29. März 2016

Eltern, habt keine Angst!

Ängste, die Eltern nicht zu haben brauchen - meinefamilie.at

Eltern haben Ängste, was die Zukunft bringen wird, ob die eigene Erziehung gut ist, ob sie konsequent genug sind,… Die Ängste blockieren die Freude an den Momenten mit Kindern. Doch eigentlich dürfen Eltern vor allem ihrem Gefühl vertrauen.

Als Eltern kann man über die aufregende Entwicklung seines Kindes meist nur staunen. Allerdings wird dieses Staunen – dieses Sich-am-Kind-Erfreuen – immer wieder unterbrochen, untergraben. Teils durch eigene Ängste, Erwartungen und Glaubenssätze. Teils durch jene von anderen Personen. Ängste lenken die Aufmerksamkeit weg vom Wesentlichen. Und können auf diese Weise wertvolle Erfahrungen behindern.

Meine eigenen Ängste identifizieren

Mein Sohn (2 ¾) steckt mitten in einem Entwicklungsschub. Und zwar in einem sehr ausgeprägten. Beinahe alles regt ihn auf, ich fühle mich von einer tickenden Zeitbombe umgeben. Jeden Moment kann’s knallen. Obwohl ich es eigentlich schon besser wissen müsste, erwische ich mich in solch anspruchsvollen Zeiten bei Gedanken wie: Was geht denn hier ab? Ist das (noch) in Ordnung? Oder läuft da gerade etwas gewaltig aus dem Ruder? Wie immer neige ich dazu, die harmonischen vorangegangenen Wochen zu vergessen, in denen sich mein Sohn umgänglich, kooperativ und liebevoll zeigte, in denen wir es einfach schön hatten.

Und wieder ist es da: Das Verwöhn-Gespenst in meinem Kopf: Muss ich vielleicht doch konsequenter sein, meine Grenzen vehementer vertreten?

Anstatt die Tage mit meinem Sohn einfach zu schätzen (denn jeder einzelne davon bedeutet im Grunde Lernen-Dürfen und Beschenkt-Sein), vergeude ich meine Energien mit Gedankenspielen. Ich ersinne und erspinne Zukunftsszenarien von fragwürdigem Ausmaß und Ausgang. In den allermeisten Fällen sind diese Gedanken Ableger meiner eigenen Ängste. Und dahinter stecken wohl eigentlich Erwartungen an mich selbst, Beurteilungen meiner selbst: Mache ich „es“ als Mutter „richtig“? Bin ich überhaupt eine „gute“ Mutter? Häufig übersehe ich dadurch, was gerade tatsächlich Sache ist, was auf der Hand liegt, was zu tun ist. Und vergesse überdies: Mein Sohn entwickelt sich von ganz alleine, ohne meine aktive Steuerung. Das Leben ist gut. Alles passiert zu seiner Zeit.

Die Ängste anderer identifizieren

Neben dem Entwirren des eigenen Netzes von Glaubenssätzen sind es zusätzlich die Meinungen, Erwartungen und Forderungen der Menschen im näheren oder weiteren Umfeld, die oft verunsichern. Doch – Gott sei Dank – reift nicht nur mein Sohn von einem Entwicklungsschub zum nächsten, sondern auch ich. Und so kann ich allmählich zwischen meinen eigenen Gedanken und denen anderer ganz gut unterscheiden.

Wenn also Frau oder Herr Ungefragt finden, mein Sohne klebe zu stark an mir und werde deshalb nie selbstständig werden, dann erkenne ich in diesen Aussagen ihre Befürchtungen, Ideen und Überzeugungen. Ihre, nicht meine.

Und die brauche ich mir nicht umhängen zu lassen. Und ich brauche mich auch nicht zu erklären. Ich kann und darf getrost meinen Weg weitergehen. Und meinem Gespür vertrauen. Ich darf mir und meinem Sohn Zeit lassen. Ich darf staunen und staunen und staunen. Auch wenn viele vielleicht kopfschüttelnd über das staunen, was ich tue.

Hätte ich mich von den Ratschlägen und Angstmachereien anderer (ver-)leiten und von meiner Intuition abbringen lassen, hätte ich zum Beispiel nie erfahren, wie wunderbar und hilfreich das Stillen sein kann, wie bereichernd es sein kann, sein Kind viel zu tragen, wie befreiend es ist, mein Leben neu auszurichten. Vieles hätte ich verpasst, nie erlebt. Aus unreflektierter Angst hätte ich mich um bestimmte Erfahrungen gebracht. Und diese unreflektierte Angst macht mir gelegentlich am meisten Angst…

Ängste verabschieden und das Leben willkommen heißen

Ich habe eine Vision als Mutter und Mensch. Daran will ich festhalten – auch wenn ich beinahe täglich nach bestem Wissen und Gewissen scheitere:

Ist das Leben (mit meinem Kind) gerade einfach, will ich es genießen. Ist es gerade schwierig, will ich es nach Möglichkeit auch genießen. Im Wissen, dass auf Regen stets Sonne folgt.

Doch wie schaffe ich es möglichst unbeschadet und entspannt durch die Regenzeit? Durch jene Zeit, in der ich an mir selbst am meisten zweifle, wenn mich Ängste und Glaubenssätze lähmen? Wenn ich mich im Gedankenchaos verliere, anstatt im „Hier und Jetzt“ zu sein und mit meinem Sohn schlicht und einfach in Beziehung zu treten und zu sein? Die einzige mir mögliche Antwort: mit Vertrauen. Vertrauen, dass ich jede Situation bewältigen kann, dass ich mich täglich neu entscheiden kann, wenn ich merke, dass ich auf dem Holzweg bin, dass nichts in Stein gemeißelt ist, dass nie alles verloren ist. Mit aktivem Zuhören, einer gehörigen Menge an Empathie und gewaltfreier Kommunikation habe ich bis jetzt noch alle Situationen gemeistert. Weder perfekt noch elegant. Sondern so, wie es mir möglich war. Und das reicht.

Ich – und nur ich – habe es in der Hand, die “Geister zu vertreiben”. Ich kann aktiv über die Ausrichtung meiner Gedanken bestimmen. Ich kann mich dafür entscheiden, mich angstfrei und aufmerksam auf jeden einzelnen Moment einzulassen, auf den guten und den weniger guten. Denn sonst ist er weg. Für immer verschwunden. Und ich werde nie wissen, ob er nicht der schönste in meinem Leben hätte sein können.

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.


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