kind nichts vorzuenthalten, also: adäquate Anregung, Förderung, pädagogisch wertvolles Spielzeug, gemischtaltrige Gruppen, andere Kinder zur Sozialisierung. Ablöseprozesse werden dann oft zu früh und unsanft herbeigeführt. Und das, obwohl viele Eltern instinktiv spüren, dass ihre Kinder sie ganz stark brauchen.

Tatsache ist: Der Prozess der Loslösung erfolgt individuell.

Jedes Kind hat seine persönliche Geburtsgeschichte, Lebensumgebung, Bindungsentwicklung, sein einzigartiges Naturell. Das alles bedingt den Zeitpunkt, zu dem ein Kind bereit ist, sich von selbst weiter zu öffnen. Es ist ein freiwilliger Weg.

Carola Eder, Autorin des berührenden Buches „Auf den Spuren des Glücks. Das Kontinuum-Konzept im westlichen Alltag“ dazu: „[Ich konnte] beobachten, dass die Kinder – wenn sie die Gelegenheit dazu erhielten – von sich aus den Ablöseprozess einleiteten und fortsetzten, ohne dass sie dazu ermuntert werden mussten. Aber eben zu einem viel späteren Zeitpunkt, als die Gesellschaft es erwartet. […] Eine Erziehung zur Selbstständigkeit ist nicht sinnvoll. Sobald das Kind unter Druck gesetzt oder durch Belohnung oder Strafe etc. manipuliert wird, wird es entweder Widerstände aufbauen oder nur noch funktionieren: […] Jedes Kind hat seinen eigenen, individuellen Zeitpunkt, selbstständiger zu werden.“ Wenn Eltern mit offenen Augen, Ohren und Herzen auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen, dann bereiten sie den fruchtbaren Boden für deren gesunde Entwicklung. Eine Entwicklung, die automatisch zu Selbstständigkeit führt.

Zuwendung gibt Sicherheit

Der Gedanke ist bekannt: Je mehr ein Kind allein (also ohne Mama und Papa) macht, desto selbstständiger ist und wird es. Das ist jedoch ein Trugschluss. Denn gerade die beständige Zuwendung, das Schenken von intensiver Aufmerksamkeit durch die Bezugspersonen sind es, die Kindern Sicherheit geben. Einen Rückhalt in ihren vielschichtigen und häufigen Entwicklungsphasen: Mal sind sie verwegen, dann wieder ängstlich. Mal sind sie unternehmungslustig, dann anhänglich. Diese Phasen sind schlicht und ergreifend Realität im Leben mit Kindern. Und vollkommen normal. Sich dagegen zu stellen und von Kindern mehr Eigenständigkeit zu erwarten, bringt Frust oder Machtkämpfe.

Wenn Eltern es schaffen, sich – gerade in aufreibenden Phasen – auf die Seite der Kinder zu stellen, deren Bedürfnisse zu hören und ihnen das zu geben, wonach sie lechzen, dann können Kinder genau jene Sicherheit finden, die sie brauchen, um die nächsten Schritte gehen zu können.

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Wenn ein Kind zum Beispiel gerne klettert, wird sein Herz erstrahlen, wenn Eltern viele Klettermöglichkeiten bieten.

Wie sich bedingungslose Liebe mitteilt

Es ist wohl wahr, dass verschiedene Familien verschiedene Lebenssituationen zu meistern haben. Patentrezepte gibt es deshalb nicht. Wie auch immer Eltern ihr Leben führen – wertvoll finde ich die Entwicklung einer Haltung, die Kinder als bedingungslos liebenswert erkennt. Denn bedingungslose Liebe ist es, was Kinder für ihr Wachstum brauchen. Eine Zuneigung, unabhängig von Leistung oder Erwartung. Eine Beziehung ohne Belohnung und Bestrafung. Die Gewissheit der simplen, aber kraftvollen Botschaft: So wie ihr seid, seid ihr gut. Mit dieser Versicherung in der Westentasche können Kinder gar nicht anders, als selbstständig zu werden.

Wer mehr wissen möchte, dem empfehle ich die herzerwärmenden Bücher von Alfie Kohn (Liebe und Eigenständigkeit) und Naomi Aldort (Von der Erziehung zur Einfühlung). Die Message: Es genügt nicht, dass Eltern ihre Kinder lieben; denn das tun ohne Zweifel alle Eltern. Alle Eltern geben ihr Bestes, davon bin ich zutiefst überzeugt!

Kinder müssen aber diese Liebe auch fühlen können. Sie müssen spüren, dass sie – egal, was passiert – geliebt, geschätzt und geachtet werden.

Der Knackpunkt dabei: Jedes Kind nimmt Liebe unterschiedlich wahr. Wenn ein Kind zum Beispiel gerne klettert, wird sein Herz erstrahlen, wenn Eltern viele Klettermöglichkeiten bieten. Wenn ein Kind lieber kuschelt, dann wird es sich durch Zweisamkeit gehört fühlen usw. Liebe spricht eben viele Sprachen. Damit Eltern herausfinden können, wie und ob ihre Liebe bei ihren Kindern ankommt, braucht es Zeit und Einfühlung.

Bedingungslose Liebe in der Praxis

Mein Sohn zum Beispiel muss sich fast ständig meiner vollen Aufmerksamkeit sicher sein. Ziehe ich sie von ihm ab, wird er unrund. Was mache ich also? Ich bringe ihn so wenig wie möglich in Situationen, in denen ich im Vorhinein schon weiß, dass ich mich ihm nicht so widmen kann, wie er es braucht. Ist eine derartige Situation unausweichlich, versuche ich mich möglichst kooperativ zu verhalten. Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass ich es immer schaffe, meine Liebe für meinen Sohn wahrnehmbar zu machen: Ich spüre oft in mir Erwartungen an ihn, verhalte mich impulsiv und bürde ihm die Last der Verantwortung für meine Gefühle auf. Durch beständige Arbeit an mir selbst, Achtsamkeit und Gewaltfreie Kommunikation schaffe ich es aber immer mehr, mir diese Prozesse bewusst zu machen und alternative Wege zu gehen.

Zukunftsschau

Wenn ich meinem Sohn mit auf den Weg gebe, dass er eigene Entscheidungen treffen kann und darf, dass meine Meinung nur eine von vielen und gewiss nicht immer das A und O ist, dass seine Ideen genauso viel wert sind und zuverlässig gehört und gesehen werden, dass ich immer da bin, wenn er um meine Hilfe bittet, ich ihm zugleich Zeit und Vertrauen schenke, um seinen eigenen Weg zu finden, wenn ich seine Entscheidungen mittrage und auch bei ihm bin, wenn er Mist gebaut hat, wenn er spürt, dass er alles, was er braucht, bereits in sich trägt und dass er – mit all seinen Vorzügen und Schwächen – gut genug ist: Nein, dann mache ich mir nicht die geringsten Sorgen ob seiner Entwicklung zur Eigenständigkeit. Ich kann und darf getrost vertrauen.

Deshalb möchte ich alle Eltern ermutigen:

Seid für eure Kinder da – egal um welches kleine oder große, wichtige oder unwichtige, nachvollziehbare oder weniger nachvollziehbare Anliegen es sich handelt.

Das Wissen, dass sie sich auf eure bedingungslose Liebe und Unterstützung verlassen können, wird sie – wenn sie soweit sind – in das Universum der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit katapultieren. Ganz bestimmt!

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.


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